Serie Reise durch das Weinland Schweiz

Ungetrübte Liebe

Ausserdem

Tipps des Ehepaars Ritter Cochand in der Region

Von lokaler Küche bis zum Weinpfad

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Chantal Ritter Cochand und Yves Cochand träumten von einem gemeinsamen Leben mitten in der Natur - als Weinbauern. In Le Landeron produzieren sie heute den für Neuenburg typisch trüben Non filtré.

von Barbara Klingbacher

Natürlich, sagt Chantal Ritter Cochand, natürlich gebe es auch Meinungsverschiedenheiten. Ihr Mann Yves Cochand nickt - und lacht. Das sei ja ganz unvermeidlich, wenn man seit 25 Jahren jeden Tag zusammenarbeite und gemeinsam zwei Kinder aufziehe. Aber wenn es wirklich mal zu eng werde, «dann findet man zwischen dem Keller und den Reben genug Distanz, bis es wieder gut ist».


Foto: Hans-Peter Siffert

 

Die Geschichte dieses Weinguts ist die Geschichte einer Neuenburger Weinbauernfamilie, aber vor allem ist es: eine Liebesgeschichte. Sie beginnt nicht hier in Le Landeron NE, dem hübschen Winzerdorf am Ufer des Bielersees, sondern hoch oben in den Bergen. Es sind die frühen Achtzigerjahre, Chantal ist Handelsschulabsolventin und Anfang zwanzig, Yves ein paar Jahre älter und Vermessungszeichner. Den Sommer über arbeitet Yves auf einer Alp, und Chantal verbringt zufällig ein Wochenende dort. Die beiden verlieben sich, werden ein Paar. Zwei Jahre später übernehmen die beiden gemeinsam eine Alp oberhalb von Château-d?Oex VD. Stehen fünf Monate lang im Morgengrauen auf, kümmern sich um die Rinder, bewirtschaften die Hütte, und nach dem Alpabzug im Herbst sind sie sich einig: Ihr zukünftiges Leben soll nicht im Büro stattfinden. Sondern draussen, nahe an der Natur, am liebsten mittendrin.

Winzer wollen sie werden. Denn Chantal Ritter Cochand und Yves Cochand teilen dieselben Kindheitserinnerungen. Schon ihre Grosseltern waren Weinbauern, und beim Wümmet half jeweils die ganze Familie mit. Cochands Familie hatte die Reben inzwischen verkauft, aber die Grossmutter von Chantal Ritter lebte noch immer in dem historischen Winzerhaus in Le Landeron und besass einen halben Hektar Reben. Keines ihrer vier Kinder hatte das Gut übernehmen wollen, und als Chantal Ritter Cochand von ihrem Traum berichtete, war die Familie zunächst etwas skeptisch. Sie fanden, es sei zu viel Arbeit für zu wenig Geld. Nur die Grossmutter, die freute sich: «Wie schade, dass dein Grossvater das nicht mehr erlebt.»


Foto: Hans-Peter Siffert

Ganz schön trüb

25 Jahre später. Das Ehepaar sitzt in der Küche des Winzerhauses und klebt Couverts zu. Der Küchentisch ist gleichzeitig Büropult, man verschickt Einladungen an die Kunden. «Sicher ist es viel Arbeit», sagt Chantal Ritter Cochand, «aber es ist das, was wir tun wollen.»

Der Winter ist die ruhigste Zeit des Jahres. In den Tanks im Keller gärt der Wein und will überwacht sein, in den Rebhängen der Drei-Seen-Region beginnt man jetzt mit dem Rebschnitt, bei dem die letztjährigen Triebe gestutzt werden. Eine wichtige Arbeit, die über die Qualität der nächsten Ernte entscheidet und sich bis zum März hinzieht. Der erste Höhepunkt des Jahres allerdings steht kurz bevor: Immer am dritten Mittwoch des Januars gelangt eine Neuenburger Spezialität, der Non filtré, in den Verkauf. Die Winzer der Gegend werden an diesem Tag ihre Tische im Hôtel de Ville aufstellen, Flaschen und Gläser drapieren und den Wein vor dem Öffnen kurz schütteln, damit er auch schön trüb ist. Die Degustation ist ein kleines Volksfest mit vielen Besuchern. Die Einheimischen können den ersten Wein des Jahrgangs 2009 kaum erwarten. Dabei wurde der Non filtré aus der Not heraus erfunden, ein paar Kilometer weiter südwestlich, am Ufer des Neuenburgersees.


Foto: Hans-Peter Siffert

Ein neuer Wein wird geboren

Man schreibt den Januar 1976, und es gibt zu wenig weissen Neuenburger. In der Kneipe La Golée in Auvernier sitzen die Zecher auf dem Trockenen. Der wenige Wein von 1974, einem Frostjahr, ist bereits weggetrunken. Der 1975er aber schlummert noch in den Fässern. Eines kalten Winterabends kann der Winzer Henri-Alexandre Godet das Gejammer der durstigen Gäste nicht mehr hören. Er steigt also hinab in seinen benachbarten Keller und zapft ein paar Flaschen des noch trüben, unfiltrierten 1975ers - und alle sind begeistert. Ein neuer Wein ist geboren, ein Chasselas, in dem die abgestorbenen Hefezellen und Trübstoffe ihren Geschmack voll entfalten. Über die Jahre hinweg finden sich dann immer mehr Anhänger, und immer mehr Neuenburger Winzer beginnen, einen Non filtré zu produzieren.

Geschmack des vergangenen Jahres

Auch Chantal Ritter Cochand freut sich auf die Degustation im Hôtel de Ville. Nicht nur, weil sie dort ihren eigenen Non filtré vorstellt. Sondern um jenen ihrer Winzerkollegen zu probieren und mit ihrem zu vergleichen. «Man schmeckt», sagt sie, «wie man im vergangenen Jahr gearbeitet hat.»

Bevor sie das Gut übernahmen, hat Chantal Ritter Cochand eine Stage bei einem Winzer in La Neuveville BE absolviert, danach Weinbau und Önologie studiert. Das hat sich so ergeben, weil Yves Cochand damals einen Job hatte und jemand für das Einkommen sorgen musste. Auch während der ersten Jahre als Winzer behielt Yves Cochand seine 60-Prozent-Stelle als Zeichner. Die Investitionen waren hoch: Die Grosseltern hatten keine Pressen oder Tanks mehr, sondern den Wein auswärts keltern lassen. «Wir haben die ganzen Geräte nach und nach gekauft», sagt Chantal Ritter Cochand, «und die Anbaufläche langsam vergrössert.» In diese Aufbauphase wurden die beiden Töchter geboren - und ebenfalls gemeinsam betreut. Allerdings waren sie mit diesem Modell ihrer Zeit voraus: «Wenn ich damals tagsüber mit den Kindern unterwegs war, musste ich oft erklären, dass ich weder arbeitslos noch krank bin, sondern ganz einfach Vater.» Inzwischen sind die Töchter 18 und 20 Jahre alt. Es sieht nicht so aus, als würden sie den Betrieb übernehmen. «Sie sollen etwas finden, was sie glücklich macht», sagt Chantal Ritter Cochand, «dieses Leben hier, das ist unser Traum, nicht ihrer.»

Neunmal grösser als zur Zeit der Grossmutter ist der Betrieb heute. Das Ehepaar bewirtschaftet 4,5 Hektaren Reben, verteilt auf verschiedene Parzellen rund um Le Landeron. Sie bauen hauptsächlich die für die Region typischen Sorten Chasselas und Pinot noir an, daneben aber auch Spezialitäten wie etwa den raren Doral, eine Kreuzung aus Chasselas und Chardonnay. Ein bisschen mehr Fläche dürfte es noch sein, sagt Chantal Ritter Cochand, aber ab fünf Hektaren würde es schwierig: «Dann müssten wir den Keller im Haus vergrössern. Und vor allem könnten wir nicht mehr alles selber machen. Das wäre schade.» Yves Cochand übernimmt eher die schweren Arbeiten in den Reben, hantiert mit Maschinen und Traktor, Chantal Ritter Cochand hingegen ist alleine zuständig für die Vinifikation. Denn bei aller Einigkeit: Im Weinkeller sei es wie in der Küche, sagt Yves Cochand, «ein gelungenes Essen verträgt nicht zwei Köche».

 

Diese Serie entsteht in Zusammenarbeit mit Swiss Wine Promotion. Die nächste Folge erscheint in Nr. 6 vom 4. Februar.

 

 

 

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 10/02 der Schweizer Familie publiziert.

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Diese Serie entsteht in Zusammenarbeit mit Swiss Wine Promotion.



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