Garten
Das Wunder aus der Tüte
Im Garten können wir zu dieser kalten Jahreszeit wenig tun. Doch drinnen beginnt bereits der Frühling. Wer nun im HausSommerblumen sät, sichert den Pflanzen einen Vorsprung und hat mehr Sorten zur Auswahl.
Langsam, aber sicher und unaufhaltsam gehts bergauf; die Tage werden länger, ab und zu ahnt man gar einen Hauch von Frühling, hört morgens Vögel zwitschern, und die Freude auf die Gartensaison wächst. Nur: Draussen können wir noch wenig tun. Aber drinnen. Indem wir den Frühling ins Haus holen und Sommerblumen vorziehen. Am besten gelingt das mit den Einjährigen. Sie blühen wohl nur einen Sommer lang, dafür pausenlos und unermüdlich bis zum ersten Frost.
Natürlich können wir im Frühling in Gärtnereien und Gartencentern Jungpflanzen kaufen. Die aber sind nicht billig. Mit einem Samentütchen für zwei, drei Franken oder etwas mehr ziehen wir bis zu hundert Pflanzen heran. Und natürlich können wir die Samen im Mai direkt ins Gartenbeet streuen. Die Vorsaat im Haus aber hat den Vorteil, dass die Pflänzchen bis zum Aussetzen ins Freie erstarkt sind und gegenüber den direkt ins Beet gesäten einen beträchtlichen Vorsprung haben: Sie blühen früher und damit länger.
Zudem - und vor allem - macht es Spass, das Keimen zu verfolgen, die ersten, zarten Sprossen zu entdecken, zu beobachten, wie sie wachsen, erstarken, grün werden. Grün wie die Hoffnung auf einen schönen Sommer. Der Spass beginnt bereits beim Studieren der Samenkataloge und dem Stöbern an den Ständern mit den bunten Wundertüten. Denn auch die viel zitierte Qual der Wahl gehört zum Spass. Was säen wir dieses Jahr? Duftende Levkojen, verspielte Löwenmäulchen, kugelige Ranunkeln, knallige Zinnien, himmelblauen Rittersporn, pastellfarbene Kosmeen, leuchtend gelbe Husarenknöpfchen? Ausserdem kommen jedes Jahr Neuzüchtungen der altbekannten Klassiker auf den Markt. Und diese Neuheiten gibts meist nur als Samen.
Wenn wir es richtig anstellen - und das ist nicht schwierig -, gelingt der Weg vom Samen zum ersten Grün mühelos. Ausser den Wundertüten brauchen wir dazu: passende Gefässe, Aussaaterde, ein Sieb, ein Holzbrettchen oder -klötzchen, einen Pikierstab (ein Bleistift, Brieföffner oder zugeschnitztes Hölzchen tuts auch). Und, nicht unwichtig, wie leicht vergisst man doch, was man säte, etikettenbeschriftet mit Art und Sorte. Wer es einfacher mag, steckt die Samentütchen in die Aussaatgefässe. Damit hat man gleich alle weiteren Informationen zur Hand wie späterer Standpunkt, Höhe und Platzbedarf der Pflanze, Verwendung usw.
Die Vorsaat im Haus geschieht in zwei Phasen. In der ersten werden die Samen in einer warmen Umgebung in Aussaatschalen gesät, damit der Samen zum Keimling wird. In der zweiten Phase werden die Pflänzchen versetzt oder vereinzelt, was in der Fachsprache pikieren heisst, damit sie genügend Platz haben, um gross zu werden.
Und so gehts:
In saubere, keimfreie Aussaatschalen (gibts in Garten- und Hobbycentern) Aussaaterde einfüllen. Sie ist feiner als Blumenerde und arm an Nährstoffen, was die Wurzelbildung anregt. Mit den Händen leicht andrücken und mit einem Holzbrettchen oder -klötzchen die Erde so glätten, dass sie am Rand etwas tiefer liegt, damit das Giesswasser zur Seite hin abfliesst.
Sehr feine Samen gibt man auf ein geknicktes Stück Papier, damit die Körnchen kontrolliert herausfallen. Gleichmässig und nicht zu dicht ausstreuen.
Feine Samen nur leicht andrücken. Über gröbere mit einem feinmaschigen Sieb eine dünne Schicht Erde sieben. Grobe Samen fingerbreit mit Erde bedecken.
Mit einem Sprüher Erde gut durchfeuchten und die Aussaatschale mit einer Glas- oder durchsichtigen Plastikscheibe abdecken. So entweicht kaum mehr Feuchtigkeit, und es entsteht das richtige Keimklima.
Bis der Samen keimt, muss die Kinderstube hell und warm sein mit einer Raumtemperatur von 20 bis 25 Grad. Ein Standort am unbesonnten Fenster ist ideal. Aber nicht über einem Heizkörper; ausgetrocknete Erde verhindert die Keimung.
Ab und zu die Abdeckung zum Lüften abheben. Wenn Kondenswasser von der Scheibe tropft, dreht man diese täglich um.
Wenn sich die Sämlinge zu strecken beginnen, Plastik- oder Glasscheibe entfernen und die Anzucht täglich mit angewärmtem Wasser besprühen.
Früher oder später, je nach Saatgut, wird es den kleinen Zöglingen in den Aussaatschalen zu eng. Sobald sich neben den beiden einfachen Keimblättern das zweite Blattpaar zeigt, ist es Zeit, um die Pflänzchen zu pikieren und umzupflanzen.
Weil sich die Sämlinge aus nasser Erde leichter entnehmen lassen, die Aussaaterde einige Stunden vor dem Pikieren gründlich giessen und neue Gefässe bereitstellen. Das können Tontöpfe sein oder sogenannte Multitopfplatten aus mehreren miteinander verbundenen Töpfen in unterschiedlicher Grösse. Aber auch Joghurtbecher tun ihren Dienst. Nur müssen sie im Boden einige Abzugslöcher bekommen. Oder man verwendet im Handel erhältliche Töpfe aus recyceltem Altpapier oder Torfersatz. Diese haben den Vorteil, dass sie später mit der Pflanze zusammen ausgesetzt werden können.
Ab in die Freiheit
Die neuen Gefässe mit neuer Erde füllen, jetzt kann es feinkrümelige Garten- oder Blumenerde sein, und Löcher hineinbohren. Dann die Keimlinge mit dem Pikierstab, Bleistift, Brieföffner oder dem zugeschnitzten Hölzchen eines nach dem andern aus der Saatschale heben. Zu lange Wurzeln um ein Drittel kürzen, schwache oder zu kleine Pflänzchen wegwerfen. Vorsichtig und ohne die Wurzeln zu verbiegen mit etwa 5 cm Abstand umsetzen. Etwas tiefer als vorher; die beiden Keimblätter sollen ein wenig über der Erde liegen. Leicht andrücken und mit abgestandenem Wasser und feiner Brause angiessen.
Auch der neue Standort soll hell sein und ohne direkte Sonneneinstrahlung. Die Temperatur allerdings tiefer als in der Saatschale, so zwischen 15 und 18 Grad.
Bevor die Pflanzen endgültig in die Freiheit kommen, werden sie ab Mitte / Ende April täglich für einige Stunden hinausgestellt. So können sie sich akklimatisieren. Wenn dann im Mai keine dicken Fröste mehr zu erwarten sind, ist die Zeit gekommen, die im Haus gezogenen Pflanzen auszupflanzen, in Beete, Balkonkistchen, Kübel. Da die meisten Sommerblüher Südländer sind, an einen sonnigen bis halbschattigen Platz. Dort werden sie von den Aufzuchtbehältern befreit und so tief in die Erde gebracht, wie sie vorher im Töpfchen standen. Der Sommer kann kommen.
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 10/04 der Schweizer Familie publiziert.
Zum Inhaltsverzeichnis der Rubrik "Freizeit"