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Schminkkurse für Krebspatientinnen
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Schminkkurse für Krebspatientinnen
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An den Beauty-Kursen der Stiftung «Look Good?Feel Better» lernen krebskranke Frauen, wie sie ausgefallene Wimpern ersetzen, Augenringe beseitigen und ihre Haut zum Leuchten bringen. Die Teilnehmerinnen gewinnen so mehr Selbstvertrauen und manchmal auch gleichgesinnte Freundinnen.
Text: Saskia van Wijnkoop
Mit hohen Fenstern, einigen Bürotischen und Stühlen ausgestattet, in grauen Sichtbeton gekleidet: Der Schulungsraum Nummer B312 in der Berner Frauenklinik strahlt schmucklose Nüchternheit aus. Sieben Krebspatientinnen haben an den u-förmig zusammengestellten Tischen nebeneinander Platz genommen und warten still, keine sagt ein Wort. Die meisten scheinen sich nicht zu kennen. Was sie verbindet, ist ihre Krankheit - der Krebs, den jede in einer anderen Form getroffen hat. Das beklemmende Schweigen wird erst durchbrochen, als eine der drei Kosmetikerinnen der Stiftung «Look Good?Feel Better» jeder Frau ein Geschenknecessaire überreicht. Die Kursteilnehmerinnen öffnen es sofort, schälen Gesichtscrèmes aus den Verpackungen, schnuppern an Körperlotions und drehen Lippenstifte auf. Erste kleine Gespräche kommen in Gang. Die Frauen lernen während des zweistündigen Beauty-Workshops, was sie kosmetisch gegen die Spuren ihrer Krebsbehandlungen unternehmen können.

Foto: Susanne Keller
Wimpern durch Lidstrich ersetzen
Besondere Aufmerksamkeit widmet Cécile Pugin, Teamleiterin der Beautyworkshops am Inselspital Bern, der Reinigung und Pflege: Hygiene sei wichtig für Frauen, deren Immunsystem durch Chemo- oder Bestrahlungstherapien geschwächt ist, aber auch eine gut befeuchtende Pflege: «Empfehlenswert sind Reinigungsprodukte ohne Seife, alkoholfreie Tonics und Feuchtigkeit spendende Crèmes.» Ausserdem zeigen die Kosmetikerinnen, wie ausgefallene Augenbrauenhaare mit einem Brauenstift nachgemalt und fehlende Wimpern durch einen präzis gezogenen Lidstrich ersetzt werden können.
Auch an schlechten Tagen schön
Den perfekten Lidstrich zu ziehen ist eine hohe Kunst: Die Frauen setzen das winzige Pinselchen an ihrem oberen Augenlidrand an und versuchen einen ebenmässigen Bogen zu ziehen, jede hochkonzentriert in den eigenen Kosmetikspiegel blickend. Für die meisten ist es das erste Mal im Leben, nicht aber für die 52-jährige Erika Bracher, die den Workshop bereits ein Jahr zuvor besucht hat: «Diesen Trick mit dem Lidstrich habe ich letztes Jahr jeden Tag angewendet, und niemand hat jemals bemerkt, dass mir alle Wimpern ausgefallen waren», erklärt sie den Neulingen stolz. Erika Bracher, Pflegehelferin aus Utzigen im Kanton Bern, ist eine lebhafte Frau mit einem ansteckend herzlichen Lachen und einer grossen Portion Selbstironie. Im Gegensatz zu den meisten anderen Kursteilnehmerinnen trägt sie keine Perücke, sondern - wie sie sagt - rund die Hälfte ihres ursprünglich sehr dichten Haarschopfs, kunstvoll toupiert.

Foto: Susanne Keller
Erika Bracher hat vor anderthalb Jahren die Diagnose Eierstockkrebs erhalten. Nach erfolgreicher Therapie wurden im letzten Herbst erneut Krebszellen in ihrem Bauch entdeckt, die nun abermals mit zahlreichen Chemotherapiesitzungen behandelt werden: «Dieser Beauty-Workshop gibt mir wieder die Sicherheit, dass ich auch dann noch etwas aus mir machen kann, wenn es mir nicht so gut geht.» Die übrigen Kursteilnehmerinnen nicken zustimmend: Aus den Spiegeln schauen ihnen ihre samtig gepflegten, dank Make-up, Puder und Lippenstift frisch leuchtenden Gesichter entgegen.
Sich selber wertschätzen
Die Tür des Schulungsraums geht auf, eine Frau streckt ihren gekrausten Kopf herein: «Wie schön ihr ausseht!» Es ist die 46-jährige Monika Biedermann, sie arbeitet als «Breast and Cancer Care Nurse». Als Ansprechperson für krebskranke Patientinnen in der Frauenklinik in Bern berät und begleitet sie die Frauen von der Diagnose an, auch bei Haarverlust und verändertem Aussehen. Monika Biedermann empfiehlt den «Look Good?Feel Better»-Kurs eindringlich: «Er ist eine Gelegenheit für die Frauen, etwas für sich selber zu tun, sich selber wertzuschätzen und manchmal sogar Freundinnen zu finden.» Allerdings gebe es auch Frauen, die schwer krank seien und blendend aussähen: «Für sie kann es zum Problem werden, wenn man ihnen die Krankheit nicht ansieht und die übliche Leistungsfähigkeit von ihnen erwartet.»

Foto: Susanne Keller
Symbolkraft des Schminkens
Annette Sigron ist zwischen den ganz jungen und den eindeutig älteren Kursteilnehmerinnen die einzige Mittvierzigerin. Die Haare fallen ihr zwar bereits büschelweise aus, und der Coiffeur hat ihr letzte Woche ihre lange, dunkle Haarpracht zur raspelkurzen Kurzhaarfrisur gestutzt. Eine Perücke hat die 45-Jährige aus Bern auch schon, trägt sie aber nicht. Die alleinerziehende Mutter hatte ihrem zwölfjährigen Sohn und ihrer neunjährigen Tochter vor ein paar Wochen bäuchlings aus dem Buch «Tintenherz» vorgelesen, als sie in der rechten Brust eine Veränderung spürte: «Da waren zwei erbsenartige Knötchen, die irgendwie nicht zu mir gehörten.» Die Untersuchungen, die folgten, waren eindeutig: Annette Sigron hatte Brustkrebs, die rechte Brust wurde ganz entfernt. Nun geht Annette Sigron zur Chemotherapie, aber auch in den Beauty-Workshop: «Mich zu schminken hat Symbolkraft - nachdem der Krebs mein Leben ungefragt auf den Kopf gestellt hat, will ich jetzt aktiv etwas an mir verändern.» Sagts und trägt resolut knallroten Lippenstift auf: «Das Rot bedeutet für mich auch: Auf in den Kampf, ich will leben und habe noch viel vor.»
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 10/06 der Schweizer Familie publiziert.
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