Machen Sie Platz!
Eine vollgestopfte Wohnung beengt auch den Geist. Trennen Sie sich von Unnützem, und schaffen Sie Raum für Neues. Aber mit System.
Text: Kathrin Fritz
Illustration: Rahel Arnold
Durchschnittlich besitzt jeder von uns um die zwanzigtausend Gegenstände. Jawohl, das ist kein Druckfehler. ZWANZIGTAUSEND. Einen winzigen Prozentsatz davon nehmen wir täglich in die Hand. Das zeigt, dass wir vieles kaum oder nie mehr anfassen. Ein bereits gelesenes Buch zum Beispiel, das Zelt, mit dem wir als Studentinnen reisten, die Skier, die seit Jahren im Keller stehen.

Niemand kann behaupten, dass unter den zwanzigtausend Dingen nicht ein paar sind, die man nicht mehr brauchen kann oder will. Aber warum fällt uns das Loslassen so schwer? Weshalb behandeln wir die Gegenstände in unserer Wohnung wie lieb gewordene Freunde? Weil sie es sind und weil die Trennung von ihnen auch ein Abschied ist. Die Trennung von Gegenständen verlangt immer Entscheidungen und bedeutet etwas loszulassen, was für uns eine Geschichte besitzt. Deshalb reagieren wir in diesen Situationen mit Sätzen wie «Vielleicht kann ich oder meine Kinder es einmal brauchen» und «Das Kleid kommt vielleicht wieder mal in Mode» oder «Das Service von der Grossmutter kann ich doch nicht wegwerfen, obwohl es mir nicht gefällt, sie hat es doch so gut gepflegt». So horten wir die Gegenstände auf unbestimmte Zeit - obwohl sie vielleicht tatsächlich noch jemand brauchen könnte. «All das Gerümpel verwirrt uns nur», sagt der Philosoph Alain de Botton, der ein Buch über die Kunst, daheim zu Hause zu sein, geschrieben hat.
Zur Verwirrung gesellt sich das Gefühl, keinen Platz mehr zu haben. Doch in vollgestopfter Umgebung kann sich auch der Geist nicht entfalten. Krempeln Sie Ihr Leben um, und lassen Sie den Krempel los. Stellen Sie sich dabei folgende Fragen: Kann ich den Gegenstand noch brauchen, nützt er mir, erleichtert er mir das Leben, hat er sonst einen Wert für mich? Nur Sie können entscheiden, was weg soll.
Zugegeben, es ist ein schwieriger und manchmal aufreibender Prozess, doch es gibt Lösungen, die es leichter für uns machen. Indem man den Dingen einen neuen Nutzen zugesteht und sie nicht in den Müll wirft, sondern verschenkt oder verkauft. Und vergessen Sie nicht: Aufräumen, weggeben und Ordnung schaffen ist ein Prozess, er endet nie, aber er birgt auch Hoffnung: Wo etwas Altes wegkommt, gibt es wieder Platz für Neues.
So gehts los
Räumen Sie alles aus, und teilen Sie die Gegenstände in Ihrem Haushalt in drei Kategorien: zum Wegwerfen, zum Weitergeben, zum Wiedereinräumen.
Wegwerfen
Bedeutet «fort damit, in den Abfallsack, in die Glas-Alu- oder Elektrosammlung» und nicht «zum Wegwerfen in den Keller stellen». Zu dieser Kategorie gehören alle defekten, abgenutzten Dinge, die sich in im Haushalt befinden. Löchrige Kleider, Filzschreiber, die nicht schreiben, ausgetretene Schuhe, kaputte Elektrogeräte, ausgeleierte Unterwäsche oder brettige Frotteetücher und falls Sie nicht Selbstversorgerin sind und zwanzig Gläser Tomatensugo pro Jahr einmachen, auch alle Konfigläser bis auf 5 Stück. Denn Sie haben es bemerkt, Einmachgläser tendieren wie Eierkartons und Blumentöpfe dazu, sich unkontrolliert zu vermehren.
Weitergeben
In diese Kategorie fallen Gegenstände, die Sie nicht mehr brauchen können, Ihnen nicht mehr gefallen, die aber noch funktionieren oder ganz sind. Das Service der Grossmutter, das zu enge Ballkleid, die Skier im Keller. Die Tatsache, dass der für einen selber unnötige Gegenstand jemand anderem von Nutzen sein kann, erleichtert den Abschied enorm. Sie können an wohltätige Organisationen verschenkt oder auf dem Flohmarkt und übers Internet verkauft werden. Kleider- oder Sportartikelbörsen nehmen ebenfalls Guterhaltenes entgegen (Adressen siehe Box Seite 52).
Wiedereinräumen
Sie können es brauchen, es passt, nützt oder gefällt Ihnen. Gönnen Sie jedem Ding seinen Platz, den ihm kein anderes streitig macht. Hier gehört es hin, und hier kommt es nach Verwendung wieder hin. Provisorien sind Übergangslösungen und sollten nach einem Tag aufgehoben werden. Gibt es Gegenstände ohne festen Platz, sagt dies etwas über ihre Wichtigkeit aus. Vielleicht können sie ganz aus Ihrem Haushalt entfernt werden.
Problemzonen
Es gibt Orte in einer Wohnung mit Deponiecharakter. Es sammeln sich dort Dinge an, die eigentlich auf dem Weg zu ihrer endgültigen Platzierung sind. Die Betonung liegt auf unterwegs. Leider haben die Deponien jedoch meist Endlagercharakter. Das heisst, die Dinge bleiben an Ort und Stelle liegen, wachsen und vermehren sich. Schaffen Sie Freiräume auf dem Schrank, zwischen den Möbeln, hinter der Tür, unter dem Bett. Denken Sie daran: «Optische Freiräume ziehen auch mentale nach sich», sagt Dr. Rita Pohle, Fachfrau fürs Aufräumen.
Kleiderschränke
Sie sind meist überfüllt, was zu Dependancen an anderen Stellen führt. In Wäschekörben, Garderoben, auf Balkonen und Estrichen. Zusätzliche Schränke sind keine Lösung, denn das Grundproblem liegt nicht am Platzmangel im Schrank, sondern am Überfluss an Kleidern (gilt auch für Schuhe). Also: «Für jedes Neue, das hereinkommt, fliegt etwas Altes hinaus», rät deshalb die Aufräumexpertin Rita Pohle. Ausserdem: Kleider, die abgetragen, löcherig oder zerschlissen sind, kommen in die Altkleidersammlung. Wie alles, was Sie ein Jahr nicht mehr getragen haben oder nicht mehr passt. Verabschieden Sie sich von der Illusion, die zu enge Hose könnte Ihnen wieder passen, Sie werden sich ziemlich sicher nicht mehr zu Ihrem Gewicht von vor fünf Jahren runterhungern. Falls ja, belohnen Sie sich mit einer neuen, modernen Hose. Erfahrungsgemäss dauert es Jahre, bis die Hose wieder in ist.
Badezimmerschrank
Einmal jährlich kontrollieren. Alle Medikamente kommen raus. Sie gehören nicht ins Badezimmer, dort ist es zu warm und zu feucht. Wenn Sie schon dabei sind, die Medikamente umzuräumen, zum Beispiel in die Kommode im Schlafzimmer, bringen Sie gleich alle abgelaufenen in die Apotheke zurück. Alles, was Sie ein Jahr nicht verwendet haben, dürfen Sie beruhigt wegwerfen. Salben und Öle werden ranzig, Lippenstifte vertrocknen, die Farben kommen aus der Mode, Parfüms verlieren ihren Duft.
Schubladen
Sie eignen sich hervorragend, um alles, was einem gerade nicht ins Auge fallen soll, zu verstecken. Manch Gegenstand wird so für lange Zeit versenkt, und oft braucht es mehr Zeit, ihn zu finden, als sein Gebrauch einsparen würde (z. B. Eierschneider).
Zeitungsausschnitte
Zeitungsausschnitte, Fachartikel und Rezepte, die Sie einmal lesen möchten, stapeln sich zu vorwurfsvollen Beigen, die mit jedem Windstoss den Schreibtisch zu überschwemmen drohen. Das müssen Sie sich nicht antun. Sie werden sie nie lesen, und falls doch, gibt es Archive im Internet. Auch jede Kochzeitschrift hat mittlerweile ihr Rezeptarchiv ins Netz gestellt und ergänzt es ständig.
Eines für alle
Wie oft brauchen Sie Ihr Racletteöfeli oder den Dörrex? Viele Haushaltgeräte stehen ungenutzt herum. Tun Sie sich mit Ihren Nachbarn zusammen. Einer besitzt die Raviolimaschine, der andere den Dörrex, und beide wissen, wo sie zu finden sind. Fazit der Expertin Rita Pohle: «Wenn Sie zu wenig Platz haben, haben Sie irgendetwas zu viel.»
Buchtipps
- Rita Pohle: «Weg damit». Goldmann Verlag, 16.90 Fr.
- Werner Tiki Küstenmacher: «Simplify Your Life». Knaur, 18.90 Franken.
- Dr. Marco von Münchhausen: «Entrümpeln mit dem inneren Schweinehund». dtv, 17.90 Fr.
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 10/03 der Schweizer Familie publiziert.
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