Lars* ist ein Ausserirdischer, der irrtümlich auf der Erde gestrandet ist. Zumindest fühlt er sich manchmal so. Obwohl er sogar die Sprache der Erdbewohner spricht, hat er grosse Schwierigkeiten, seine Mitmenschen zu verstehen. Es sind ihre Gesichter, die ihn verwirren. Lars kann das mimische Zusammenspiel von Augen, Nase und Mund nicht deuten. Lacht ihn seine Sitznachbarin gerade an? Oder lacht sie ihn aus?
Der 14-jährige Schüler hat das Asperger-Syndrom. Das ist eine milde Form von Autismus. Unter dem Begriff fasst man eine Reihe von tief greifenden Entwicklungsstörungen zusammen, die sich bereits in den ersten Lebensjahren bemerkbar machen. Autisten nehmen sich und die Welt auf besondere Art wahr. Das hat weitreichende Folgen für ihren Alltag. Man geht heute davon aus, dass bis zu ein Prozent der Bevölkerung an einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Autismus-Variante leidet. Jungen sind fünfmal häufiger betroffen als Mädchen.
Kinder mit dem Asperger-Syndrom sind normal bis überdurchschnittlich intelligent und können sich häufig gut ausdrücken. Sie sind nicht selten Experten auf eng begrenzten Gebieten und häufen dort ein beeindruckendes Wissen an. Im Gegensatz zu schweren Autisten (Box S. 81) funktionieren sie relativ gut in der Gesellschaft: Sie gehen meist in eine Regelschule und machen später eine Ausbildung oder studieren. Manche Asperger-Kinder sind motorisch eher ungeschickt, andere haben einen auffälligen Sprechrhythmus. Wieder andere wirken auf den ersten Blick vollkommen normal. Wenn es aber um das alltägliche soziale Miteinander geht, stehen alle vor Problemen.
Der Übergang vom komischen Vogel zum Asperger-Patienten verläuft fliessend. «Es gibt zwar Asperger-Diagnoserichtlinien, aber Kinder passen nicht immer in solche Schubladen», sagt Anita Müller, leitende Kinderärztin am Entwicklungspädiatrischen Zentrum Thurgau. Deswegen kann eine Abklärung monatelang dauern. «Wir wissen nicht genau, warum das Asperger-Syndrom entsteht.» Die Vererbung scheint eine bedeutende Rolle zu spielen. Bei Asperger-Kindern finden sich häufig enge Verwandte mit ähnlichen Problemen. «Was wir hingegen wissen, ist, dass die Störung nicht durch Fehler in der Erziehung ausgelöst wird.»
«Das Asperger-Syndrom ist etwas Gegebenes und keine Krankheit», sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Maria Asperger Felder, Tochter des Österreichers Hans Asperger, der das Syndrom 1943 erstmals beschrieb. In ihrer Zürcher Praxis untersucht und behandelt sie Kinder und Jugendliche mit der Störung. «Bei Menschen mit Asperger liegen hirnfunktionelle Besonderheiten vor, die ein anderes Denken und eine andere Wahrnehmung zur Folge haben.»
Die Kindergärtnerin war ratlos
Lars, der Junge vom Mars, ist einer ihrer Patienten. «Er war schon als Baby anders», erinnert sich seine Mutter. Wenn er in einer neuen Umgebung war, schrie er sich die Seele aus dem Leib. Fremde Menschen, ein laufender Fernseher, ein Moment lang Hektik – alles war dem Kleinen zu viel. Autisten nehmen sämtliche Sinneseindrücke auf und haben Schwierigkeiten, sich abzuschotten. Als Lars in den Kindergarten kommen sollte, war er von den vielen anderen Kindern und dem geschäftigen Treiben so überfordert, dass er nur noch einen Ausweg sah: Er setzte sich in die Ecke und schaute stundenlang die Wand an. Das war seine Strategie, um die auf ihn einstürzenden Informationen auszublenden. Ein anderes Mal tobte er und schlug wild um sich.
Die Kindergärtnerin war ratlos. Da der Bub sehr intelligent war und gut sprechen konnte, riet sie den Eltern, ihren laschen Erziehungsstil zu überdenken. «Das war irritierend, da ich alle meine Kinder liebevoll, aber konsequent erziehe», sagt Lars’ Mutter. Der Junge arrangierte sich im Laufe der Zeit, wirkte aber unglücklich. Als er eingeschult wurde, spitzte sich die Situation zu. Ein hinzugezogener Psychologe tappte im Dunkeln.
Die Diagnose ADS, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, erschien ihm am ehesten plausibel. Lars erhielt nun Ritalin. Doch es änderte sich nichts. Die Mutter spürte, dass ihr Sohn anders war. «Ich hatte immer das Gefühl, mein Kind nicht wirklich zu kennen», sagt sie. «Lars war innerlich unerreichbar für mich, obwohl er mich offensichtlich sehr brauchte.» Ihr fiel auf, dass der Junge Schwierigkeiten hatte, sich in die Gefühlswelt anderer Menschen hineinzu-versetzen.
Normalerweise können wir in Sekundenbruchteilen erkennen, ob unser Gegenüber froh oder traurig, zufrieden oder skeptisch ist. Unser Gehirn setzt die Eindrücke aus Mimik, Gestik und Tonlage zu einem stimmigen Ganzen zusammen. «Menschen mit Asperger können die Gefühlslage anderer hingegen schlecht deuten», sagt Maria Asperger Felder. Es gibt Hirnareale, die für das Erkennen von Zusammenhängen und für die intuitive Wahrnehmung zuständig sind. Bei Asperger-Patienten ist dieser Bereich viel weniger aktiv. «Menschen mit Asperger-Syndrom sehen gewissermassen den Wald vor lauter Bäumen nicht», erklärt die Expertin. In Lars’ Fall ging das so weit, dass er Bekannte nicht auf der Strasse erkannte, da er sich schlecht an ihr Aussehen erinnern konnte.
«Warum soll ich das lernen?»
Früher glaubte man, Asperger-Patienten und andere Autisten hätten Schwierigkeiten, ihren Mitmenschen beim Gespräch in die Augen zu schauen. Heute geht man eher davon aus, dass ihr Blick stetig umherwandert, auf der Suche nach neuen Details. Das kann ein langes Nasenhaar sein oder ein Muttermal auf der linken Wange.
Solche Detailversessenheit bindet viel Energie. Lars bleibt manchmal in der Schule beim Lesen an einem Druckerschwärze-Fleck hängen. Der beschäftigt ihn so sehr, dass er darüber die Anweisungen seiner Lehrer vergisst. In manchen Situationen fasst er die Aussagen der Pädagogen auch wortwörtlich auf. Wenn es heisst: «Wir lassen diese Note unter den Tisch fallen, da deine Leistungen sonst viel besser sind», kann es passieren, dass der 14-Jährige irritiert zu Boden blickt, um die Note zu suchen.
«Asperger ist keine Behinderung, kann aber in manchen Situationen durch die Art des Denkens ein Kind in seiner Entwicklung behindern», sagt Maria Asperger Felder. Lars kennt sich beispielsweise bestens in mittelalterlicher Architektur aus. Stundenlang kann er darüber dozieren. Wenn er aber Französischvokabeln büffeln soll, streikt er. «Warum soll ich das lernen? Ich bleibe doch zu Hause und fahre nie nach Frankreich», rechtfertigt er sich. Aus seiner Perspektive betrachtet, macht das Sinn. Jede Form von Veränderung birgt ein hohes Stressrisiko. Menschen mit dem Asperger-Syndrom mögen es, wenn ihre Welt vorhersagbar bleibt.
Maria Asperger Felder empfängt jeden neuen Patienten persönlich an der Praxistür. Da Menschen mit autistischen Störungen auch Schwierigkeiten mit neuen Umgebungen haben, sagt sie Sätze wie: «Wir gehen nun gemeinsam in mein Arbeitszimmer. Dort stehen zwei blaue Sessel. Der eine hat einen karierten Bezug, der andere ist gestreift. An der Decke siehst du eine Verzierung, der Parkettboden ist an der Stelle, an der mein Bürostuhl steht, abgenutzt.»
Dinge folgen Naturgesetzen, Mitmenschen hingegen sind unberechenbar.
«Es ist der Albtraum eines Menschen mit Asperger-Syndrom, in einer vollen Bahnhofshalle umherlaufen zu müssen», sagt die Psychiaterin. Statt Fakten herrscht dort nämlich Chaos. Es ist unvorhersehbar, in welche Richtung sich die Leute bewegen. Manchmal wird man sogar angerempelt. Da ihre Sinne besonders sensibel sind, kann sich so eine Grenzüberschreitung wie ein Messerstich anfühlen. Deswegen ziehen es viele Betroffene vor, dass man ihnen gegenüber eine gewisse körperliche Distanz einhält.
Lars musste erst in die 5. Klasse kommen, bevor er die korrekte Diagnose erhielt. Der Hinweis stammte von seinem Kinderarzt, der die typischen Asperger-Muster erkannte. Als das Problem des Jungen endlich einen Namen hatte, begannen die Eltern, sich einzulesen. Während die Mutter ihr Kind mit jeder gelesenen Seite besser verstand, löste die Lektüre beim Vater heftige Gefühle aus.
Er erkannte sich wieder. Schon immer war er derjenige gewesen, der Lars besonders gut verstand. «Der Bub ist wie ich», hatte er oft zu seiner Frau gesagt. Der Mann war aber im Laufe seines Lebens deutlich weniger angeeckt als sein Sohn und hatte eher Strategien entwickelt, um in der Gesellschaft zurechtzukommen. Aber diese Ratlosigkeit, wenn es um Zwischenmenschliches ging, die kannte er nur zu gut. Zwischenzeitlich wurde die Vermutung von Lars, Vater bestätigt: Auch er hat das Asperger-Syndrom.
Die Vorwärtsstrategie
Asperger begleitet einen das ganze Leben. Es gibt keine Kur, die Reizüberflutung abmildern könnte. Es existiert auch kein Medikament, das den Patienten dabei helfen würde, nicht nur die Fakten wahrzunehmen, sondern auch «zwischen den Zeilen» zu lesen. Die Betroffenen können aber Strategien lernen, um im Alltag besser klarzukommen.
Lars’ Familie geht offensiv mit dem Thema um. Schule, Mitschüler und Nachbarn wurden eingeweiht. Seine Lehrerinnen haben sich sogar von Maria Asperger Felder instruieren lassen. Im Alltag geht es vor allem darum, ihm konkrete Anweisungen zu geben. Je klarer ein Auftrag oder eine Frage formuliert ist, umso besser. Nun, da allen Beteiligten klar ist, dass Lars und sein Vater das Asperger-Syndrom haben, wundert sich in ihrem Umfeld auch niemand mehr, wenn einer von beiden mitten im Gespräch aufsteht und für einige Minuten in ein anderes Zimmer verschwindet. «Sie nehmen sich dann jeweils eine Art Regenerationszeit», sagt die Mutter lächelnd.
Lars kann mittlerweile besser mit seiner Besonderheit umgehen. Was ihm weiter Schwierigkeiten macht, ist, Gesichter wiederzuerkennen. Deswegen baut sich der 14-Jährige Eselsbrücken. An Frau Doktor Asperger erinnert er sich zum Beispiel so: «Graue Haare, Brille, leichter österreichischer Akzent. Kennt sich gut mit uns Ausserirdischen aus.»
Wie ein Junge mit dem Asperger-Syndrom lebt
Das Asperger-Syndrom ist eine leichte Form von Autismus. Es ist nur schwer zu erkennen. Eine korrekte Diagnose lässt darum oft lange auf sich warten. Ein verständnisvolles Umfeld hilft Betroffenen, die Tücken des Alltags zu meistern.






























