Stress. Manchmal setzt er uns allen ganz schön zu. Und auf Dauer raubt er nicht nur Kraft und Elan, sondern zerrt auch an den letzten Nerven. Wen wunderts, dass man da schon mal aus der Haut fährt und sich Luft verschafft?
Und weil alles manchmal zu viel wird, in diesem ganzen Gehetze, kann es sein, dass auch zu Hause die Fetzen fliegen. Und zwar so richtig arg. Warum sich Menschen streiten, die einander doch lieben? Häufig liegt es nur daran, dass sie gestresst sind, lautet die Schlüsselantwort der modernen Stressforschung auf dieses altbekannte Phänomen.
Bis jemand wieder einen klaren Kopf hat, innehält und einmal nachfragt: «Sag mal, was setzt dir eigentlich so zu? Warum bist du so gestresst und aggressiv in letzter Zeit?» Ein guter Anfang, um ins Gespräch zu kommen. Denn genau das kommt zu kurz, wenn ein Paar unter Druck gerät – der Austausch im Gespräch.
Paare im Stress. Fast jedes Paar kennt Zeiten, in denen berufliche Herausforderungen, die Terminhetze oder der Druck, der auf einem lastet, weil man sich auch noch um die kranken Eltern kümmert, auf die Stimmung zu Hause drückt. «Das kann auf Dauer zu heftigen Konflikten, schlimmstenfalls zur Trennung führen», beobachtet der Zürcher Psychologieprofessor und Stressexperte Guy Bodenmann in vielen Gesprächen mit Betroffenen.
Doch bevor der Stress zwei Menschen, die sich mögen, auseinandertreibt, ist er zunächst einmal eine ganz persönliche Angelegenheit. Denn was den einen stresst, kann den anderen völlig kaltlassen. Allein schon deshalb, weil manche Menschen robuster sind als andere und ein dickeres Fell haben.
Stress verändert
Stress per se muss auch nicht schädlich sein! So soll der positive «Eustress», im Gegensatz zum negativen «Disstress», euphorisch stimmen und gar zu Höchstleistungen anspornen. Erst wenn der Stress zur Belastung wird, setzt er uns körperlich und psychisch zu: Unter Stress ist unser Körper nicht nur chronisch angespannt, sondern wird auch ständig von den Stresshormonen Adrenalin und Noradrenalin durchflutet. «Unter Stress verändert man sich», sagt Guy Bodenmann. «Man wird impulsiver und sarkastischer. Rigider oder dominanter.»
Wer permanent gestresst ist, hat auch das Gefühl, dass seine Leistungen ungenügend seien. Und die hohen Erwartungen geraten plötzlich ins Wanken. Was man bis anhin mit links schaffte, wird unter dem Einfluss von Stress schnell ein- mal zur Bewährungsprobe. An der manche Paare scheitern.
Müssen sie aber nicht – wenn sie es schaffen, mit dem Stress konstruktiv umzugehen. Wie das geht, zeigt Guy Bodenmann in seinen beiden Bestsellern «Was Paare stark macht» und «Stress und Partnerschaft» anhand vieler konkreter Tipps.
Wer gestresst ist, sehnt sich zunächst einmal nach Entspannung. Darum ist es wichtig, dass man den hohen Stresslevel immer wieder herunterfährt. Und zwar mit Beschäftigungen, die einem Freude bereiten und bei denen man auftanken kann. Für den einen mag das ein Spaziergang im Herbstwald sein, der andere erholt sich am liebsten beim Wellnessen oder bevorzugt einen Abend vor dem Cheminéefeuer.
Auch gilt es, Grenzen zu setzen: Was muss ich mir wirklich alles aufbürden? Kann ich den Anlass heute Abend getrost auslassen? Gibt es noch anderen unnötigen Stress, den ich reduzieren kann?
«Nehmen Sie sich lieber Zeit für Ihren Partner, und unternehmen Sie etwas mit ihm», rät Bodenmann. Denn der Rückzug auf die Paarinsel stärkt das Wirgefühl. «Je grösser das Wirgefühl, desto grösser ist die Widerstandskraft in stürmischen Zeiten», sagt Bodenmann, der an der Universität Zürich das Verhalten von Paaren in Stresssituationen erforscht.
Von zentraler Bedeutung ist auch das Gespräch. Je häufiger zwei Partner sich emotional öffnen, desto mehr Intimität und Nähe kann in ihrer Beziehung entstehen. Und gerade in Stresssituationen ist es wichtig, über Gefühle zu sprechen.
Nur so lässt sich erkennen, warum man unter Druck geraten ist. Und kann wieder aufatmen. Weil man die Gewissheit hat: Es ist zwar stressig, aber alles halb so wild. Denn mein Partner versteht und unterstützt mich. Piano. Piano. Alles kommt gut!
INTERVIEW
Lesen Sie hier das Interview mit Guy Bodenmann, Psychologieprofessor an der Universität Zürich.
BUCHTIPPS
Guy Bodenmann: «Stress und Partnerschaft», Huber Verlag, 32.90 Franken
«Was Paare stark macht», ein Ratgeber aus dem Beobachter-Buchverlag, 38 Fr.































