Schleudertrauma: Schmerz ohne Beweis

Die Ärzte sehen nichts, die Versicherungen zahlen nichts, und die Gerichte bringen nichts: Tausende Patienten mit einem Schleudertrauma kämpfen um die Anerkennung ihres chronischen Leidens. Allen voran Caroline Bono.

Das Geräusch schmerzt Caroline Bono heute noch in den Ohren. Ein lauter Knall. Dann wurde alles dunkel. «Wie ich aus dem Auto gestiegen bin, weiss ich nicht mehr», sagt sie. «Plötzlich stand ich draussen und sah, dass sich ein Auto ins Heck meines Chryslers gedrückt hatte.»

Schon an der Unfallstelle dröhnte ihr der Kopf, und der Nacken schmerzte. Damals wusste Caroline Bono noch nicht, dass Schmerzen von nun an jeden ihrer
Tage bestimmen würden. Noch weniger ahnte sie, dass der Unfall am Zürcher Bürkliplatz ihr Leben in seinen Grundfesten erschüttern sollte. «Hätte ich damals gewusst, was alles auf mich zukommt, wäre ich wohl verzweifelt oder durchgedreht.»

«Enorm schwierig zu simulieren»
Wie sich später herausstellte, hatte die erfolgreiche Juristin und Mutter von vier Kindern durch den Aufprall im November 2002 ein Schleudertrauma mit schweren Verletzungen erlitten. Wochenlang wurde sie in Spitälern behandelt, monatelang plagten sie unvorstellbare Schmerzen. Bis heute kann sie, mit Pausen dazwischen, nur drei bis vier Stunden pro Tag arbeiten. Caroline Bono verlor durch den Unfall ihre Arbeitsstelle und ihr Einkommen. Von den Versicherungen im Stich gelassen, wurde sie von Sozialhilfe abhängig. Um zu ihrem Recht zu kommen, ging sie bis vors Bundesgericht – und blitzte ab.

Ein Revisionsentscheid steht noch aus. Ihr Fall beschäftigt nicht nur die Gerichte, sondern auch die Medien. Caroline Bono, 47, wurde zur bekanntesten Schleudertrauma-Patientin der Schweiz. Ihre Geschichte zeigt exemplarisch, wie Menschen mit einem Schleudertrauma um Anerkennung ihrer Beschwerden und Versicherungsleistungen kämpfen müssen und an juristischen Hürden scheitern.

Geschätzte 25 000 Unfallopfer erleiden pro Jahr ein Schleudertrauma. Bei den meisten Patienten klingen die Beschwerden rasch wieder ab. Doch zehn bis zwanzig Prozent leiden dauerhaft. Genau um diese Gruppe ist ein heftiger Streit entbrannt. Versicherer verdächtigen die Patienten zu simulieren oder  argumentieren, die chronischen Beschwerden hätten rein psychische Ursachen und nichts mit dem Unfall zu tun. Auch die Gerichte haben ihre Haltung verschärft.

Am 30. August hat das Bundesgericht entschieden, dass Schleudertrauma-Patienten in der Regel keinen Anspruch mehr auf eine IV-Rente haben. Diese Erfahrungen musste auch Caroline Bono machen. Ihre Probleme seien nicht unfallbedingt, sondern Folge von beruflicher und privater Überlastung, hiess es von Seiten der Versicherungen.

Thierry Ettlin ist Chefarzt der Klinik Reha Rheinfelden und beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit dem chronischen Schleudertrauma. Für den Neurologen ist klar: «Die grosse Mehrheit der chronischen Patienten sind keine Simulanten. Es ist enorm schwierig, über Monate hinweg solche Beschwerden zu  simulieren.» Ebenso wenig hätten die Schmerzen solcher Patienten rein psychische Ursachen.

Die Verletzung ohne Spuren

Doch wie entstehen solche Anschuldigungen? «Das hat vor allem damit zu tun, dass die Folgen eines Schleudertraumas nicht so einfach zu diagnostizieren sind wie ein Beinbruch», sagt Thierry Ettlin. In der Tat: Ein Schleudertrauma ist verglichen mit einer Knochenfraktur eine komplizierte Angelegenheit. «Es ist keine Diagnose, sondern ein Unfallmechanismus mit möglichen Verletzungsfolgen», sagt Markus Muser, Biomechanik-Experte von der Arbeitsgruppe für Unfallmechanik Zürich. Meist löst eine Heckkollision das Schleudertrauma aus. «Durch den Aufprall wird der Rumpf blitzartig nach vorne gedrückt, während sich der Kopf nach hinten bewegt. Dadurch kann die Halswirbelsäule oder ein Teil davon überdehnt werden.»

Mögliche Folgen sind Verletzungen von Muskeln, Bändern und Nerven. Bei einem schweren Schleudertrauma können zudem Verletzungen an den  sogenannten Facettengelenken, am Rückenmark und an den Halswirbeln entstehen. Auch Gehirnerschütterungen sind möglich. Die Symptome, die solche Verletzungen auslösen können, sind vielfältig: Nacken-, Schulter- und Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel, Konzentrationsund Gedächtnisstörungen, Tinnitus oder Schlafstörungen. Halten die Schmerzen über längere Zeit an, kann dies auch eine Depression begünstigen.

Das Perfide daran: Die Verletzungen sind auf den Röntgenbilder meist nicht zu sehen – zumal häufig keine Knochen verletzt sind. In manchen Fällen lassen sich Verletzungen durch eine Magnetresonanztomographie (MRI) nachweisen.

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Vielen Dank für den gut recherchierten Artikel! Es ist wichtig, dass sich auch die behandelnden Ärzte für Ihre Patienten einsetzen. Juristen sind die schlechteren Mediziner! Wir helfen gerne weiter: www.schleudertraumaverband.ch

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