SCHWEIZER FAMILIE: Herr Bodenmann, woran merkt man eigentlich, dass man gestresst ist?
GUY BODENMANN: Körperlich spüren Sie Stress, zum Beispiel, an schweissigen Händen. Das Herz rast, Sie fühlen sich bedroht, und die Stimme entgleist. Häufig gehen einem negative Gedanken durch den Kopf. Zudem ist man gereizt, aufgekratzt und will seine Ruhe haben.
Wird man nicht auch aggressiv, wenn man unter Druck steht?
Doch. Bei grossem Stress braucht es nicht mehr viel – und das Fass ist bereits am Überlaufen.
Wird der Stress, der auf jemandem lastet, automatisch zu einer Sache, die beide betrifft?
Meistens ja. Wobei der Stress, den jemand von der Arbeit mit nach Hause bringt, nicht unbedingt negativ sein muss. Oft aber führt er zu Konflikten und zum Streit. Auf Dauer sogar zur Trennung.
Wäre es nicht besser, man ginge sich in stressreichen Zeiten von vornherein aus dem Weg?
Instinktiv reagieren wir ja auf eine gestresste Person zurückhaltend, im Wissen darum: Jetzt ist Vorsicht geboten! Zudem wollen wir jemanden, der gestresst ist, nicht noch mehr belasten – also nehmen wir uns zurück. Das Verhalten des anderen löst aber auch Enttäuschungen und Frustrationen aus. Und man fragt sich: Jetzt ist er oder sie schon wieder gereizt, jetzt ist das wieder wichtiger – wo aber bleibe ich?
Heisst das, Stress macht egozentrisch?
Unter Stress hat man kein Sensorium, keine Wahrnehmung mehr für die Umwelt und den Partner. Stress absorbiert, und man ist nur noch auf den Stressauslöser und auf sich selbst fokussiert. Innerhalb der Partnerschaft führt das zwangsläufig zu Unzufriedenheit.
Ein paar Wochen lässt sich das ja aushalten. Doch wie verändert Stress auf Dauer die Partnerschaft?
Die Gesprächskultur verändert sich. Statt dem Partner mitzuteilen, was einem auf den Nägeln brennt, nimmt man sich zurück. Das heisst: Eine eigentlich tiefe Begegnung kann gar nicht mehr stattfinden. Nicht selten führt das zu Entfremdung, weil sich die Partner nicht mehr genügend Zeit füreinander nehmen und sich nur noch lösungsorientiert begegnen. Die Gefühle bleiben auf der Strecke.
Wie könnte man es besser machen?
Eine angemessene Reaktion wäre, den Partner, wenn er gestresst nach Hause kommt, zu fragen: Du, was ist passiert? Ich sehe dir an, dass etwas nicht stimmt. Erzähle doch mal, was los ist.
Man bringt also am besten Ruhe in die gehetzte Stimmung?
Ja, denn der Druck des Partners hat selten mit einem selbst zu tun. Irgendetwas muss der Partner erlebt haben, was ihn nachhaltig beschäftigt. Und da muss man liebevoll, aber hartnäckig nachfragen: Was ist passiert, Schatz?
Was aber, wenn man auf seine Fragen nur ein mürrisches Knurren erhält?
Dann versuchen Sie es nochmals! Solche Gespräche sind ganz wichtig, nur so kommt man zum eigentlichen Kern, der Ursache für den Stress.
Und die wäre?
Meistens verbirgt sich hinter dem auf den ersten Blick unbedeutenden Stress ein persönliches Thema, das durch die Situation aktiviert wurde. Man fühlt sich ungerecht behandelt, abgewertet, nicht gesehen, glaubt, versagt zu haben oder nicht perfekt gewesen zu sein. Das stresst nachhaltig, und da hilft es, darüber sprechen zu können und Verständnis vom Partner zu spüren.
ZUR PERSON
Psychologieprofessor Guy Bodenmann erforscht an der Universität Zürich das Verhalten von Paaren in Stresssituationen.
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