Du bist nicht wert, geliebt zu werden. Du bist nicht gut, so wie du bist», sagte der Fuchs. «Du darfst nicht so viel essen. Du musst dich mehr bewegen.»
Melanie Carolin Wigger war 16 Jahre alt, als sie an Magersucht erkrankte. Sie glaubte, nirgends dazuzugehören, und fühlte sich alleine. Und plötzlich war diese innere Stimme da. Sie gab ihr Anweisungen und forderte sie heraus: «Du musst abnehmen, dann wird alles besser.» Die Stimme war schlau, geschickt und hinterlistig zugleich. Wie ein Fuchs.
Melanie verlor Kilo um Kilo. Doch sie hatte Glück: Ihre Krankheit wurde früh erkannt und behandelt. Heute, vier Jahre später, gilt die Solothurnerin als geheilt.
Den inneren Kampf, den sie während der Krankheit ausfocht, hat sie jetzt in ihrem Buch «Der Weg meiner Magersucht» festgehalten. Mit liebevoll gezeichneten Illustrationen zeigt sie darin ihr Ringen mit dem Fuchs, ihrer inneren Stimme; kurze Texte machen die Krankheit verständlich. «Es wäre schön, wenn sich Betroffene und Angehörige durch das Buch weniger allein gelassen fühlten», sagt Melanie.
Das sehen Experten auch so: «Betroffene können anderen Patienten mit ihren Erfahrungen oftmals helfen», sagt Christoph Rutishauser, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin am Universitäts-Kinderspital in Zürich. «Aber es ist auch wichtig, sich bewusst zu sein, dass jede Magersüchtige ein individuelles Krankheitsbild hat. Was einer Patientin geholfen hat, funktioniert vielleicht schon bei der nächsten nicht mehr.»
Der Fuchs schleicht sich an
In der Schweiz leiden rund 70 000 Menschen an Magersucht, und bis zu vier Prozent der Bevölkerung machen einmal im Leben eine Essstörung durch, sagt eine Studie des Bundesamtes für Gesundheit. Ein Drittel der Betroffenen bleibt chronisch krank, davon sterben sogar rund zehn Prozent. Ein weiteres Drittel der Erkrankten lernt, mit der Magersucht zu leben, und nur gerade ein Drittel wird wieder ganz gesund.
«Je früher eine professionelle Therapie erfolgt, umso grösser sind die Heilungschancen», sagt Christoph Rutishauser. Häufig wird Magersucht auf superschlanke Models und die damit verbundenen Schönheitsideale zurückgeführt. «Dünne Models gelten als erfolgreich und beliebt und können in verunsicherten Mädchen die Idee wecken, auch beliebt zu sein, wenn sie so dünn wären», erklärt Bettina Isenschmid, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im Spital Zofingen. «Die Schönheitsideale sind aber auch in solchen Fällen allenfalls der Auslöser, die wirklichen Gründe sitzen tiefer.» Melanie Wigger strebte kein Schönheitsideal an, sie plagten andere Sorgen.
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