Erstaunliches trug sich in einem Feldlazarett während des Zweiten Weltkriegs zu: Der amerikanische Narkosearzt Henry Beecher versorgte schwer verwundete Soldaten. Um ihre Qual zu lindern, gab er ihnen Morphium. Doch bald war sein Schmerzmittelvorrat aufgebraucht. In der Not spritzte er den Soldaten eine Kochsalzlösung, die keine medikamentöse Wirkung besass. Zu seinem Erstaunen wirkte sie fast genauso gut wie das Morphium. Fasziniert von der Tatsache, dass ein Mittel ohne Wirkstoff Schmerzen lindert, untersuchte der Arzt das Phänomen genauer und wurde damit zu einem der ersten Forscher, die diesen sogenannten Placebo-Effekt wissenschaftlich beschrieben. Doch er stiess damit auf wenig Interesse.
Lange Zeit wurde der Placebo-Effekt von der Schulmedizin kaum beachtet. Allenfalls herablassend sprach man darüber, besonders im Zusammenhang mit alternativen Heilmethoden wie der Homöopathie. Weil diese auf Mittel ohne nachweisbaren Wirkstoffe setze, handle es sich nur um eine Placebo-Medizin, also um eine Täuschung des Patienten, lautete der Vorwurf. In den letzten Jahren hat sich die Haltung dem Placebo-Effekt gegenüber geändert. Überall auf der Welt sind Forscher dem rätselhaften Phänomen auf der Spur. «Wir wollen herausfinden, wie man den Placebo-Effekt zum Wohle des Patienten besser nutzen kann», sagt Manfred Schedlowski, Leiter des Instituts für Medizinische Psychologie und Verhaltensimmunbiologie am Universitätsklinikum Essen. Er ist einer der führenden Placebo-Forscher Europas.
Jede Mutter, die ihrem Kind schon einmal ein buntes Pflaster auf die schmerzende Beule am Knie geklebt hat, kennt die Kraft von Placebos. Etwas, von dem man meint, dass es, objektiv betrachtet, gar nicht helfen dürfte, lässt das Kind sofort aufhören zu weinen. Allein der Glaube, eine heilende Behandlung erfahren zu haben, lindert den Schmerz. Mittlerweile haben zahlreiche Studien diesen Effekt belegt.
Nun haben Forscher eine neue Entdeckung gemacht. Bisher nahmen sie an, der Placebo-Effekt sei dahin, wenn der Patient wisse, dass er etwa lediglich eine Zuckerpille verabreicht bekommen hat. Eine neue Untersuchung aus den Vereinigten Staaten zeigt jetzt: Placebos helfen auch dann, wenn der Patient vorher über die Scheinbehandlung aufgeklärt wurde. Für die Studie teilten die Forscher der Harvard Medical School in Boston achtzig Reizdarmpatienten in zwei Gruppen ein. Die eine Hälfte erhielt keine Behandlung, die andere schluckte zweimal täglich eine Zuckerpille, wurde aber zuvor darüber informiert. Trotz dieses Wissens, bloss ein bisschen Zucker zu schlucken, besserten sich bei 59 Prozent der Placebo-Gruppe die Beschwerden deutlich. In der unbehandelten Gruppe war das nur bei 35 Prozent der Fall. «Dieses Resultat hat viele Forscher überrascht», sagt Manfred Schedlowski. Die Autoren der Harvard- Studie erklären sich das Ergebnis vor allem damit, dass alleine die Durchführung eines medizinischen Rituals auf unseren Körper wirkt und dort zu Veränderungen
führen kann.
Was sich da in uns abspielt, wissen die Forscher noch nicht im Detail. Am besten untersucht ist der Effekt bei Schmerzen: Bekommt der Patient ein Placebo, beginnt sein Gehirn schmerzhemmende Substanzen, sogenannte Endorphine, auszuschütten. «Der Körper aktiviert damit die körpereigene Apotheke», erklärt Schedlowski. Auslöser dafür ist die Kraft der Vorstellung: Erwarten wir einen positiven Effekt von einer Behandlung, werden symptomlindernde
Vorgänge im Körper angestossen. Und das gilt nicht nur, wenn ein Scheinmedikament geschluckt wird. Placebo-Effekte greifen auch bei echten Arzneimitteln.
Experten vermuten, dass etwa 20, eventuell sogar 50 Prozent jeder Medikamentenwirkung auf das Konto des Placebo-Effekts gehen. Arzneimittel müssen daher in kontrollierten Studien deutlich besser als Placebos abschneiden, bevor sie auf den Markt kommen dürfen.
Spritzen statt schlucken
Wir lassen uns leicht beeindrucken, haben die Forscher in einer Reihe von Experimenten herausgefunden: Je imponierender Medikamente und medizinische Rituale aussehen, desto grösser sind unsere Erwartungen auf Heilung – und desto grösser ist der Placebo-Effekt.
So helfen Medikamente besser, wenn sie gespritzt statt geschluckt werden. Besonders gut wirkt die Spritze, wenn sie vom Chefarzt im weissen Kittel verabreicht wird. Tabletten haben eine grössere Wirkung, wenn sie sehr gross oder sehr klein sind. Auch auf die Farbe kommt es an: Blaue Pillen eignen sich zur Beruhigung, pinkfarbene Pillen helfen besonders gut bei Schmerzen. Und Kautabletten und Säfte wirken besser, wenn sie eklig schmecken. Selbst der Preis beeinflusst die Wirksamkeit. So helfen teure Medikamente besser als billige. Eine wichtige Rolle spielt aber auch die Arzt-Patienten-Beziehung. «Fühlt sich der Patient in guten Händen, wirkt die Behandlung besser», sagt der bekannte Placebo-Experte Paul Enck, Forschungsleiter der Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie an der Universitätsklinik Tübingen. «Fasst der Patient Vertrauen zum Arzt, baut das eine positive Erwartungshaltung auf.»
Die Forscher haben zudem einen weiteren Mechanismus aufgespürt, der die körpereigene Apotheke aktiv werden lässt: die Konditionierung. Der Körper lernt mit der Zeit, auf einen Reiz mit einer bestimmten Reaktion zu antworten. Diesen Mechanismus demonstrierte Placebo-Forscher Manfred Schedlowski eindrücklich in einem Tierversuch. Er verabreichte Ratten eine süsse Flüssigkeit zusammen mit einem Medikament, das die Immunreaktion des Körpers herabsetzte. Nach einigen Wiederholungen reichte die Zuckerlösung alleine, um die gewünschte Körperantwort hervorzurufen. Der Placebo-Effekt wirkt also auch bei Tieren.
Obwohl die Zuckerpillen ihren Nutzen längst unter Beweis gestellt haben, bereiten sie so manchem Mediziner Bauchweh. Denn die Ärzte stecken in einem ethischen Dilemma: Sie wollen dem Patienten bestmöglich helfen und haben gleichzeitig die Pflicht, ihn aufzuklären. Ihn mit einem Scheinmedikament zu täuschen ist nicht erlaubt, auch nicht dann, wenn sonst keine wirksame Therapie existiert und der Patient unbedingt eine Behandlung wünscht. «Die neue Harvard-Studie zeigt zwar, dass Placebo-Effekte nicht verschwinden müssen, wenn man den Patienten über die Scheinbehandlung informiert», sagt Margrit
Fässler vom Institut für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich. Trotzdem sei es für die meisten Ärzte weiterhin keine Lösung, dem Patienten offen zu sagen, dass er nur ein Placebo erhalte. «Sie riskieren, dass der Patient sich verschaukelt fühlt und das Vertrauen verliert.»
Um das Problem zu umgehen, greifen Ärzte häufig auf sogenannte Pseudo-Placebos zurück – das sind Mittel, die zwar aktive Substanzen enthalten, die jedoch nicht gegen die jeweilige Erkrankung helfen. Beispiele dafür sind Vitamine oder harmlose pflanzliche Mittel, die in Studien nicht besser abschnitten als Zuckerpillen. Eine Umfrage der Institute für Biomedizinische Ethik und Hausarztmedizin der Universität Zürich aus dem Jahr 2009 hat ergeben, dass im Kanton Zürich Kinderärzte gelegentlich Pseudo-Placebos verabreichen. Reine Placebos in Form von Kochsalzlösungen oder Zuckerpillen setzen nur rund 17 Prozent der Ärzte ein. In einer zweiten Untersuchung, die soeben veröffentlicht wurde, befragten die Forscher auch Patienten zum Thema. «Es hat sich gezeigt, dass sie gegenüber Placebo-Therapien offener sind, als die Ärzte dies vermuteten», sagt Studienleiterin Margrit Fässler. Ein Grossteil wünsche sich allerdings, vom Arzt informiert zu werden, wenn er solche Mittel einsetze.
Dosis senken, Kosten sparen
Um den Placebo-Effekt zu nutzen, müssen Ärzte nicht unbedingt auf Scheinmedikamente zurückgreifen. «Der Arzt selbst ist das beste Placebo», sagt Manfred Schedlowski.
«Wenn er sich für den Patienten Zeit nimmt, anstatt ihm einfach eine Packung Schmerzmittel über den Tisch zu schieben, lässt sich leicht eine Placebo- Wirkung erzielen.» Hier könne die Schulmedizin viel von der Alternativmedizin lernen, nehmen sich Homöopathen doch viel Zeit für das Gespräch mit ihren Patienten. Für Schulmediziner dagegen seien lange Gespräche leider nicht rentabel, sagt Schedlowski. «Unser Vergütungssystem berücksichtigt die sprechende Medizin zu wenig.» Der Forscher ist überzeugt, dass sich mit der Placebo-Forschung Gesundheitskosten sparen lassen. So könne man vielleicht
einst durch Konditionierungs-Therapien, bei denen sich nach einer Zeit die Wirkung auch ohne Wirkstoff einstellt, die Dosis von Medikamenten senken. Damit
würden auch schwere Nebenwirkungen zurückgehen.
So vielversprechend solche Aussichten sind, so hat der Placebo-Effekt seine Grenzen. «Placebos lindern Symptome, sind aber keine Heilmittel. Das Wachsen von Krebstumoren halten sie zum Beispiel nicht auf», sagt Paul Enck von der Universitätsklinik Tübingen. Auf die handfeste Medizin mit tatsächlichen Wirkstoffen wird der Mensch also auch in Zukunft nicht verzichten können.
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Nocebo – Der böse Bruder von Placebo
Genau so, wie der Glaube an eine wirksame Behandlung Berge versetzt, genau so kann die Angst davor krank machen. Dieser sogenannte Nocebo-Effekt ist der böse Bruder des Placebo-Effekts. Bedeutet Placebo «Ich werde gefallen», heisst Nocebo übersetzt «ich werde schaden». Besonders verbreitet ist der Nocebo-Effekt bei Medikamenten: Warnt der Arzt seine Patienten davor, dass die verschriebenen Tabletten Schwindel verursachen können, wird vielen nach der Einnahme schummrig – selbst wenn es sich nur um eine Zuckerpille handelt.
In Arzneimittelstudien lässt sich dieser Effekt gut feststellen, da alle Teilnehmer über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt werden, aber nur die Hälfte das echte Medikament kriegt. Oft klagen Probanden in der Placebo-Gruppe über dieselben Nebenwirkungen wie die andere Gruppe. Ein eindrückliches Beispiel dafür ist der Fall eines Amerikaners, der 29 Kapseln eines vermeintlichen Antidepressivums schluckte, um sich damit das Leben zu nehmen. Sein Blutdruck sackte ab, und er wurde ins Spital eingeliefert.
Dort fanden die Ärzte heraus, dass er an einer Medikamentenstudie teilnahm – und zur Placebo-Gruppe gehörte. Er hatte 29 Zuckerpillen geschluckt. Als ihn die Ärzte darüber aufklärten, ging es ihm gleich wieder besser. Wie stark der Nocebo-Effekt wirkt, zeigt auch eine neue Studie von Forschern aus Deutschland und England. Sie fanden heraus, dass ein erwarteter Misserfolg einer Therapie selbst die Wirkung starker Schmerzmittel zunichte machen kann. Ärzte sollten daher Patienten intensiver über Behandlungen aufklären, um positive Erwartungen zu wecken und negative zu vermeiden, raten die Forscher.




























