Jürgen Oelkers ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Zürich. Mit Erziehung befasst er sich aber nicht nur von Berufs wegen. Er ist Vater von vier Jungen und täglich konfrontiert mit den Herausforderungen dieser Aufgabe. Als wichtigste Grundsätze der Erziehung gelten im Hause Oelkers Verlässlichkeit und Respekt. Für seine Kinder ist der Beruf des Vaters auch eine Belastung. Als Erziehungsexperte darf doch nichts schiefgehen, lautete der Tenor in der Schulzeit. Aber natürlich ist Jürgen Oelkers zu Hause in erster Linie Vater und nicht Professor. «Auch wir müssen von Situation zu Situation gemeinsam Lösungen finden. Ein allgemeingültiges Rezept gibt es nicht, höchstens Maximen wie Gewaltfreiheit.» Schmunzelnd fasst der 61-Jährige sein Erziehungsmotto zusammen: «Sei liebevoll, tu dein Möglichstes, und sitz nicht zu viel vor der Kiste!» Die Erwartung, dass ein Pädagogikprofessor jede Erziehungssituation bravourös meistert, hält er für ebenso absurd, wie wenn man erwarten würde, dass Ärzte nie krank würden.
Schweizer Familie:
Hört man sich um, könnte man meinen, unsere Kinder und Jugendlichen würden nur noch prügeln und Computerspiele spielen.Müssen wir den Erziehungsnotstand ausrufen?
Jürgen Oelkers:
Nein, das ist das Bild der Medien, nicht die Wirklichkeit. Es gibt diese Schwierigkeiten, aber sie sind kein Massenphänomen. Keine Untersuchung belegt, dass da etwas völlig aus dem Ruder läuft. Und übrigens beklagen die Erwachsenen seit 200 Jahren, dass die Jugend immer schlimmer würde. Das sollte man nicht überbewerten.
Schweizer Familie:
Aber es ist unbestritten, dass sich die Gesellschaft in den letzten 200 Jahren immer schneller verändert hat. Welche Auswirkungen hat das auf die Kinder?
Jürgen Oelkers:
Vor allem positive! Kinder wachsen heute mit viel mehr Verständnis vonseiten der Eltern und Lehrpersonen auf. Noch nie zuvor wusste man so viel über die kindliche Entwicklung. Dieses Wissen fliesst in die Erziehung ein. Auch die Wertvorstellungen sind liberaler, lassen mehr Individualität zu. Rigoroser Drill ist zum Glück verschwunden. Demgegenüber ist der Einfluss der Medien grösser und die Umwelt insgesamt stark kommerzialisiert. Aber Eltern tun auch viel mehr für die Erziehung als früher. Sie haben zwar weniger Kinder, schenken diesen aber viel mehr Aufmerksamkeit. Kinder haben heute viel mehr Chancen und Möglichkeiten. Natürlich macht das die Erziehung nicht leichter . . .
Schweizer Familie:
. . . und verunsichert viele Eltern! Was braucht es denn heute für eine gute Erziehung?






























