Schamgefühle machen das Leben schwer

Lieber geben wir zu wenig als zu viel von uns preis – aus Angst vor Peinlichkeiten. Das ist zwar sympathisch, doch wer sich oft schämt, kann das Leben nicht richtig geniessen. Entspannen Sie sich.

  • Manchmal treibt uns die Scham die Röte ins Gesicht und wird so für alle sichtbar.

Bloss keine falsche Scham jetzt, denkt sich Gaby an diesem Abend, als sie ihrem Chef und dessen Frau Moni gegenübersitzt. Wohl wissend, dass solche Weihnachtsessen auch Gefahren in sich bergen. So stand es zumindest im Smalltalk-Ratgeber, den Gaby gelesen hatte. Da stand aber auch: «Regel Nummer 1: Seien Sie offen und herzlich.»

Also fasst sich Gaby ein Herz und testet ihr neu erworbenes Wissen mit einer Frage: «Bestellen Sie Ihre Kleider auch via Versandkatalog wie Ihr Mann Tobi? Sieht toll aus!», wendet sich Gaby an Moni, die sich daraufhin gleich am Schinken verschluckt. Dann aber treffsicher entgegnet: «Erkennen Sie es nicht? Das ist Prada.»
Was für eine Blamage, fährt es Gaby beschämt durch den Kopf. Prada, und du kommst mit Versandkatalog. Auweia.

Fauxpas und Peinlichkeiten, Scham und Schamgefühle. Wer kennt diese Mischung aus Verlegenheit und Entblössung nicht? Gerade uns Schweizern sind solche Schamgefühle bestens vertraut. Warum? Weil wir eben nicht so stilsicher sind wie die Franzosen. Und uns nicht so gern in Szene setzen wie die Italiener. Und wenn wir es trotzdem tun, dann fühlen wir uns gleich unwohl.

«Die Schweizer sind sehr schamhaft und zurückhaltend», beobachtet der aus Deutschland stammende und seit 37 Jahren in Zürich praktizierende Psychotherapeut Friedjung Jüttner. «Das ist eigentlich ein sympathischer Wesenszug.» Aber die Schamhaftigkeit hat auch Nachteile: «Wer immer brav und angepasst ist, bringt wenig Veränderung in sein Leben. Und muss ständig auf der Hut sein, dass keine Hüllen fallen, die ihn beschämen könnten.»

Hüllen fallen lassen
Doch wofür schämen wir uns eigentlich? Nicht umsonst heissen jene Affekte, die unser Blut in Wallung bringen, Schamgefühle. «Scham» bedeutet ursprünglich «verhüllen». Und zwar möchten wir dasjenige verbergen, das uns schon beim blossen Gedanken daran die Schamröte ins Gesicht steigen lässt. Und uns verrät.

«Es gibt nichts, wofür sich Menschen nicht schämen könnten», sagt Stephan Marks, Autor des Buches «Scham – die tabuisierte Emotion». Ganz einfach deshalb, weil wir alle etwas zu verbergen haben. Etwas, wovon wir denken, es sei nicht in Ordnung. «Vor allem, wenn wir befürchten, dass es von den anderen nicht mit Wertschätzung behandelt wird», präzisiert Stephan Marks. Ob es nun unsere Vorliebe für Ärzteromane ist, die wir gekonnt verstecken, oder eine heimliche Liebe zum Fernsehmoderator oder zur Wetterfee.

Und darum kaschieren wir sie auch, unsere vermeintlichen Fehler, von denen wir denken, sie entsprächen nicht dem, was «man» so tut und was sich so gehört. Hauptsache, niemand entdeckt sie und stellt uns bloss.

«Schamgefühle sind etwas Urmenschliches», stellt der Autor gleich zu Beginn der Lektüre klar. «Denn ohne diesen Schutz würden wir unsere geheimsten Gedanken und Gefühle unentwegt in die Öffentlichkeit tragen. Und wären nackt.» Wem wäre schon wohl dabei? Denn wer seine Hüllen fallen lässt, ist nicht nur verletzbar, sondern setzt sich auch der Gefahr aus, zum Gespött zu werden.

Nur wenige Menschen verkraften das. Doch so unterschiedlich unser Umgang mit Schamgrenzen auch sein mag, das Thema Scham stellt uns alle vor dieselbe Frage: Soll ich mich mit meinen existenziellen und erotischen Bedürfnissen zeigen, wie ich bin? Oder mich verstecken?

Eine Entscheidung, die nicht immer leichtfällt. Am schwierigsten aber haben es Menschen, die sehr schamhaft sind und ihre Wünsche verbergen müssen. Aus Angst, sie könnten für ihre Gefühle bestraft werden. Darum spricht man auch von der Angsthysterie.

Unter dem Deckel halten
Wer davon betroffen ist, tut alles, um nicht aufzufallen. Zu gross ist seine Angst, er könnte öffentlich an den Pranger gestellt oder mit Liebesentzug bestraft werden. Und darum versteckt der Angsthysteriker sein wahres Ich hinter Masken, Fassaden oder perfekt inszenierten Täuschungsmanövern, die alle eines vermeiden sollen: dass jemand entdeckt, wer er wirklich ist.

«Also bleibt ihm nichts anders übrig, als im Korsett der Scham durchs Leben zu gehen», beschreibt Marks diesen Zustand, der unglücklich und einsam macht. Wer so sein Leben zu meistern versucht, erfüllt zwar Wünsche von anderen, ist aber mit sich selbst im Unreinen: Weil seine eigenen Bedürfnisse zu kurz kommen und er viel Kraft braucht, diesen brodelnden Topf an Ungelebtem unter dem Deckel zu halten. Und gerade darum ist es lohnenswert, sich aus dieser Festung zu befreien. Damit das Lampenfieber vor dem Leben nicht allzu sehr behindert.

«Wer unter übertriebenen Schamgefühlen leidet, hat ein schlechtes Bild von sich selbst», sagt Friedjung Jüttner. «Ein solcher Mensch muss versuchen, seine Wünsche und Bedürfnisse zu beachten und dann auch noch zu achten.»

Gehen Sie also liebevoll auf Ihre Gefühle zu. Denn unsere inneren Regungen sind wertvoll. Auch dann, wenn wir sie als unangebracht einstufen müssen.

INTERVIEW
Lesen Sie hier das Interview mit dem Psychotherapeuten Friedjung Jüttner.

MEHR ÜBER SCHAM

  • «Wähle, was du bist!», Friedjung Jüttner, Szondi-Verlag, 24.50 Franken.
  • «Scham – die tabuisierte Emotion» von Stephan Marks, Patmos Verlag, 32 Fr.
  • Kurse von Stephan Marks: www.scham-anerkennung.de

 

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