SCHWEIZER FAMILIE: Frau Grämiger, wonach sehnen wir uns am meisten?
INES GRÄMIGER: Ganz klar nach der Liebe. Am stärksten zeigt sich das in der Pubertät. Diese Liebessehnsucht nach dem perfekten Partner und der völligen Vereinigung mit ihm ist an Intensität kaum noch zu toppen.
Und später?
In der Mitte des Lebens meldet sich die Sehnsucht auch wieder intensiv: Jene nach dem tiefen Sinn des Lebens, die Sehnsucht nach der Erfüllung der Lebensaufgabe. Natürlich spielt die Liebe nach wie vor eine wichtige Rolle. Vielleicht entdeckt man, dass sich der Wunsch nach einem neuen Partner meldet, weil man etwas sucht, was die Gegenwart übersteigt.
Etwas, was Erfüllung verspricht?
Ja. Denn je weiter wir vom idealen Zustand entfernt sind, desto mehr befällt uns die Sehnsucht nach dem, was noch nicht ist.
Und wenn es eintritt, was dann?
Dann stellt sich ein tiefes Gefühl des Gefundenhabens ein. Das Kreative an der Sehnsucht ist, dass sie uns zum Suchen und damit in Bewegung bringt und somit Veränderung, Horizonterweiterung und Entwicklung unserer Persönlichkeit bewirkt.
Kann man an Wehmut auch zerbrechen?
Eine Sehnsucht wird dann gefährlich oder zerstörerisch, wenn man so sehr an einer Vorstellung hängt, dass man fast kaputt geht, wenn man dieses Eine nicht bekommt. Da können Menschen stark depressiv werden. Unerfüllte Sehnsüchte und Haften daran sind die Wurzel der Depression.
Kommen viele Menschen zu Ihnen, die an ihrer Sehnsucht leiden?
Viele kommen zu mir, weil ihnen etwas fehlt. Und dann suchen wir nach Wegen, damit sich ihre Sehnsüchte zumindest ein bisschen erfüllen können.
MEHR ZUM THEMA SEHNSUCHT
- Website von Ines Grämiger: www.ines-graemiger.ch
- Lesen Sie hier den Artikel über die Sehnsucht.
- Buchtipp: «Sehnsucht – Das unstillbare Gefühl» von Wolfgang Hantel-Quitmann, Klett-Cotta Verlag, 31.90 Franken.






























