Ach, das Leben kann so schön sein! Gut gelaunt tippelt Marion über die Wiese ihres Gartens, lässt sich mit einem kleinen Sprung auf den Liegestuhl fallen und freut sich auf einen Nachmittag ohne Pläne. «Ich könnte ein bisschen im Krimi lesen, wenn ich wollte», denkt sie für sich. «Oder einfach nur die Augen schliessen und vor mich hinträumen.»
In wohliger Siestastimmung malt sich Marion aus, was sie an ihrem 49. Geburtstag auf Capri alles tun könnte. Das Glück scheint perfekt. Wäre da nicht diese innere Stimme, die Marion schon lange quält. Und die sich wie eine dunkle Wolke vor die Sonne schiebt.
Habe ich in meinem Leben wirklich erreicht, was ich wollte, fragt sie sich. Sollte ich nicht mutiger sein und weniger Kompromisse eingehen? Habe ich Angst, aus der Reihe zu tanzen, und am Ende alleine dazustehen? Ist es das, was mich bremst? Und allmählich dämmert ihr, dass sie Stunden wie diese erst dann wieder geniessen kann, wenn sie den Mut fasst, etwas zu ändern, und über ihren eigenen Schatten springt.
Ab morgen wird alles anders! Wer von uns kennt ihn nicht, diesen Vorsatz, mit dem wir uns Mut machen und uns das eine oder andere vornehmen. Zum Beispiel: Ab morgen mache ich reinen Tisch! Morgen sage ich meinen Kollegen im Büro einmal frisch von der Leber weg, was mich bei unserer Teamarbeit stört! Und wenn ich dieses Risiko schon auf mich nehme, dann springe ich auch gleich vom 10-Meter-Turm ins Schwimmbecken. Das wollte ich schon lange tun. Herzrasen hin oder her!
Im Sommer ist alles möglich
Egal, wie gefährlich unsere Vorhaben auch sein mögen: Gerade im Sommer, wo uns alles ein bisschen leichter fällt, weil die Sonne so wunderbar wärmt und wir frohen Mutes sind, trauen wir uns mehr zu als sonst. «Im Sommer herrscht Aufbruchstimmung», stellen Mut- und Risikoforscher einhellig fest: Da lockt die Lust aufs Abenteuer.
Und so spüren viele von uns den Drang, das Leben auf den Kopf zu stellen und etwas Neues zu wagen. Dabei geht jedoch ganz vergessen, dass wir eben doch nicht so kühn und furchtlos sind wie unsere Krimilieblinge, die wir für ihre Heldentaten so bewundern.
Denn sobald es so weit ist, lässt uns der Mut nur allzu schnell im Stich, und wir bekommen kalte Füsse. Warum? Weil die Angst eben doch grösser war, als man dachte. «Und weil die alten Brücken oft nicht wirklich abgebrochen wurden und daher beim ersten Gegenwind der Schutz des Vertrauten leicht wieder zu finden ist», erklärt der deutsche Risikoexperte Reinhard K. Sprenger das Phänomen. Also krebst man zurück, bis zum nächsten Anlauf. Oder tröstet sich mit einer Ausrede über die Mutlosigkeit hinweg.
So geht es mit vielem im Leben. «Würde ich mir ein Sabbatical gönnen, dann könnte ich ultimativ entspannt sein und das Leben geniessen», schreibt die deutsche Psychologin Brigitte Roser in ihrem Buch «Das Ende der Ausreden». Und spricht damit eine Sehnsucht an, die vielen von uns bekannt sein dürfte. «Träume, die wir auch leben sollten», meint die Autorin. Und nicht für den Sanktnimmerleinstag aufsparen sollten. Dazu seien sie zu kostbar.
«Schade, wenn man solche Erfahrungen verpasst», meint die Expertin in Sachen Persönlichkeitsentfaltung. Doch ohne Risiko kein Abenteuer. Denn das ist der Preis für das unbekannte Glück. «Wer wagt, gewinnt», heisst es schon in einem alten Sprichwort, und es meint nichts anders als: Ein Risiko einzugehen lohnt sich mehr, als im Nachhinein zu bereuen: «Hätte ich es doch nur versucht.»
In kleinen Schritten ans Ziel
Das klingt plausibel. Aber wo soll die eigene Mutprobe beginnen? Wo stehen die Chancen gut, nicht zu scheitern und das heikle Unterfangen gleich wieder abzubrechen? «Am besten wagen Sie sich zunächst an eine Herausforderung, die überschaubar ist», empfiehlt Brigitte Roser. «Bringen Sie sich zum Beispiel im Freundeskreis mehr ein, und sagen Sie, was Sie denken. Meistens wird das geschätzt. Und Ihr Mut kann wachsen», erklärt die Psychologin.
Auch den Alltagsmut gilt es zu pflegen. Zum Beispiel: den Wein aus dem Keller zu holen, trotz panischer Furcht vor Spinnen. Sich dem eigenen Spiegelbild stellen, auch wenn die Augenringe, die man entdeckt, nicht so toll aussehen. Den Mut haben zu lieben. Und ihn auch dann aufzubringen, wenn man sagen möchte: «So, jetzt muss ich mal alleine sein, ihr Lieben.»
Wenn man so weit ist, lassen sich grössere Wagnisse in Angriff nehmen. Hauptsache, man traut sich: Egal, ob die Stimme dabei ins Stocken gerät oder das Gesicht vor lauter Panik rote Flecken bekommt. Was solls? Ist doch sympathisch!
Ob man den Mut in kleinen Schritten probt oder zum grossen Befreiungsschlag ausholt, ist eine Frage des Temperaments. Wer aber einmal über seinen eigenen Schatten gesprungen ist und ein Erfolgserlebnis hatte, dem fällt das nächste Wagnis leichter. Denn mit jeder positiven Erfahrung fassen wir zusätzlichen Mut.
«Mut ist lernbar», darüber sind sich Risiko- und Mutforscher einig. Und es ist nie zu spät, neue Wege zu beschreiten und zu entdecken, worauf man Lust hat. Und sei es auch nur ein Purzelbaum auf der Wiese, ein Sprung ins Wasser oder mal eine Reise alleine nach Capri.
BÜCHERTIPPS ZUM THEMA MUT
- «Das Ende der Ausreden» von Brigitte Roser Diana Verlag, 15.50 Franken.
- «Die Entscheidung liegt bei dir!» von Reinhard K. Sprenger, Campus Verlag, 33.90 Franken.































