Psychologie

Die Kunst des Kritisierens

Ausserdem

Kritik anbringen

So geht's

Artikel lesen

Expertin: Simone Anliker

Wertfrei und fair bleiben

Simone Anliker ist Expertin für Gewaltfreie Kommunikation in Einsiedeln. Artikel lesen

Klare Worte müssen manchmal sein, doch die Konfrontation meiden wir lieber. Die Expertinnen Barbara Berckhan und Simone Anliker erklären, wie man Kritik anbringt, ohne dass Beziehungen darunter leiden.

von Nicole Tabanyi

Unsere Sprache kann fast alles. Mal sind unsere Worte wie Fenster, die sich öffnen. Mal werden sie zu Mauern. Und wir erleben sie als trennend und unüberwindbar.

So kann der Trost der Mutter oder das Flüstern der Liebe richtig guttun und einen glücklich stimmen. Während ein böses Wort wie ein Peitschenschlag durch die Luft knallt und einen jäh verstummen lässt. Denn schon der Tonfall verrät, ob man es mit liebevoller oder unversöhnlicher Absicht zu tun hat. «Es ist der Ton, der die Musik angibt», sagt ein bekanntes Sprichwort und meint: Mit der Stimme offenbaren wir unsere Gefühle.

So steht eine sanfte Stimme für Zuneigung, schrille Töne aber empfinden wir als Kritik und Ablehnung. Genau hier setzt die Kunst der Kommunikation ein: dass man nicht zu laut und zu grob wird beim Kritisieren. «Mit Kritik, die respektlos ist, verdirbt man sich die Beziehungsebene», sagt die Kritikexpertin Barbara Berckhan. «Das ist ein Schuss ins Leere.»

Besser wäre es, mittels Kritik das Unbehagen auszusprechen - und zwar mit Anstand und Wertschätzung. Doch wie soll man sagen, was einen stört, ohne dass man dabei gleich die Freundschaft gefährdet? Oder den Chef brüskiert?

«Klare Worte dürfen und müssen manchmal sein», ermutigt Barbara Berckhan in ihrem aktuellen Buch «Jetzt reichts mir! Wie Sie Kritik austeilen und einstecken können» (siehe Box rechts). «Wer nicht deutlich sagt, was ihn stört, wird nicht gehört und auch nicht verstanden», erklärt Berckhan.

Seit über 20 Jahren beschäftigt sich die deutsche Pädagogin und Sachbuchautorin mit der Kunst der Gesprächsführung. Akribisch geht sie der Frage nach: Wie finde ich die richtigen Worte für meine Anliegen, und zwar so, dass Beziehungen nicht darunter leiden und abbrechen, sondern bestehen bleiben und wachsen?

Denn wenn es darum geht, wie Menschen sich besser verstehen und besser miteinander auskommen können, ist unsere Sprache das wichtigste Instrument überhaupt. «Und dazu gehört auch die Kunst des Kritisierens», weiss die Autorin. «Nämlich klar zu sagen, was einen stört. Nur so kommt man auf längere Zeit gut miteinander klar - ob mit dem Partner oder mit den Kollegen am Arbeitsplatz.» Doch das Äussern von Kritik ist immer heikel. Man weiss nicht, ob man den richtigen Ton angeschlagen hat und ob die Botschaft richtig aufgenommen wird. Darum vermeiden viele die Konfrontation - aus Angst, der Gesprächspartner könnte sich enttäuscht von einem abwenden. Bis zu jenem Tag, an dem die vielen Gedanken, die man bis anhin für sich behalten hat, mit grossem Getöse aus einem herauspurzeln. «Das kann jeder von uns besser», ist Barbara Berckhan, die auch in der Schweiz Kritikseminare gibt, überzeugt (siehe Hinweis unten rechts).

Denn wer andere Menschen blossstellt und mit Vorwürfen überhäuft, sagt nicht, was los ist. «Besser ist, Sie sagen genau, was Sie so verstimmt. Niemand kann Ihre Gedanken lesen», rät Berckhan. «Und denken Sie daran: Kritik soll immer respektvoll sein. Sodass Ihr Gegenüber die Kritik annehmen kann.»

Hier setzt auch die Gewaltfreie Kommunikation, eine aus Amerika stammende Gesprächstechnik, an. «Menschen möchten in erster Linie gehört, gesehen und verstanden werden», sagt Simone Anliker, die eine Praxis für Gewaltfreie Kommunikation in Einsiedeln SZ hat. «Wenn das nicht möglich ist, greifen sie zu Mitteln, auf die sie selber nicht stolz sind» (siehe Interview links).

Ansprechen statt runterschlucken

Je eher man das Unbehagen anspricht, desto besser. Wer lange zuwartet, riskiert, Sklave seiner Emotionen zu werden. Weil sich die unguten Gefühle, die anfangs in der Magengrube sitzen, überall einnisten. «Schlucke ich den Ärger aber nur runter, so gefährde ich auf Dauer meine Gesundheit», sagt Berckhan.

Zudem kann das Runterschlucken von Kritik zum echten Beziehungskiller werden. Nehmen wir einmal an, Ihr Bürokollege isst jeden Mittag ein Käsebrot und verpestet mit dem würzigen Limburger die Büroluft. Das stört Sie. Wie verhalten Sie sich? Wollen Sie die Störung einfach über sich ergehen lassen und sich abends bei Ihrer Familie darüber auslassen?

Besser nicht. Denn Ihr Kollege wird auf diese Weise nie erfahren können, dass etwas nicht in Ordnung ist. Möglicherweise fragt er sich auch, warum Sie ihn nicht mögen. Die Ablehnung, die Sie ihm entgegenbringen, bleibt ihm nicht verborgen. Dass es aber nur um sein Käsebrot geht, kommt ihm nicht in den Sinn.

Barbara Berckhan rät: «Sagen Sie ihm: Ich finde es nett, wenn Sie mit Ihrem Käsebrot rausgehen. Der Käsegeruch stört mich. Kann ich vielleicht auch etwas für Sie tun?» Mit einer freundlichen Kritik entspannt sich die Situation sofort.

Wichtig ist, dass man sich vor einem solchen Gespräch sammelt. Entscheidend ist auch der Tonfall. «Wählen Sie einen Tonfall, mit dem Sie selbst angesprochen werden möchten», empfiehlt Berckhan. «Denselben Tonfall, mit dem Sie mir Uhrzeit und Datum sagen würden. Das machen Sie ja auch nicht vorwurfsvoll oder dramatisch.»

Am besten übt man das Kritikgespräch erst mal zu Hause im stillen Kämmerlein. «So hört man sich selbst», schlägt Berckhan vor. «Mögen Sie sich selbst hören, dann ist es der richtige Tonfall.»

Wer die Kunst des Kritisierens allmählich beherrscht, merkt bald, dass sich Beziehungen dadurch vertiefen. Auch fällt es einem leichter, Kritik von andern anzunehmen. Weil man erfährt, dass sich eine Situation durch ein offenes Wort nur zum Besten verändert.

 

Buchtipp und Seminar der Expertin

  • «Jetzt reicht?s mir» von Barbara Berckhan, Kösel Verlag, 29 Fr.
  • Seminar: «So wehren Sie sich gegen Respektlosigkeit», am 18.Mai in Bern, 19. Mai in Thalwil. Anmeldung bei SNE in Solothurn, Tel. 032 626 31 13.

 

 

 

 

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 10/04 der Schweizer Familie publiziert.

TV Hinweis

«Rosazea» ist das Hauptthema der nächsten «Puls»-Sendung vom Montag, 15. März, 21.05 Uhr auf SF 1.



Aktuelle Ausgabe 10/11

Die aktuelle Schweizer Familie - jetzt in Ihrem Briefkasten oder am Kiosk.

Abo bestellenGratis Exemplar bestellen