Vitamine – Teure Pillen ohne Wirkung

Viele glauben, mit Vitamintabletten dem Körper Gutes zu tun. Irrtum, sagen Studien. Die Pillen sind nutzlos. Im schlimmsten Fall schaden sie sogar.

  • Vitamine sind keine Wundermittel.

Vitaminpillen sorgten in den letzten Wochen für Schlagzeilen. Das deutsche Magazin «Der Spiegel» sprach in einer Titelgeschichte sogar von einer «Vitaminlüge». Anlass gab eine neue US-Studie, die zum Schluss kam, dass Vitamin-E-Präparate die Gefahr von Prostata-krebs bei gesunden Männern erhöhen.

Viele Konsumenten sind verunsichert. Wie gefährlich sind die Vitamine aus der Packung wirklich? Gehören sie auf den Müll oder wird unnötig Panik gemacht?
Klar ist: Vitamine sind nicht die Wundermittel, als die sie lange verkauft wurden. Jahrzehnte galten sie als Kraftspender, die das Immunsystem stärken, das Altern verlangsamen und sogar vor Krebs und Herzkreislauf-Leiden schützen.

«Alles Unsinn» – davon ist die Mehrheit der Forscher inzwischen überzeugt. Gross angelegte Studien ergaben, dass Vitaminpräparate nicht vor Krankheiten schützen. Trotzdem sind Vitamine in Tablettenform nach wie vor ein Verkaufsschlager. Experten gehen davon aus, dass rund eine Million Schweizer täglich Vitaminpräparate schlucken.


Vitamin C für ein längeres Leben
Vitamine sind Bestandteile der Nahrung, die der Körper für lebenswichtige Funktionen braucht. Ihren Namen erhielten sie vom Biochemiker Casimir Funk, der sie Anfang des 20. Jahrhunderts erforschte. Er bildete den Begriff aus dem lateinischen «vita», für Leben, und dem Wort «Amine», einer Substanzgruppe der Chemie. Schon damals war den Wissenschaftlern klar, dass eine ausgewogene Ernährung ausreicht, um dem Vitaminmangel vorzubeugen.

Das hinderte die Pharmaindustrie nicht daran, mit Vitamin C als Stärkungsmittel zu werben, als es in den 1930er-Jahren gelang, die Substanz synthetisch herzustellen. «Die Idee, die Leistung mit Hilfsmitteln zu steigern, fand grossen Anklang bei der Bevölkerung», erklärt der Wissenschaftshistoriker Beat Bächi von der ETH Zürich, der ein Buch zur Geschichte des Vitamin C geschrieben hat. In den 1970er-Jahren flammte die Begeisterung für Vitamine erneut auf, dank des Nobelpreisträgers und Chemikers Linus Pauling. Er glaubte, hohe Dosen von Vitamin C würden vor Erkältungen schützen und das Leben verlängern.

Vitamine nicht lebensverlängernd
Eine der ersten Studien, die der Vitamingläubigkeit einen Dämpfer verpassten, war 1994 eine Untersuchung mit mehr als 29 000 Rauchern. Sie sollte zeigen, dass Betacarotin Raucher vor Lungenkrebs schützt. Heraus kam das Gegenteil: Die Häufigkeit von Lungenkrebs stieg in der Betacarotin-Gruppe um 18 Prozent an. Ein weiterer Schock war das Ergebnis des dänischen Cochrane-Zentrums 2008. Die Forscher hatten für ihre Untersuchung 67 Studien ausgewählt, in denen mehr als 230 000 Teilnehmer untersucht worden waren. Es zeigte sich, dass die Einnahme der Vitamine A, Betacarotin, C und E das Leben der Probanden nicht verlängerte. In der Vitamingruppe war die Sterblichkeit sogar höher als bei denjenigen, die nur ein Scheinmedikament schluckten. Einzeln betrachtet, erhöhte Vitamin E die Sterblichkeit um 4 Prozent, Betacarotin um 7 Prozent und Vitamin A um 16 Prozent. Bei Vitamin C und dem Vitamin Selen war die Datenlage nicht eindeutig.

Vitaminhersteller zweifeln die Ergebnisse der Studie an. Für den Mediziner und Studienexperten Peter Jüni von der Uni Bern hingegen ist klar: «Die Cochrane-Studie weist klar darauf hin, dass bestimmte Vitaminzusätze eher schaden als nützen.» Doch was bedeuten die Zahlen konkret? Peter Jüni hat ausgerechnet, dass, je nach Annahme, 500 bis 5000 Menschen ein Jahr lang täglich Präparate, die Vitamin A, E oder Betacarotin enthalten, konsumieren müssten, damit ein Todesfall auftritt. Für die Schweiz lasse sich daraus die theoretische Zahl von 100 bis 500 Toten pro Jahr ableiten, die der Vitaminkonsum zur Folge haben könnte. «Das ist natürlich nur eine Schätzung und vorsichtig zu interpretieren», sagt Peter Jüni. «Man muss deswegen keineswegs in Panik geraten.»

Früchte statt Tabletten
Derselben Ansicht ist Ernährungsphysiologe David Fäh vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Zürich. Dennoch empfiehlt er der breiten Bevölkerung, Vitaminpräparate nicht weiter einzunehmen. «Warum ein Risiko eingehen, wenn die Mittel erwiesenermassen nichts bringen?» Er rät auch, nicht zu viele mit Vitaminen angereicherte Lebensmittel zu kaufen. Obst und Gemüse sollte man dagegen bedenkenlos weiterhin essen. Deren Vitamine seien zwar identisch mit den synthetisch hergestellten Vitaminen. «Früchte und Gemüse enthalten aber noch viele andere wertvolle Stoffe», sagt David Fäh, «die erst im Zusammenspiel ihre Wirkung entfalten.»

Ausnahmen bestätigen aber auch bei Vitaminpräparaten die Regel. «Manche Risikogruppen brauchen zusätzliche Vitamine, Frauen mit Kinderwunsch etwa sollten Folsäure einnehmen und Veganer das Vitamin B12. Auch bei einem nachgewiesenen Vitaminmangel ist eine gezielte Ergänzung nötig.» Wer glaubt, unter einem Mangel zu leiden – Anzeichen dafür sind rissige Haut, Haarausfall und extreme Müdigkeit –, sollte am besten einen Arzt aufsuchen, bevor er eigenhändig Vitaminmittel zu sich nimmt.

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