Schlaf, Kindlein, schlaf

Sack oder Decke? Fell oder Schmusetier? Mit Mama oder allein? Bestsellerautor und Psychologe Jürgen Zulley über den Schlaf der Babys und wie Eltern sich und ihre Kleinen am besten betten.

  • Satte Babys schlafen besser, am liebsten in einem Schlafsack.

SCHWEIZER FAMILIE: Herr Professor Zulley, brauchen Babys heute noch Wiegenlieder?
JÜRGEN ZULLEY: Aber sicher! Genauso wie die Erwachsenen, denen ich immer wieder beibringen muss, dass auch sie Wiegenlieder brauchen. Selbst wenn sie schon 60 sind. Denn das klassische Wiegenlied, aber auch die Einschlafgeschichte, ermöglicht, dass wir in eine Entspannung kommen. Und ohne Entspannung gibt es keinen Schlaf – weder für Babys noch für Erwachsene.
Welche Wiegenlieder empfehlen Sie Eltern kleiner Kinder?
Alle Lieder, die mit dem Mond zu tun haben, wie etwa «Der Mond ist aufgegangen». Die passen doch wunderbar zur Abendstimmung.
Was, wenn die Eltern solche Lieder nicht kennen?
Es gibt tolle CDs mit Schlafliedern. Man muss allerdings die richtigen aussuchen. Ein Männerchor mit Pauken wiegt das Baby nicht in den ersehnten Schlaf.
Auch wenn man nicht singen kann: Ist nicht die Stimme der Mutter oder des Vaters wichtig für das Baby, damit es weiss, dass es nicht alleine ist?
Doch, die Stimme der Eltern signalisiert den Kleinen: Alles ist in Ordnung. Sie vermittelt ihnen ein Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Nestwärme. Und wenn die Kleinen abends ihre Augen schliessen, müssen sie spüren, dass ihre Eltern da sind.
Fürchten sich Babys vor der Dunkelheit?
Wenn man sich die Situation des Neugeborenen vorstellt, das da einsam, alleine und hilflos in einer dunklen Umgebung liegt – dann ist das doch alles sehr bedrohlich! Sind aber Mama oder Papa anwesend, wenn das Baby einschläft, hilft das sehr. Und wenn im Gang dann noch ein kleines Lichtlein brennt, umso besser! Dann sieht auch der Vorhang im Dunkeln nicht so aus wie ein Gespenst.
Wo soll das Baby in seinem ersten Lebensjahr schlafen? Im Elternschlafzimmer?
Das ist eine wichtige Frage, die immer wieder zu Diskussionen führt. Tendenziell ist es so, dass das Baby erst mal in der Nähe der Eltern schlafen sollte. Und wenn es im Elternschlafzimmer schläft, so wäre ein eigenes Bettchen mit einer etwas härteren Matratze neben dem Bett der Eltern ideal. Wenn es schon im eigenen Zimmer schlafen kann, ist das auch in Ordnung.
Und wenn es trotzdem ins Bett der Eltern krabbeln will?
So sollen Eltern es ihrem Kind nicht verbieten. Es gibt Phasen, in denen Babys nun mal unruhiger und ängstlicher sind, das ist ganz normal. Aber im Hinterkopf sollten die Eltern immer die Idee haben, dass ihr Kind irgendwann auch mal in sein eigenes Zimmer ziehen sollte.
Man hört aber immer wieder von jungen Eltern, dass ihre Babys ausschliesslich dann schlafen, wenn sie es ins Bett der Eltern geschafft haben. Wie lange soll man das zulassen?
Es darf natürlich nicht zu viel für die Eltern werden, die müssen auch Rücksicht auf sich selbst nehmen. Wenn sie ihr Kind nicht jede Nacht bei sich haben wollen und es zurück in sein Bettchen legen, dann wird es allerdings eine Zeit lang sehr laut werden. Weil das Baby logischerweise protestiert, wenn es sich schon zu sehr daran gewöhnt hat, im Bett der Eltern zu schlafen.
Meinen Sie die Schreibabys? Wie können Eltern ihr Kleines, das immer schreit, beruhigen?
Bei Schreibabys sollte man professionellen Rat suchen, da hier eine eingehende Analyse der Gesamtsituation erforderlich ist.
Eine Bekannte von mir hat die schlechte Gewohnheit etabliert, dass sie sich immer mit ihrem Sohn hinlegt. Auch am Mittag. Wie kommt sie da wieder raus?

Das ist zu viel! Und dann auch noch mittags! Wenn das Kind nur noch in Anwesenheit der Mutter schläft, gewöhnt es sich zu sehr an diese Situation. Dann ist der Zeitpunkt gekommen, dass sich die Mutter stufenweise zurückziehen muss. Das macht sie, indem sie nur noch kurz beim Einschlafen dabei ist.
Wie soll man Babys betten, damit sie sich wohlfühlen? Auf den Rücken?

Auf keinen Fall auf den Bauch! Die Bauchlage behindert das Atmen. Babys sollen auf jeden Fall auf dem Rücken oder mit Hilfe eines kleinen Kissens in der Seitenlage schlafen.
Was gibt es sonst noch zu beachten, wenn Eltern ihr Baby ins Bett bringen?
Am besten schlafen Babys in einem Schlafsack. Bei einer Decke besteht die Gefahr, dass sie in der Nacht verrutscht und über das Gesicht kommt. Die Eltern sollten auch darauf achten, dass die Schmusetiere nicht allzu gross sind – auch sie können auf die Atemwege gelangen. Es braucht auch keinen ganzen Zoo im Kinderbett, ein Schmusetier reicht vollkommen.
Was ist mit dem Lammfell? Manche Eltern schwören geradezu darauf!
Davon würde ich abraten, wegen der Erstickungsgefahr. Am besten legt man überhaupt kein Fell ins Kinderbett, Baumwollmaterialien sind sicherer.
Es gibt Babys, die schlafen immer und überall, andere hingegen schlafen in der Nacht kaum. Woran liegt das?
Es gibt Kurz- und Langschläfer, Gut- und Schlechtschläfer. Das ist bei den Babys genauso wie bei den Erwachsenen. Vieles, was unseren Schlaf anbelangt, ist genetisch bedingt. Darum sollten sich Eltern auch nicht zu schnell Sorgen machen und sich mit Fragen quälen wie etwa: Schläft unser Baby nun zu viel oder zu wenig?
Wie viel schlafen Babys denn am Tag?
Neugeborene schlafen rund 16 Stunden im Durchschnitt. Und am Anfang schlafen sie noch gar nicht so gehäuft in der Nacht, sondern lieber am Tag.
Trotzdem gehören sie abends irgendwann ins Bett. Wann ist die beste Zeit für die Nachtruhe?
Das ist schwierig zu sagen, wichtiger ist die Regelmässigkeit. Das bedeutet, dass der Abend respektive die Nacht immer zur selben Uhrzeit beginnt. Bei den ganz Kleinen kann das zum Beispiel um 19 Uhr oder um 20 Uhr sein. Es kann aber auch sein, dass es günstiger ist, wenn ich mein Kind erst etwas später ins Bett bringe, weil es dann ruhiger und besser schläft. Da würde ich die Eltern dazu auffordern, das auszuprobieren. Und dann sollte es möglichst
satt sein, bevor es schläft, damit es nicht wieder aufwacht, weil es hungrig ist.
Schlafen lernen dauert also eine Weile?
Ja, aber diesen Lernprozess können Eltern unterstützen, indem sie von aussen Bedingungen schaffen, die die Entspannung fördern. Das heisst: Es soll ruhig und abgedunkelt sein. Und es wird auch nicht mehr rumgetobt und gespielt, weil es nun eben zur Nacht hin geht.
Man hört immer wieder, dass Babys im Schlaf lernen. Stimmt das?

Ja, alles, was sie am Tag erleben, festigt sich, während sie schlafen. Der Schlaf ist ja ein hochaktiver Prozess. Und gerade bei den ganz Kleinen ist der Schlaf auch so wichtig, weil nur dann das Wachstumshormon ausgeschüttet wird, das für das Wachstum der Haare und Knochen zuständig ist. Auch das Immunsystem kann sich nur im Schlaf regulieren.
Wie ist es mit dem Stillen in der Nacht? Soll man das Baby, wenn es schreiend aufwacht, stillen?
Ja, wenn es hungrig ist, vor allem im ersten Halbjahr. Wenn es aber keinen Hunger hat, dann sollte man es nicht stillen. Lieber das Baby in den Arm nehmen, es trösten und es herumtragen, weil Bewegung sofort beruhigt. Deshalb ist auch die gute alte Wiege nach wie vor wunderbar fürs Baby. Es gibt auch Hängematten für die Kleinen, in denen sie hin- und hergeschaukelt werden. Die Kleinen lieben das.
Lässt sich zusammengefasst sagen, dass ein ausgeruhtes Baby auch ein glückliches Baby ist?
Wenn es nicht gerade Hunger hat oder gerade eine Blähung daherkommt, so würde ich sagen: Ein Baby, das gut schläft und dabei noch etwas Süsses träumt, gehört zu den glücklichen Babys.

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