Das fliegende Lehrerzimmer

Im Gymnasium Unterstrass in Zürich übernahmen für zweieinhalb Tage die Schüler das Kommando. Der Unterricht funktionierte tadellos. Die Kaffeemaschinen nicht mehr.

  • Direktor Jürg Schoch (M.) mit Interimsdirektorin Damaris Blum, 18, und Interimslehrer Alex Rockstroh, 20.

Die Kaffeemaschine im Lehrerzimmer ratterte fast ununterbrochen. Ständig drückte jemand ihre Knöpfe. So oft wie sonst nie. Obwohl das gesamte Schulhauspersonal Mitte Januar für zweieinhalb Tage ausgeflogen war. Auf «Schulreise». Weiterbildung. Von Mittwochmittag bis Freitagabend setzten weder Direktor und Lehrerpersonen noch Sekretärinnen und Küchenkräfte einen Fuss in das Gymnasium Unterstrass in Zürich. Sie überliessen alle Räume den Schülern. Auch das sonst so unerreichbare Lehrerzimmer – inklusive Kaffeemaschine.

Schülerschule heisst das Projekt, das in Unterstrass alle vier Jahre stattfindet. Zum fünften Mal zogen sich die Fachkräfte zurück. Nicht, weil sie vor dem Alltag fliehen wollten. Nicht, weil die Gymnasiasten unerträglich geworden wären. Im Gegenteil: Die rund 180 Schüler sind fähig, Verantwortung zu übernehmen. «Weil wir sie ihnen geben», sagt Direktor Jürg Schoch. Die volle Verantwortung. Nur im Notfall wäre der Direktor per Handy erreichbar gewesen. Es klingelte nie.

Das Projekt war aufwendig. «Wir mussten jeden Schüler einarbeiten, der in eine Fachrolle schlüpfte.» 65 Gymnasiasten teilten sich die verschiedenen Aufgaben. Die zusätzliche Arbeit habe sich allerdings gelohnt, sagt Schoch. «Die Schüler werden durch dieses Projekt selbstbewusster. Und sie entwickeln ein grösseres Verständnis für Lehrer und andere Fachkräfte.» Ihn, Direktor Jürg Schoch, ersetzte Damaris Blum. Direktorin Damaris Blum. Dabei ist sie erst 18. Für den Chefposten hat sie sich entschieden, weil sie als Lehrerin «wenig geeignet» sei. «Fachlehrer müssen ihr Gebiet beherrschen, ausserordentlich gut rechnen, Englisch oder Französisch sprechen können. Ich bin überall eher durchschnittlich », sagt sie. Mit den Medien sei sie aber problemlos zurechtgekommen. «Die Öffentlichkeit über unser Projekt zu informieren war eine meiner grössten Aufgaben.»

Hervorragend habe sie diese erledigt, lobt Jürg Schoch. «Ich sagte ihr, sie könne sich freuen, wenn sich auch nur ein Journalist interessiere», erzählt er. Gekommen sind vier Medien – zwei Zeitungen, ein Radio- und ein Fernsehteam. Und denen wussten die Ersatzkräfte bloss Positives zu berichten. Alex Rockstroh, 20, arbeitete als Englisch- und Französischlehrer. Zudem leitete er den Chor. «Alle machten mit», sagt er. Rockstroh war auch zuständig
für die Absenzen. «Es fehlten weniger Schüler als sonst», sagt er. Das liege vermutlich daran, dass niemand die Kollegen habe hintergehen wollen. «Wir sind alle auf gleicher Augenhöhe.» Auf gleicher Augenhöhe waren die Gymnasiasten auch, wenn es ums Lehrerzimmer ging. Selbst Schüler, die Schüler blieben, riskierten Blicke in den Rückzugsraum der Lehrer. Und drückten hin und wieder die Knöpfe des Kaffeeautomaten.

Als die Fachkräfte zurückkehrten, ratterte die Maschine denn auch nicht mehr. Sie musste aufgefüllt werden. «Wir haben natürlich alle genossen, dass wir Zugang zu diesem Zimmer und der Maschine hatten», sagt Damaris Blum. Schliesslich sei der Kaffee gratis gewesen. Und die heisse Schokolade. «Abgesehen davon», relativiert Alex Rockstroh, «ist aber auch das Lehrerzimmer bloss ein Raum. Ganz ohne Mystik. Bloss ein Raum.»

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