Die sechsjährige Lisa weiss, wie man sich in Szene setzt. Zu Beginn ihres Lebens musste der kleine Blondschopf mit dem Engelsgesicht zwar nicht viel für die ungeteilte Aufmerksamkeit der Erwachsenen tun. Doch als Lisa drei war, bekam sie Konkurrenz von Baby Marc. Jeder, der die Familie besuchte, wollte Lisas kleinen Bruder in den Arm nehmen.
Die grosse Schwester ging dabei oft vergessen. Aber bloss für einen kurzen Augenblick. Dann stellte sich Lisa zwischen die Erwachsenen, warf ihre blonden Löckchen in den Nacken und begann aus goldener Kehle zu singen. «Das konnte sie gut», sagt ihre Mutter Corinne Brunner. «Und mit einem Schlag wussten wir alle wieder, dass Lisa auch noch da war.»
Doch mit der Zeit wurde die Konkurrenz grösser. Vor eineinhalb Jahren kam Ella zur Welt, und Lisas Gesang veränderte sich von Monat zu Monat mehr zu einem lauten Schimpfen. Das hört die Mutter von Zeit zu Zeit morgens um 7.20 Uhr, wenn Lisa beim Kleiderständer verzweifelt zwischen den Jacken wühlt. Die Mutter ruft ihr aus der Küche zu: «Warte, Lisa, du musst erst in einer Viertelstunde in die Schule, ich komme und helfe dir, sobald Marc seine Ovi getrunken hat und Ella gewickelt ist.» Doch das will Lisa nicht hören. Heftig stampft sie mit ihren Gummistiefeln auf den Boden und schreit zurück: «Immer muss ich warten. Alle anderen kommen zuerst. Gibs doch zu, ihr wolltet mich gar nie haben!»
Vom Thron geschubst
Mit solchen Gefühlen ist Lisa nicht allein. Viele Kinder erleben die Geburt eines Geschwisterchens als Bedrohung. «Stellen Sie sich vor, Ihr Mann bringt am Abend die Geliebte mit nach Hause und erklärt, sie wohne ab sofort auch in Ihrem Haus», erklärt Psychologe Jürg Frick. Etwa so fühle sich ein Erstgeborenes, das lange Zeit der Mittelpunkt im Leben der Eltern war und plötzlich vom kleinen Bruder vom Thron geschubst wird. «Das Kind ist verunsichert und befürchtet, seinen festen Platz in der Familie und die Liebe der Eltern zu verlieren.»
Weil Kinder diese Gefühle nur schwer in Worte fassen können, buhlen sie mit sonderbaren Reaktionen um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern: Sie weinen oft, sind aggressiv, trotzig oder launisch.
Das erlebt auch Spielgruppenleiterin Angela Werner immer wieder: «Manchmal sind einzelne Kinder wie ausgewechselt, sie reagieren aggressiv im Spiel mit den anderen, oder sie ziehen sich total zurück.» Wenn Angela Werner nachfragt, erfährt sie oft, dass die Mutter schwanger ist. «Statt das Erstgeborene behutsam auf die neue Situation vorzubereiten, machen viele Eltern ein riesiges Theater um den wachsenden Bauch. Sie vergessen dabei, dass für ihr Kind das neue Baby mehr Bedrohung als Lichtblick ist.»
Aus diesem Grund rief Angela Werner vor gut fünf Jahren den ersten Geschwisterkurs der Schweiz ins Leben. Heute bieten zahlreiche Spitäler ähnliche Kurse an. Hier lernen die Erstgeborenen, wie das Baby in den Bauch kommt und wie es seinen Weg nach draussen findet. Sie sehen sich den Gebärsaal an und üben mit ihrer Puppe, wie sie der Mutter später beim Wickeln, Baden und Pflegen helfen können.
Auch Lisa hatte diesen Kurs vor Marcs Geburt gemacht. Zum Abschluss trug sie eine Medaille nach Hause, auf der stand «Beste Schwester». «Lisa war unheimlich stolz und kümmerte sich liebevoll um ihren kleinen Bruder», erinnert sich Corinne Brunner. Vor gelegentlichen Schimpftiraden ihrer Ältesten hat der Kurs die Eltern aber nicht bewahrt. Doch diese nehmen sie inzwischen gelassen.
Kampf um Aufmerksamkeit
Grösseres Kopfzerbrechen bereitet ihnen die Art, wie sich der Mittlere, Marc, die Aufmerksamkeit der Eltern erkämpft. Es begann vor eineinhalb Jahren harmlos, nachdem Ella geboren worden war. Immer wenn Corinne Brunner ihre Jüngste stillte und deshalb nicht aufstehen konnte, nutzte Marc die Gunst der Stunde: Er verschwand im Badezimmer und veranstaltete eine Wasserschlacht, räumte die Schränke aus oder verschmierte Zahnpasta.
Heute ist das anders. Der Dreieinhalbjährige reagiert mit Tobsuchtsanfällen, wenn die Mutter nicht zur Stelle ist. In Ellas Kinderzimmer kommt es hin und wieder zu solchen Szenen: Corinne Brunner sitzt mit ihrer Jüngsten am Boden und spielt. Marc passt das überhaupt nicht. Er wirft sich auf den Boden, strampelt mit Armen und Beinen und kreischt: «Ella ist blöd. Ich habe sie nicht mehr gern. Sie ist nicht mehr meine Schwester.»
Solche Situationen sind schwer für die Mutter: «Mir reisst fast der Geduldsfaden, aber ich versuche, ruhig zu bleiben und ihn möglichst zu ignorieren, sonst wird es noch schlimmer.» Wenn Marc wieder zur Besinnung kommt, setzt sie sich zu ihm hin und erklärt: «Jetzt bin ich bei Ella. Aber mit dir spiele ich genauso gern wie mit ihr. Darum komme ich in dein Zimmer, sobald wir hier fertig sind.»
Das nützt fast immer. Trotzdem liegt Corinne Brunner ab und zu weinend in ihrem Bett. «An manchen Abenden zweifle ich an mir und frage mich, ob ich eine schlechte Mutter bin und meinen Kindern zu viel zumute.»
Hilfreiche Rituale
Tatsächlich gibt es Kinder, die nach der Geburt eines Geschwisterchens eine Art Entthronungsschock erleiden und für spätere Beziehungen im Erwachsenenalter traumatisiert sind. Ob es allerdings so weit kommt, hängt vor allem vom weiteren Verhältnis zwischen den Eltern und dem Kind sowie vom Alter des Kindes ab.
Ein zwölfjähriges Kind hat Freunde und andere Menschen, die ihm nahestehen. «Je jünger ein Kind aber ist, desto bedeutender sind die Eltern als Bezugspersonen», sagt Psychologe Jürg Frick. «Darum ist es wichtig, dass die Eltern dem Erstgeborenen das Gefühl geben, dass es weiterhin einen besonderen Platz in der Familie hat und dass das Baby keine Bedrohung darstellt.»
Das ist leichter gesagt als getan. Wie kann eine Mutter wie Corinne Brunner reagieren, wenn ihr die Älteste in schrillem Ton vorwirft, sie habe sie nie gewollt? Oder wenn der Mittlere tobend am Boden liegt? «Gelassen bleiben, dem Kind volle Aufmerksamkeit schenken und die Situation für ein Gespräch nutzen», sagt der Psychologe. «Das trotzende Kind ist in einer Art Fieberzustand. Und wer krank ist, will gepflegt werden.»
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