SCHWEIZER FAMILIE: Herr Schneider, Ihr Buch trägt den Titel «Cool down – wider den Erziehungswahn». Sind wir Eltern vor lauter Erziehen wahnsinnig geworden?
PETER SCHNEIDER: Mindestens in den öffentlichen Debatten scheint man besessen von der Vorstellung, dass wegen fehlender oder falscher Erziehung der Untergang des Abendlandes droht. Beziehungsweise dass richtige Erziehung uns vor diesem Untergang retten kann. Sie hat sich zu einer fixen Idee entwickelt, so einer Art Erziehungsneurose. Man kann das mit dem Putzwahn vergleichen: Wenn man regelmässig putzt, ist das ja okay, wenn man aber plötzlich überall Bakterien – in der Erziehung wären das Probleme und Gefahren – wittert und deshalb pausenlos und besessen putzt – oder eben pausenlos erzieht und über Erziehung nachdenkt, liest, redet, –, dann wird das Ganze neurotisch.
Warum noch ein Buch über Erziehung, Herr Schneider?
Weil mich Bücher wie Bernhard Buobs «Lob der Disziplin» oder Michael Winterhoffs «Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden» genervt haben. Ich verstand nicht, warum Erziehung auf einmal so ein riesiges Problem sein sollte. Was sollte dieser Erziehungseifer? Die Wut auf eine angebliche «Kuschelpädagogik»? Erziehung ist in den letzten Jahren eine Art Heilslehre, eine Frage auf Leben und Tod geworden.
Im Klappentext wirds dann sogar militärisch. Sie sprechen von erzieherischer Aufrüstung.
Ja, denn diese Fixierung auf die «richtige» Erziehung führt dazu, dass in allen Äusserungen, bei denen es um Jugend oder Kinder geht, sofort eine Weltuntergangsstimmung spürbar wird: Die Jugend ist gewalttätig – bald kann man nicht mehr ohne Angst auf die Strasse gehen. Die Jugend säuft – bald verlieren wir unseren Nachwuchs an Entzugskliniken. Und im nächsten Atemzug kommt dann: Daran ist die schlechte Erziehung schuld. Dann der Ruf nach mehr Erziehung, richtiger Erziehung.
Was für eine Erziehung haben Sie genossen – oder erlitten?
Ich weiss es nicht, wirklich nicht. Sie könnten mich genauso gut fragen: Welcher Verdauungstyp sind Sie? Oder: Welchen Ehe-Stil praktizieren Sie? Als ob man Lebenserfahrungen aus so vielen Jahren einfach so in Kategorien einteilen könnte.
War Erziehung denn früher richtiger, einfacher vielleicht sogar?
Wann früher?
Zur Zeit unserer Eltern, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren zum Beispiel.
Damals war das Verhältnis von Eltern und Kindern – für mich der bessere Begriff als «Erziehung» – eine Art Herrschaftsbeziehung, geprägt von Gehorsam und Ungehorsam. Probleme gab es genauso – Ungehorsamskonflikte –, und die musste man austragen.
Und heute?
Seit Mitte der Neunzigerjahre steht Erziehung in einem ganz anderen Zusammenhang: Heute geht es um Selbst- und Kindverbesserung und um fixe Vorgaben. In allen Bereichen werden scheinbar objektive Werte festgelegt dafür, wann oder wie viel von etwas ungesund, schlecht fürs Kind ist. Das ergibt eine unangenehme Mischung aus Angst und Gereiztheit.
Angst ist aber ein schlechter Ratgeber – auch bei der Erziehung, oder?
Manchmal ist es ja schon richtige Panik, etwas falsch zu machen. Aber was ist bei der Erziehung schon richtig? Die Sache ist zu komplex, um das entscheiden zu können. Man muss auch mit Ungewissheit leben können, ohne gleich das Schlimmste für die Kinder zu befürchten.
Was kann man als Eltern tun, um sich gegen diese Panikmache zu wehren?
Man sollte angesichts solcher Vorgaben immer wieder fragen: «Warum ist das eigentlich so?» Und vor allem «Ist es wirklich so?». Ein simpler Test, der zeigt, ob die Norm plausibel ist. Natürlich kann man sich nicht immer auf den gesunden Menschenverstand und die Intuition verlassen, aber dieses Theater um ein Glas Cola, zehn Minuten mehr Fernsehen oder einmal erst um 23 Uhr ins Bett – das ist doch absurd.
Wenn Sie an Ihre eigene Kindheit denken, woran erinnern Sie sich besonders gerne?
An die Schlaflieder, die mein Grossvater mir vorgesungen hat. Und an die Spaziergänge und Einkäufe mit ihm. Das sind die schönen Erinnerungen, die aber untrennbar mit den schlimmen verbunden sind: die schwer kranke Mutter und die panische Angst, dass sie sterben würde.
Eine Erfahrung, die Sie sicherlich stark geprägt hat. Als Psychoanalytiker beschäftigen Sie sich von Berufs wegen auch mit Prägungen aus der Kindheit.
Die Erfahrungen aus der Kindheit prägen tief. Allerdings kann man von vornherein nicht sagen, wie. Und sie prägen einen tiefer als das, was Eltern jeweils mit irgendwelchen Erziehungsmassnahmen bewusst bezwecken.
Am liebsten würden wir Eltern unseren Kindern nur positive Prägungen mitgeben. Wir möchten, dass sie glücklich sind. Was brauchen sie von uns Eltern?
Weniger, als wir meinen – und gleichzeitig auch mehr: Man muss sie halt gern haben! Ich war als Kind glücklich mit einer Tafel Schokolade und einem dicken Enid-Blyton-Buch. Ich glaube, dass Glück etwas sehr Konkretes ist. Man macht Kinder nicht mit einer «Haltung» oder irgendetwas Abstraktem glücklich, sondern mit etwas, an dem sie Freude haben und wobei man selber Freude hat, ihnen diese Freude zu machen. Und zwischen diesen Freuden liegt halt der Alltag, bei dem die Eltern den Kindern das Leben leichter und nicht schwerer machen sollten.
Laufen wir da nicht Gefahr, dass sie nie auf eigenen Beinen stehen werden?
Wenn die Kinder klein sind, können sie ja noch nichts allein. Sie würden sterben ohne die Eltern, die alles für sie tun. Mit zunehmendem Alter muss man ihnen immer weniger abnehmen, klar. In der Pubertät wird es etwas schwieriger, da schreibt man mal die Hausaufgaben für sie oder tröstet die von Liebeskummer gequälte Tochter, den von Weltschmerz erfassten Sohn. Dass die Kinder deswegen nicht lernen, auf eigenen Beinen zu stehen? Die Gefahr erachte ich als sehr klein.
Es gibt doch aber die Eltern, die ihre Kinder zu kleinen Paschas erziehen?
Genau wie beim Rest der Bevölkerung gibt es unter Eltern einen Anteil Überehrgeizige, Überbehütende, Verantwortungslose oder besonders Dumme. Warum sollte es ausgerechnet in der Gruppe der Eltern keine solchen Erscheinungen geben? Aber aus diesen Fällen sollte man nicht ein breit vorkommendes Problem konstruieren.
Sie haben selbst einen Sohn, der mittlerweile erwachsen ist. Ist seine Erziehung gelungen?
Wenn ich sage, dass er etwas vom Besten ist, was ich in meinem Leben zustande gebracht habe, dann meine ich damit gewiss nicht, dass er ein gelungenes Produkt meiner Erziehung ist.
Wie haben Sie den Weg zwischen «Grenzen setzen» und «Kuschelpädagogik» gefunden?
Ich habe ihn gar nicht erst beschritten. Diese derzeit kursierenden Darstellungen der Elternschaft als ständiger Gratwanderung zwischen irgendwas finde ich grauslich. Bei allem muss man sich rechtfertigen. Man sollte sich auf diesen Blödsinn gar nicht erst einlassen.
Sie glauben also nicht, dass der Erwachsene, der mein Sohn dereinst wird, ein Produkt meiner Erziehungsbemühungen ist?
Nein. Aber sicher werden Sie einige Ihrer Marotten und auch einiger Ihrer besseren Angewohnheiten in Variationen an ihm wiederfinden.
Haben Sie denn Erziehungsratgeber gelesen, als Ihr Sohn klein war?
Wenn Sie Barbara Sichtermanns Bücher «Vorsicht Kind» und «Leben mit einem Neugeborenen» zu den Erziehungsratgebern rechnen wollen …
Hat das etwas gebracht?
Es hat mindestens gebracht, dass man sich etwas weniger allein gefühlt hat mit dem kleinen Neuankömmling, für den man nach zwei Wochen Spital plötzlich allein verantwortlich war – wenn auch zu zweit, aber in seiner Hilflosigkeit kann man sich auch zu zweit ziemlich allein fühlen.
Glaubt man den Erziehungsratgebern, scheint es, Erziehung funktioniere nach dem Prinzip Ursache/Wirkung: Wenn ich viel vorlese, wird das Kind eine Leseratte. Wenn ich mit ihm pädagogisch wertvolle Spiele mache, wird es intelligent. Wenn ich ihm Süsses verweigere, wird es sich gesund ernähren. Und wenn ich das alles nicht tue, wird es unweigerlich scheitern in dieser Welt. Hängt wirklich alles von den Eltern ab?
Das zu glauben wäre eine immense Allmachtsfantasie. Und es würde verkennen, dass es schliesslich – Gott sei Dank! – auch noch eine Welt ausserhalb der Familie gibt.
Diese Glaubenssätze kommen ja nicht nur aus Erziehungsratgebern, sondern ebenso aus einer Fülle von Präventionskampagnen: Iss gesund! Schütze dein Kind vor Süchten! Lass es nicht am Computer spielen! Da wird doch ein Riesendruck aufgebaut.
Bei diesen Kampagnen geht es vielfach um eine Erziehung der Eltern. Ein bestimmter Lebensstil, der heutzutage vor allem gesund zu sein hat, wird als Norm vorausgesetzt, welche die Eltern nun an die Kinder weitergeben sollen. Gegen Prävention im Gesundheitsbereich wäre nichts einzuwenden, wenn sie handfeste Dinge wie das Impfen gegen Masern und Keuchhusten betrifft. Aber diese Kampagnen erstrecken sich auf sehr private Dinge wie Ernährungsgewohnheiten, und plötzlich muss man sich dafür rechtfertigen, dass man dieses und jenes isst und trinkt und auch seine Kinder nicht davon fernhält. Das hat viel mit Bevormundung und Schulmeisterei zu tun. Und manchmal werden dabei die Kinder als Erzieher ihrer Eltern missbraucht.
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