Drei der Porträtierten erzählen von motivierten Schülern und spielerischem Unterricht trotz wachsender Bürokratie.
Geht es nach Roland Reichenbach, Pädagogikprofessor an der Universität Basel, gehört ein gewisser Mut zur Lächerlichkeit zum Lehrberuf dazu. Der Berner Oberländer, der in einer Geschwindigkeit spricht, bei der einem fast schwindlig wird, meint damit, dass im Lehrberuf nur gut sein kann, wer eine Leidenschaft für seine Arbeit entwickelt. «Das, was man macht, muss man gerne machen. Man muss es gut finden, es muss einem wichtig sein.»
Allerdings ist dieses Engagement für die eigene Sache nicht jedermanns Ding. Denn es kann durchaus dafür sorgen, dass man als Lehrer zuweilen «kurlig» wirkt. «Denken Sie etwa an den Chemieprofessor, der seine Experimente mit einer Begeisterung demonstriert, als ob er sie zum ersten und nicht bereits zum xten Male machen würde», sagt Reichenbach. Leidenschaft also.
«Schulbesuch – wie Lehrerinnen und Lehrer heute unterrichten», diesen Titel trägt ein Buch, das der Leidenschaft im Schulbetrieb nachspürt. Geschrieben wurde es von Katharina Tanner, Corina Lanfranchi und Arlette Schnyder. In ihrem Werk porträtieren die drei Autorinnen vierzehn Lehrerinnen und Lehrer aus allen Ecken der Schweiz. Sie unterrichten an der Volksschule und in reformpädagogischen Einrichtungen wie der Steiner-, der Montessorischule oder dem Schülerclub Nordstrasse in Zürich.
Beliebte Lehrerinnen und Lehrer
«Im Mittelpunkt von Schulbesuch», schreiben die Autorinnen im Vorwort, «steht keine bildungspolitische Debatte, sondern die Begegnung mit verschiedenen
Lehrpersönlichkeiten – Menschen, denen es gelingt, die Kinder über Kopf, Herz und Hand zu erreichen.»
Die bildungspolitische Debatte, all die Meinungen und Berichte über die Reformen, welche die Schule seit mittlerweile fünfzehn Jahren überfluten und deren
bekannteste wohl die schulische Integration und Harmos sind, gab den Anstoss für das Buch.
Katharina Tanner hat vor allem die Harmos-Debatte mit Interesse verfolgt. Und dabei ist ihr aufgefallen, «dass über die Schule so gesprochen wird, als handle es sich um ein theoretisches Konzept oder um einen Verwaltungsbetrieb, nicht aber um einen Ort, an dem es um Interaktion zwischen Menschen geht. Das hat mich gestört.» Und so machte sie sich zusammen mit den beiden Mitautorinnen Corina Lanfranchi und Arlette Schnyder auf die Suche nach den Menschen, welche die Schule repräsentieren.
«Wir suchten Lehrerinnen und Lehrer, die beseelt sind und interessiert», sagt Lanfranchi. «Mutig, leidenschaftlich, widerspenstig, empathisch und unerschrocken. Querköpfig, verspielt, optimistisch und warmherzig.» Sie fanden sie nicht oben bei den Ämtern, wie Tanner sagt, sondern unten an der Basis. Sie fragten Eltern, Verwandte, Freundinnen, Kollegen und Bekannte: «Kennt ihr gute Lehrerinnen und Lehrer, von denen Kinder wie Eltern schwärmen?»
Als sie eine Liste von Namen zusammengetragen hatten, gingen sie mit den Lehrerinnen und Lehrern, die sie porträtieren wollten, erst einmal Kaffee trinken. «Denn», so Corina Lanfranchi «ich hatte das Gefühl, zwischen mir und der Lehrperson muss es irgendwie funken, damit später ein gutes Gespräch zustande kommen kann.» Zusammen mit Katharina Tanner ging es dann auf einen ersten Schulbesuch. Erst danach entschieden sie, welche der Lehrpersonen sie eine Zeit lang begleiten würden.
Katharina Tanner etwa hat sich jeweils eine Woche lang bei den Leuten ihrer Wahl ins Schulzimmer gesetzt. Wie eine Filmkamera, die alles aufnimmt, aber noch nichts auswählt. Zusätzlich zu den Schulbesuchen führte sie an schulfreien Nachmittagen Gespräche mit den Lehrpersonen. Sie stellte Fragen nach ihrer Biografie, sprach mit ihnen über ihre eigene Schulzeit und ihren Werdegang. Wollte wissen, welches ihre Visionen sind und ihre Ziele – und erfuhr in all den Stunden auch, was es bedeutet, regelmässig von Reformwellen überflutet zu werden.
Sorge um die Inhalte
Harmos etwa, die Reform, die eine schweizweite Angleichung (Harmonisierung) des Schulsystems verlangt. Ob die Angleichung gemacht wird oder nicht – Pädagogikprofessor Reichenbach hält dies nicht für zentral. Er sagt: «Von den Erziehungswissenschaften wissen wir: Die Qualität der Schule hängt nicht von der Struktur ab.» Sondern von den Lehrpersonen, den Inhalten und der Art und Weise, wie diese vermittelt werden.
Es ist denn auch die Sorge um die Inhalte, die dazu führt, dass sich Reichenbach trotzdem in die Harmos-Diskussion einmischt und dabei das Augenmerk
auf die Leistungsstandards richtet. In der 2., 6. und 9. Klasse sollen, so verlangt es die Reform, schweizweit bestimmte Kompetenzen – in Erstsprache, Fremdsprache, Mathematik und Naturwissenschaften – erhoben und verglichen werden. «Die Einführung der Standardisierung, die einzig auf diese Kompetenzen fokussiert und die zum Ziel hat, messbare und vergleichbare Daten zu produzieren, könnte eine Reduzierung der Bildungsinhalte zur Folge
haben. Vor allem, wenn sie allzu rigoros betrieben wird», sagt der Professor mit Blick auf Erfahrungen, die im angelsächsischen Raum gemacht wurden.
Die Schule aber sei mehr als eine Kompetenzenvermittlerin, sie repräsentiere Kultur. «Sprachliche Fertigkeiten, Analyse, Interpretation, vertieftes Nachdenken über bestimmte Sachen, die Institution Schule kann und soll der Bilderflut, die unser Leben dominiert, einiges entgegensetzen.» Mit guten Lehrpersonen. Mit Menschen, die mit Leidenschaft bei der Sache sind, die über Fach-, Sach- und Führungskompetenz verfügen und über pädagogische Tugenden.
Geduld, Heiterkeit, Zuversicht
Die Tugenden, sie sind das Schwierigste. Geduld. Dem Kind Zeit geben und es trotzdem genügend fordern. Heiterkeit. Zuversicht, die dafür sorgt, dass man auch in widrigen Umständen an ein Weiterkommen glaubt. «Heute aber», stellt der Professor fest, «ist man, wenn es schwierig wird, vor allem freundlich. Man konfrontiert das Kind weder gross mit Erwartungen noch mit Forderungen. Man formuliert auch keine Enttäuschungen.» Wer nicht mache, was von ihm oder ihr verlangt werde, müsse halt nachsitzen.
Gute Lehrpersonen aber, davon ist Reichenbach überzeugt, müssen auch etwas verlangen, wenn sie wissen, dass es nichts bringt. «Als Pädagoge scheitert man nicht, wenn man nicht erreicht, was man erzielen wollte. Man scheitert, wenn man nicht zeigt, was man will.»
Corina Lanfranchi, Katharina Tanner, Arlette Schnyder: «Schulbesuch – wie Lehrerinnen und Lehrer heute unterrichten. 14 Porträts», Limmat Verlag, Zürich 2010, 174 Seiten, 37.90 Franken.




































