Die acht Zweitklässler von Katja Ritter in der Primarschule Klein- hüningen BS haben es sich in der gemütlichen Sofaecke ihres Klassenzimmers bequem gemacht. Marc erzählt von seiner Katze Bobby und dem Vogel, den der Kater an diesem Morgen ins Wohnzimmer geschleppt hat. Seine Kameraden hören gespannt zu. Die Geschichte geht glimpflich aus. Der Vogel konnte schliesslich gerettet werden und flog davon. Mitten unter den Kindern sitzt Isabelle Bösch. Sie ist 69 Jahre alt.
«So etwas würde Donga nie machen», meint Ece, ein Mädchen mit lustigen Zöpfen, und tätschelt den Labrador, der zu ihren Füssen liegt, «oder, Frau Bösch?» Die schüttelt lächelnd den Kopf. «Wisst ihr noch, was für eine spezielle Ausbildung Donga gemacht hat?», fragt Lehrerin Katja Ritter. Hände fahren in die Höhe. Richtig, Donga arbeitete als Blindenhund. Heute ist sie pensioniert. Schliesslich ist sie schon fast 12-jährig. «Wie viel ist denn das in Menschenjahren?» Und schon ist die Klasse beim Rechnen.
«Wir sind ein Team», sagt Katja Ritter, wobei die Rollen von Lehrerin und Seniorin ganz klar verteilt sind. «Ich helfe, wo ich kann und wo man mich braucht, und bringe vieles von meiner Lebenserfahrung ein, aber ich verstehe mich nicht als Konkurrenz zur Lehrerin», sagt Isabelle Bösch, die selbst drei erwachsene Kinder und zwei Enkel hat.
Tatendrang nach der Pensionierung
Vor bald vier Jahren wurde die Baslerin von den Grauen Panthern angefragt, ob sie nicht Lust habe, beim Projekt «Senioren in der Schule» mitzumachen. «Ich habe sofort zugesagt. Ich habe schon immer gerne mit Kindern gearbeitet, und wenn ich nochmals von vorn anfangen könnte, würde ich dies vielleicht sogar zu meinem Beruf machen. Nach der Pensionierung wollte ich unbedingt etwas tun. Viele Menschen in meinem Bekanntenkreis fühlten sich wertlos und abgestellt. Das wollte ich vermeiden.» Seither arbeitet sie mit ihrem Hund Donga einmal pro Woche einen halben Tag in der Klasse von Katja Ritter.
Nach ihrer Pensionierung sind viele Menschen noch voller Tatendrang. Sie gründen Firmen, engagieren sich in Vereinen, in der Nachbarschaftshilfe oder arbeiten wie Isabelle Bösch in der Volksschule mit. Die Seniorinnen und Senioren von heute sind mobil, engagiert, fit und haben noch viel Zeit, die sie sehr häufig unbezahlt für die kommende Generation einsetzen.
Damit leisten Menschen im Rentenalter einen entscheidenden Beitrag zum Funktionieren unserer Gesellschaft und sparen ihr jährlich Milliarden ein. Allein bei der Kinderbetreuung decken sie über die Hälfte des Bedarfs ab. Das sind laut Studien der Schweizerischen Arbeitskräfte-erhebung (SAKE) 100 Millionen Stunden. Würde man die Zeit, die Grosseltern im Einsatz sind, mit einem Stundenansatz von 20 Franken abgelten, ergäbe dies zwei Milliarden Franken. Eine weitere Milliarde sparen Seniorinnen und Senioren für den Staat, indem sie die Pflege hochbetagter Angehöriger selber übernehmen. Doch die wenigsten denken bei ihrer Arbeit ans Geld. Ihnen geht es um Anerkennung und Wertschätzung, die sie nach der Pensionierung oft missen. Sie sehen die Freiwilligenarbeit auch als Chance, ihr Wissen und ihre Erfahrungen an die nächste Generation weiterzugeben.
«Frau Bösch, chasch mer hälfe?»
Unterdessen hat Katja Ritters Klasse Filzarbeiten hervorgeholt. Das Muttertagsgeschenk soll noch mit einem selbst gehäkelten Bändel versehen werden. «Beim textilen Gestalten kann ich meine Erfahrungen und Fähigkeiten als Sozialpädagogin und Aktivierungstherapeutin am besten einsetzen», erzählt Isabelle Bösch, weiter kommt sie nicht, denn schon wird sie gerufen. «Chasch mer hälfe, Frau Bösch?» Antonio hat vergessen, wie er die Anfangsschlaufe beim Häkeln machen muss. «Chumm, mer lueged emal.» Behutsam führt sie Antonios Hand, die sich um das Häkchen krampft, und dreht sie in die richtige Position. «Schau, den langen Faden nimmst du in die linke Hand. Und jetzt durestäche, umeschlah - bravo, jetzt kannst du es ja schon.»
80 Prozent der Schüler im Primarschulhaus Kleinhüningen haben einen Migrationshintergrund. Sie erleben kaum ältere Menschen. Ihre Grosseltern sind oft weit weg. «Für viele Kinder ist sie deshalb auch ein bisschen die Grossmutter», sagt die Lehrerin Katja Ritter.
Das Projekt «Senioren in der Schule» läuft zurzeit in verschiedenen Schweizer Kantonen. Im Kanton Bern zum Beispiel unter dem Namen «win3», im Kanton Zürich heisst es «Generationen im Klassenzimmer». Es wird, je nach Kanton, von Pro Senectute oder den Grauen Panthern begleitet, in Zusammenarbeit mit der jeweiligen Schulbehörde.
Ziel ist es, das Verständnis der Generationen untereinander und den gegenseitigen Respekt zu fördern. Kinder und Senioren sollen Einblick in die Lebenswelt der jeweils anderen Generation gewinnen.
Wer sich für eine Teilnahme interessiert, sollte also offen sein für Neues und bereit, sich längere Zeit zu engagieren. «Denn die Beziehung zu den Kindern muss sich entwickeln können», sagt die Klassenlehrerin Katja Ritter, «und auch die Lehrpersonen und die Senioren brauchen Zeit, ihre neuen Rollen zu finden und zu festigen.»

































