SCHWEIZER FAMILIE: Herr Goldmann, hatten Sie eine problemlose Jugend?
HENRY GOLDMANN: Meine Kindheit war wohl das, was man als problemlos bezeichnet. Aber die Jugendjahre habe ich in keiner guten Erinnerung.
Warum?
Als ich jung war, gehörte es sich nicht, über Probleme zu reden. Vielleicht hätte ich nicht einmal gewusst, was sagen, wenn mich jemand danach gefragt hätte. Ich fühlte mich nicht wohl, hatte wenig Selbstwertgefühl, und mit den Mädchen fand ichs schwierig.
Wem haben Sie sich anvertraut?
Niemandem. Weil es niemanden gab. Die Eltern waren beide berufstätig, und unser Dienstmädchen, das ich als Kind sehr geliebt hatte, war nicht mehr da.
War diese Erfahrung die Motivation für die Gründung der KV-Online-Beratung für Jugendliche, die Sie leiten?
Nein, das war sie nicht. Im KV gibt es die «Beratung über Mittag», die allen KV-Schülern offensteht. Dort habe ich gemerkt, dass eben nicht alle Probleme auf den Tisch kommen, schon gar nicht solche, bei denen es um Liebe und Sexualität geht. Deshalb wünschte ich mir etwas, was es den Jugendlichen leicht macht, in aller Verschwiegenheit um Rat zu fragen.
Aber die «Beratung über Mittag» ist doch auch an die Schweigepflicht gebunden?
Schon, aber es ist etwas anderes, jemandem in die Augen zu schauen und zu sagen: «Ich habe ein Problem», als anonym online eine Frage stellen zu können. Da traut man sich eher, ein heikles Thema anzusprechen.
Nutzen viele Jugendliche diese Möglichkeit?
Ja, die Beratung im Internet lebt wirklich. Es ist ein grosser Vertrauensbeweis der Jugendlichen, dass sie sich an uns wenden. Sie spüren, dass wir ihre Welt kennen.
Welche Themen beschäftigen die Lehrlinge am meisten?
Etwa vierzig Prozent der Fragen kommen zum Thema Schule und Lehrgeschäft. Ebenso wichtig ist der Bereich Liebe und Sexualität. Familie, Freundschaften und Beziehungen sind ein weiteres Feld. Einige Fragen betreffen auch die Gesundheit.
Wer fragt mehr, Jungen oder Mädchen?
Ganz klar die jungen Frauen. Etwa zwei Drittel der Fragen kommen von ihnen. Jungen sind selbst in der Anonymität zurückhaltender.
Vielleicht dürfen sie ja auch einfach keine Probleme haben.
Das spielt auf jeden Fall auch eine Rolle. Noch immer ist es in diesem Alter für Jungen schwierig, ein persönliches Problem anzusprechen. Sie wollen die Grossen, die Starken sein – vor allem in Liebesdingen.
Gemäss den Fragen im Buch stehen die Jugendlichen in der Sexualität unter enormem Druck, alles richtig zu machen.
Ich finde, das ist ein wirklich ernstes Problem. Lange bevor sie gefühlsmässig so weit sind, sind sie konfrontiert mit Sexszenen in den Medien. Das alles dann auch noch in einer Art, die mit der Realität nichts zu tun hat. Wenn ein Jugendlicher hundertmal im Fernsehen gesehen hat, dass One-Night-Stands normal sind, glaubt er, das verhalte sich in der Realität auch so. Und findet dann vielleicht, er sei nicht normal, weil er das noch nicht erlebt hat oder nicht will.
Raten Sie den Jugendlichen dann konkret, was sie tun oder lassen sollen?
Jugendliche wollen nicht hören, was sie zu tun haben. Einerseits wollen sie selber entscheiden, andererseits möchten sie Möglichkeiten aufgezeigt bekommen. Mein gedankliches Grundkonzept bei den Beratungen ist: «Wir raten dir, was du am besten tun könntest, aber du entscheidest selbst.»
Ein Konzept, das auch Eltern gut anwenden können, oder?
Ja, darin liegt auch der Sinn unseres Buches (siehe Buchhinweis). Eltern und Berufsbegleiter finden darin Anregungen, wie sie den Jugendlichen beistehen können, und sehen, was die Jungen wirklich beschäftigt.
Wie fängt man denn ein Gespräch über Sexualität mit den eigenen Kindern an?
Am besten funktioniert das, wenn man zum Beispiel beim gemeinsamen Fernsehschauen angesichts einer Liebesszene mal eine Bemerkung fallen lässt à la: «Das ist ja völlig unrealistisch!» So entwickelt sich oft ein Gespräch, bei dem der Jugendliche nicht gleich genervt ist oder sich unfreiwillig beraten fühlt. Man redet ja dabei erst mal nicht über ihn, sondern über das, was im Fernsehen zu sehen ist.
Eltern sollten also versuchen, einen Raum zu schaffen, in dem solche Gespräche selbstverständlich entstehen können?
Ja, genau. Wir haben unseren Sohn zum Beispiel manchmal zum Essen in ein Restaurant eingeladen. Ausserhalb der eigenen vier Wände spricht man ganz anders miteinander, und unser Sohn fühlte sich auch ernst genommen – und er konnte natürlich auch nicht einfach in sein Zimmer abhauen.
Auch wenn es um Schule und Arbeit geht, scheinen die Jugendlichen viele Sorgen und Ängste zu haben.
Die Phase des Einstiegs in die Arbeitswelt ist enorm anspruchsvoll: Weiterhin gibt es eine Schule, die Forderungen stellt, und neu einen Arbeitgeber, dem man beweisen muss, dass man etwas lernen will.
Kommen in dieser Zeit am meisten Fragen?
Nein, in dieser Phase haben sie keine Zeit, da kämpfen sich die Jugendlichen einfach irgendwie durch. Erst später, zum Beispiel wenn Schule und Arbeitgeber nicht aufeinander Rücksicht nehmen, kommen die Fragen. Meist, weil sich die Jugendlichen überfordert fühlen.Überforderung und Versagensängste in der Liebe und im Beruf: Die Jugendlichen haben während der Lehre ein ganz schönes Päckchen zu tragen. Ich sage ihnen immer: «Euer Leben wird jetzt erst mal viel schwieriger und anspruchsvoller als je zuvor – aber das ist auch normal, und nach einem halben Jahr seid ihr da drin.»
Wer beantwortet eigentlich die Fragen?
Wir sind ein Team von sechs Spezialisten aus den Bereichen Psychologie, Recht, Sozialarbeit, Sexualberatung und Medizin. Jede Frage wird von der entsprechenden Fachperson beantwortet. Fragen von jungen Frauen werden grundsätzlich auch von einer Frau beantwortet. Sicher gibt es auch Fragen, die Sie stark berühren.
Schlafen Sie immer gut?
Ja, ich schlafe gut, wenn ich weiss, dass ich gut beraten habe und den Ratsuchenden wenn nötig an die richtige Stelle verweisen konnte. Aber natürlich scheinen aus manchen Fragen richtig tragische Geschichten auf. Das tut mir dann schon auch weh beim Lesen.
Wenn man Sie so hört, hat man den Eindruck, dass Sie die Jugendlichen sehr gern haben.
Ja, das habe ich. Das ist doch sowieso das A und O im Umgang mit ihnen. Auch als Lehrer erlebe ich das so: Die Sympathie ist die Basis für einen gemeinsamen Weg, gerade in dieser Phase, wo die Jugendlichen so gefordert sind.
Aber in dem Alter lassen sie doch die Erwachsenen nur ungern an sich heran.
Die Jugendlichen merken ganz genau, ob man sie mag oder nicht – und das ist ganz entscheidend dafür, wie sie sich Erwachsenen gegenüber verhalten.
Sie sind also gar nicht so cool, wie man meinen könnte?
So ist es. Die Schwierigkeit ist manchmal, als Erwachsener den richtigen Schritt auf die Jugendlichen hin zu machen, der eine Öffnung bewirkt.
Wie durchbricht man die Coolness?
Das Wichtigste ist, dass es nie zum Beziehungsabbruch kommt. Das ist oft eine Gratwanderung, gerade auch für Eltern. Manchmal muss man ja einfach in einer bestimmten Sache einen Riegel schieben oder klar und deutlich die Grenzen zeigen. Aber dann sollte man einen anderen Beziehungsfaden finden, den man aufnehmen kann. Man sollte sich immer fragen: Wo kann ich wieder anknüpfen?
Viele Erwachsene haben aber den Anspruch, dass die Jugendlichen den ersten Schritt machen sollen – gerade wenn sie etwas verbockt haben.
Nein, das ist falsch. In dem Alter können sie das noch nicht. Dafür sind sie noch nicht selbstbewusst genug – auch wenn sie uns oft so erscheinen. Wenn man ihnen an den Karren fährt, ist der Laden nachher zu. Da muss man als Erwachsener den Weg zurück zu ihnen finden.
Sie sprechen wie ein guter Vater. Sind Sie für die Rat suchenden Jugendlichen so etwas wie Familienersatz?
Nein, nein, das nehme ich nicht so wahr. Wir sind kein emotionaler Ersatz. Aber Familie und Freundschaften sind den Jugendlichen enorm wichtig. Wie ein sicherer Hafen. Wir helfen, wenn diese Basis ins Wanken gerät.
BUCHHINWEIS
Henry Goldmann und Ueli Vogel-Etienne: «Leben Lernen Live. Was Jugendliche heute bewegt», 200 Fragen und Antworten aus der KV-Online-Beratung. Kontrast-Verlag, 29.80 Franken, im Buchhandel.
Auf www.kv-online-beratung.ch beantwortet ein Expertenteam unter der Leitung von Henry Goldmann kostenlos die Fragen der KV-Lehrlinge zu Liebe / Sexualität, Gesundheit, Familie / Freundschaft oder Schule / Lehrgeschäft. Die Fragen und Antworten sind anonymisiert und für alle Internetnutzer einsehbar.





































