Er dreht und wendet das Messer. Dann legt er es auf den Tisch und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. «Fehler, überall Fehler», sagt er und greift wieder zum Messer. Er zeigt auf die Klinge. Deutet auf einen kleinen Kratzer. Was der Laie von blossem Auge kaum sieht, hat den neuen Damastschmied oft um den Schlaf gebracht. «Ich lag im Bett und überlegte mir, was nicht hundertprozentig funktioniert hatte. Über Fehler zerbreche ich mir den Kopf.» Er hätte grosse Lust, das Messer in irgendeine Ecke zu werfen. Obwohl er weiss: «Wer ehrgeizig ist, findet immer etwas. Nichts ist perfekt.»
Benjamin Löffel gehört zu rund zwei Dutzend Menschen, die sich hierzulande ernsthaft mit dem Schmieden von Damaszener Stahl auseinandersetzen. Zu zeitaufwendig und daher zu kostspielig ist die Herstellung, um eine grosse Kundschaft gewinnen zu können. Für den Damaszener Stahl verbinden die Schmiede verschiedene Stahl- und Eisensorten. Durch die besten Eigenschaften des jeweiligen Materials hält ein Messer grössten Belastungen stand. Fährt es auf einen Stein nieder, bricht die Klinge nicht. Das war früher in Kriegen wichtig. Für die Küche genügt heute ein günstiges Messer.
Der 19-jährige Konolfinger eignete sich das alte Kunsthandwerk für seine Matura-Arbeit an, obwohl er damit vermutlich nicht reich werden wird. Aber er erhielt einen glatten Sechser.
Er steht bei der Schmiede im Freilichtmuseum Ballenberg BE. Hier erlernte er vor zwei Jahren während drei Wochen die Grundlagen des Kunsthandwerks, welche vermutlich die Perser etwa 800 bis 400 vor Christus entdeckt haben. Löffel besuchte die Schmiede auf dem Ballenberg etwa fünfmal pro Jahr, um sein Wissen zu vertiefen. Und setzte es in einer Werkstatt im bernischen Herrenschwanden um. Er verschweisste Stahl mit Eisen. Streckte die Metallpakete unter den Schlägen des Lufthammers. Schliff und ätzte, bis die Struktur zum Vorschein kam, die den Damaszener Stahl so wertvoll macht.
«Er arbeitet mit Hingabe»
Für Benjamin Löffel war die Arbeit nicht beendet, bloss weil er die Kantonsschule abgeschlossen hatte. Im Gegenteil: In der Zeit vor seinem Studium, das letzten Herbst begann, schmiedete er weiter. Und auch jetzt, während des Studiums zum Maschinenbau- Ingenieur, entstehen Damastschätze: eine Dreierserie Küchenmesser; eine Spaltaxt. Als eines der nächsten Projekte schwebt ihm ein Schwert vor. Wann immer er Zeit findet, schichtet Löffel Platte um Platte Stahl und Eisen aufeinander. Diese Pakete bringt er im Feuer zur Weissglut, verschweisst die Metalle miteinander.
In der nostalgischen Schmiede auf dem Ballenberg glüht die Steinkohle. Zischt das Feuer. Schlagen die Hämmer – mal dumpf, mal hell. Die Funken sprühen, schlägt Benjamin Löffel auf das heisse Paket. Er schwitzt, wischt sich die Schweisstropfen aus dem Gesicht und verschmiert dadurch den Russ darauf. Mit jedem Hammerschlag hebt und senkt sich sein Brustkorb etwas schneller.
Niklaus Maurer, Löffels Mentor für Damastkunst, nickt. Er ist stolz auf den neuen Damastschmied. In der Schweiz, schätzt Maurer, gibt es lediglich etwa 25 Personen, die dieses alte Kunsthandwerk professionell beherrschen. «Beni arbeitet mit Hingabe, ist ein Ausnahmetalent», sagt Maurer, «und er ist selbstkritisch.» Benjamin Löffel habe hohe Ansprüche, die ihn antreiben – aber auch unter Druck setzten.
Löffel lächelt. Und aus seinem verrussten Gesicht strahlen weisse Zähne. Er blickt an sich hinunter und sagt fast entschuldigend: «Meine Schwester sagt, bäh, bist du dreckig, wenn ich jeweils einen Tag in der Schmiede verbracht habe. Aber wenigstens lohnt sich dann das Duschen.» Auch die Blessuren an seinen Fingern stören ihn nicht. «Mister Schweiz werde ich nicht mehr, aber damit kann ich leben.»
Lange hat sich Benjamin Löffel überlegt, ob er das Gymnasium besuchen oder eine Lehre mit Berufsmaturität absolvieren soll. Er entschied sich fürs Gymnasium. Und bereut diesen Entschluss heu-te. «Jedenfalls ein bisschen. Ich hätte Schmied-Schlosser oder Polymechaniker lernen sollen, dann hätte ich mehr praktische Erfahrung.» Ingenieure, die aus dem Gymnasium kommen, seien Theoretiker. «Das gibt mir zu denken.»
Teuer ist die enorme Handarbeit
Als Kind wünschte sich Benjamin Löffel eine Werkstatt, die ihm seine Eltern einrichteten. Und schon entwendete der Junge Mutters Haarföhn und Vaters Verlängerungskabel, sammelte Konservendosen und Nägel. Ziel seiner Experimente war: Metall schmelzen. «Als es das erste Mal klappte und der Nagel sich verflüssigte, war ich glücklich», erzählt Löffel. Heute interessiert ihn nur noch der beste Stahl. «Erst vor kurzem hat Niklaus, mein Mentor, einen Stahl entdeckt. Mit dem lässt es sich noch besser arbeiten als mit allen bisherigen.» Löffel kann es kaum erwarten, eine Firma ausfindig zu machen, die ihm diesen Stahl liefert. So schnell wie möglich will er ihn verschweissen und verarbeiten. Vorbereitet ist er. Die Werkstoffnummern sagt er auswendig auf, blitzschnell: «1.2510 und 1.2767. Die muss ich haben.»
Teuer ist Stahl nicht. Er kostet etwa zehn Franken pro Kilo. Für sein Messer brauchte Benjamin Löffel lediglich dreihundert Gramm. «Und Eisen ist ohnehin Allerweltsware. Das bekomme ich schon für zwei Franken.» Was den Damaszener Stahl so wertvoll macht, ist der enorme Aufwand, die Handarbeit. «Ohne die Fehler hätte mein Messer vielleicht einen Wert von tausend Franken.»
Benjamin Löffel nimmt sein Werk wieder in die Hände. Er schmunzelt, blickt versöhnlich. «Ich könnte es gar nicht verkaufen. Es ist mein Gesellenstück.» Zu viele Erinnerungen hängen daran, an die ersten Versuche, ein Damastschmied zu werden. Deshalb bringt er es auch nicht über das Herz, es in eine Ecke zu werfen. Löffel wird sein Messer in eine Vitrine stellen, es hin und wieder ansehen «und verstauben lassen».
Eines der neu gefertigten Messer konnte Benjamin Löffel sogar verkaufen. Er träumt davon, nach seinem Studium zum Maschinenbau-Ingenieur, ein grosser
Damastschmied zu werden. Und dann will er eine weltberühmte Schmiede führen.







































