Sommer 2010: Aufbrechen
Die Reise beginnt mitten im Wald. Am Boden ein Labyrinth aus weissen Steinen, unter den Bäumen ducken sich Zelte. An einer Leine trocknen Hosen und T-Shirts. Es ist kalt. Jugendliche wärmen sich am Lagerfeuer, die Hände in den Hosentaschen vergraben. Keiner drückt auf dem Handy herum. Die Geräte haben sie abgegeben. Unter Protest. Jetzt, nach drei Tagen und Nächten draussen in der Kälte, sind die Bedürfnisse elementarer: ein warmes Bett in der Nacht, trockene Kleider. Und immer häufiger hört man den Wunsch nach einer warmen Dusche. 31 Schülerinnen und Schüler und ihre beiden Lehrer lagern hier. Aufbruch zu einem ungewöhnlichen Projekt.
«Startpunkt Wallierhof» ist ein Brückenangebot des Kantons Solothurn für Schulabgänger ohne Lehrstelle. Es besteht aus Schul- und Praktikablöcken. Im Unterricht geht man schulische und persönliche Defizite an und arbeitet an Bewerbungen. Während der Praktikatage wohnen die Teilnehmer auf einem Bauernhof oder in einem Privathaushalt und lernen mit den Belastungen des Arbeitsalltags umzugehen. Sie tragen Verantwortung und erleben die Konsequenzen ihres Handelns sogleich, wenn sie etwa die Tiere zu spät füttern. Für einige ist die Erfahrung, gebraucht und geschätzt zu werden, neu. Neben Kost und Logis erhalten die Teilnehmer einen Lohn und ein Arbeitszeugnis.
«Wer nicht aufbricht, kann nicht ankommen.» Das Motto des Schuljahres steht auf einem Plakat über dem Lagerplatz. Das Ziel am Ende des Wegs ist der Lehrvertrag. Aber nicht nur: «Die Jungen haben alle Enttäuschungen hinter sich», sagt Martin Rohn, 31, einer der beiden Initianten und Leiter des Projektes. «Während ihre Klassenkameraden nach und nach eine Lehrstelle gefunden haben, sind sie mit leeren Händen sitzen geblieben.» Wieso gerade sie? So etwas nagt am Selbstwertgefühl. «Der Aufbau eines gesunden Selbstbewusstseins ist deshalb ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Das hilft auch, Schwieriges zu bewältigen und nicht vorzeitig aufzugeben», sagt Martin Rohn. «Natürlich arbeiten wir alle auf die Lehrstelle hin, aber die Teilnehmer sollen die Lehre später auch durchziehen können. In den Betrieben zählt in erster Linie, ob die geforderte Leistung erbracht wird.»
Jede Reise und sei sie noch so weit, beginnt mit dem ersten Schritt. Spielerisch erkämpfen sich die Jugendlichen im Lager erste Erfolgserlebnisse. Es gilt, mit Hilfe von Baumstämmen und Seilen ans andere Ufer eines Bachs zu gelangen. Es platscht und spritzt. Geschrei und Gelächter ertönt: Der Erste ist im eiskalten Bach gelandet. «Das war meine letzte trockene Hose», prustet er. Die fünfzehnjährige Nicole eilt zum Zelt und bringt ihm ihre Trainerhose. Nicole, die vorher gar nicht aufgefallen war, steht plötzlich im Mittelpunkt. Sie ist das nicht gewohnt, spricht schnell, verhaspelt sich und schaut dabei auf den Boden. Es ist nicht leicht, sie zu verstehen. Dann, Stunden später, taut sie auf und lacht sich uns mitten ins Herz.
Auch Florian, 16, ist keiner von den Lauten, die sich bei jeder Gelegenheit produzieren. Als Bäcker, Konditor und Detailhandelskaufmann hat er schon geschnuppert, entscheiden konnte er sich für keinen der Berufe. Er ist auf der Suche und freut sich darauf, zum ersten Mal für längere Zeit von zu Hause weg zu sein. Langsam lernt man sich kennen. Es bilden sich Gruppen. Die Ereignisse schweissen die Schüler zusammen. «Am Anfang waren es 31 einzelne Menschen», sagt Stefan Müller, 31, der andere Leiter des Projektes, «jeder war damit beschäftigt, seinen Platz zu finden. Nach drei Tagen schauen sie füreinander, und die Dynamik der Gruppe beginnt zu spielen.»
Sommer 2010: Anpacken
Seit zwei Wochen lebt Nicole auf dem Biohof von Willy und Lucia Schmid in Willisau LU. 54 Gläser mit Zwetschgenkompott stehen auf dem Küchentisch. Es ist ihr erstes selbst gemachtes Kompott. Nicole ist stolz. Sie bestand darauf, dass die Gläser für die Journalistinnen stehen blieben. Sie fühlt sich wohl bei den Schmids und ihren fünf Kindern und gehört als Familienmitglied bereits dazu. Zum Grossvater, der auch auf dem Hof lebt, sagt sie Ätti. Berührungsängste hat sie keine. Am Morgen sei ihr ein Schweinchen durchgebrannt, erzählt sie, aber sie habe es einfach an den Ohren gepackt und zurückgebracht. Dem Tier hats nicht geschadet, inbrünstig knabbert es an Nicoles Turnschuhen. Es ist fast wie in einem Streichelzoo. Bis es dann bei drückenden dreissig Grad aufs Meerrettichfeld geht, Unkraut ausstechen.
Etwa zur gleichen Zeit ist Florian bei Familie Brunner in Meltingen SO am Mähen. Auch er schnauft und stöhnt unter der Hitze. Die harte Arbeit auf dem Hof ist noch ungewohnt für ihn. Am Abend, so erzählt er, möge er kaum mehr etwas machen, und Muskelkater habe er, trotz intensivem Hockeytraining. Nachdenklich betrachtet er die Schwielen an seinen Händen. «Ich bin froh um das Jahr, so kann ich nochmals in Ruhe über meine Berufswünsche nachdenken.» Der Sechzehnjährige hat sich im Fünfsternehotel Lenkerhof für eine Schnupperlehre beworben. Hinter der Theke in Anzug und Krawatte
Kunden aus aller Welt zu bedienen, das könnte er sich gut vorstellen. Aber dann klettert er übers Gatter und setzt sich zu Olivia ins Stroh. Sie kamen beide am selben Tag auf dem Hof an, der Junge und das Kalb. Florian durfte den Namen aussuchen für das neugeborene Tier. Er taufte es Olivia nach seiner Cousine.
Herbst 2010: Ausprobieren
Es gibt viel zu tun auf dem Hof. Die Früchte an den Bäumen sind reif. Mittlerweile kann Florian seine Kräfte gut einteilen und wird weniger müde. Er ist gerne auf dem Hof bei Familie Brunner, von der er grosse Unterstützung erfährt und die ihn sehr gern hat. Seinen Traum vom Hotel verfolgt er weiter. Er schnupperte in mehreren guten Häusern und genoss es, Menschen aus aller Welt kennenzulernen. Dass man auch Sprachen beherrschen muss, ist ein Knackpunkt. Französisch ist seine Sache nicht. Er denkt über ein Welschlandjahr nach, kann sich aber noch nicht entscheiden.
Winter 2010: Lernen
In der Schulküche wird das Mittagessen zubereitet. Die Schüler sind aufgekratzt. 17 haben ihren Lehrvertrag unterschrieben. Florian sucht noch. Er hat sich bei den SBB beworben. Die Lehre könnte er in der Nähe seines Elternhauses machen. Florian, der vor ein paar Monaten noch möglichst weit weg wollte, ist sich heute gar nicht mehr so sicher. Er geht gerne heim, trifft seine früheren Schulkollegen. Wie viele ihrer Klassenkameradinnen und -kameraden vom Wallierhof hat auch Nicole manche Rückschläge einstecken müssen. Sie konnte bei einigen Betrieben schnuppern. Kam dann die Absage, fiel sie in ein tiefes Loch. Erst nach mehreren schlechten Erfahrungen bewarb sie sich bei zwei, drei Lehrstellen gleichzeitig. «So hatte ich immer eine Hoffnung übrig», sagt sie. «Dank der Rückschläge weiss ich jetzt aber auch, dass ich durchhalten kann. Und ich kenne meine Stärken viel besser.» Sie sei, so sagt Nicole jetzt, ein offener Mensch, hilfsbereit, und sie könne gut auf andere zugehen.
Frühling 2011: Entscheiden
«Hallo Kathrin», mailt Nicole, «ich habe am Mittwoch die Lehrstellenzusage als Malerin bekommen.» Was sie nicht schreibt, ist typisch für sie. Nicole hat den Eignungstest des Lehrbetriebs mit Bravour bestanden. Er habe, so der Lehrmeister, noch nie eine Schülerin gehabt, die so gut abgeschnitten hätte. Nicole hingegen war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt bestanden hatte. «Sie kann etwas», sagt ihr Lehrer Martin Rohn, «sie traut sich nur nicht immer, es auch zu zeigen. Aber sie macht Fortschritte.» Und stolz erzählt er von Nicoles Vortrag. Sie stellte ihr Hobby vor, das Euphoniumspielen. «Spiel doch mal was», lockte ein Kollege, und tatsächlich packte Nicole das Blasinstrument aus und legte los. So gut, dass die andere Hälfte der Klasse, die draussen Unterricht hatte, auch ins Zimmer drängte.
Bis zum Beginn der Lehre wollen Lehrer und Schülerin an der emotionalen Sicherheit und Stabilität arbeiten. Auch auf dem Bauernhof wird dieses Ziel verfolgt. Nicole soll mehr Verantwortung tragen und auch einmal ein paar Tage allein wirtschaften. «Sie kann das», sagt, die Bäuerin, «sie glaubt es nur noch nicht.»
Es ist Ende März. 26 Schülerinnen und Schüler haben eine Lehrstelle gefunden. In den Schulbänken sitzen jetzt zukünftige Köchinnen, Automobilmechatroniker, Malerinnen und Gärtner und arbeiten an den spezifischen Kompetenzen für ihre Berufe. Auch Florian bekam ein Angebot, unter der Bedingung, dass er noch ein Jahr im Welschland an seinem Französisch feilt. Florian ist immer noch unentschieden, trotzdem sind für ihn die vergangenen
Monate ein Gewinn. «Ich habe viel gelernt, für die Schule und fürs Leben. Nicht zuletzt dank den Lehrern, die sich unheimlich für uns Schüler einsetzen.» Florian ist selbstsicherer geworden. Die Beziehung zu seinen Eltern hat sich noch gefestigt. Eine Tatsache, der Martin Rohn schon öfter begegnet ist. «Das Leben und die Arbeit in der Praktikumsfamilie verändern den Blickwinkel. Auf die eigene Familie und auf sich selbst.»
Brückenangebote
Nach Abschluss der Schulzeit gibt es in den meisten Kantonen Angebote für ein Zwischenjahr. Hier eine Auswahl:
- Kanton Solothurn
Startpunkt Wallierhof: Kombination von praktischer Arbeit (Bauernhof, Privathaushalt, Hauswirtschaft, Kinderbetreuung, Garten) und Unterricht in Blöcken. - Kanton Aargau
Kombijahr Landhaus: Arbeiten auf dem Bauernhof und Schulunterricht. - Kanton Zürich
Prospectiva Junior: 3 Tage Praxis in einem Alters- und Pflegeheim oder einer Kindertagesstätte der Stadt Zürich, 2 Tage Schule. - Verschiedene Kantone
Sozialjahr: 4 Tage praktische Arbeit in Kindertagesstätte, Altersheim, Familie oder Spital und 1 Tag Schule.
Informationen für alle Kantone
www.berufsberatung.ch
www.adressen.sdbb.ch
www.stiftungsperanza.ch
















































