Jugendliche Selbstdarstellung im Internet

Wie haben Internet und Smartphones das Leben der Jugendlichen verändert? Wir haben dazu den Experten Christian Ritter befragt.


  • Heutige Jugendliche scheinen dauernd online zu sein. Ist das schlimm?

Internet und Smartphones haben das Leben von Jugendlichen entscheidend verändert. Aber wie? Christian Ritter erzählt, welche Bedeutung soziale Netzwerke wie Facebook für Teenager haben.
SCHWEIZERFAMILIE.CH: Worin besteht der grösste Unterschied zwischen Jugendlichen vor zehn, fünfzehn Jahren und heutigen Jugendlichen?
CHRISTIAN RITTER: Was gleich geblieben ist, ist die Lust an der Selbstinszenierung, das Spiel mit verschiedenen Kleidern, Accessoires und Marken.
Damals wie heute sind Subkulturen wichtig, also dass man sich als Jugendlicher einer bestimmten Gruppierung zugehörig fühlt, die sich über einen bestimmten Kleidungsstil, Marken, Musik und allenfalls auch über eine politische Ausrichtung definiert. Beispiele dafür sind etwa Punk oder Hip-Hop.
Verändert hat sich, dass heute mehr Mischformen existieren. Jugendliche können heute leichter zwischen solchen Gruppierungen wechseln oder sich auch mehr als einer Gruppierung zugehörig fühlen. Das zeigt aber auch, dass man nur schwer von «den Jugendlichen» reden kann, da sich ihre Lebensstile, ihre Interessen und auch ihre Probleme sehr voneinander unterscheiden können.
 
Soziale Netzwerke spielen in der Welt der Jugendlichen eine grosse Rolle. Warum eigentlich?
Im Netz passiert eben eigentlich gar nicht so viel Neues. Es ist vielmehr so, dass vieles, was im Leben von Jugendlichen offline passiert, ins Online übertragen wird. Das Internet mit seinen sozialen Netzwerken ist einfach ein weiteres Medium, um sich auszutauschen. Der Unterschied ist der, dass es mit den neuen Medien noch intensiver möglich ist und dass man im Netz mit Bildern arbeiten und interagieren kann. Das kommt insbesondere auch Jugendlichen entgegen, die Mühe haben, sich sprachlich auszudrücken. Die Attraktivität dieser Netzwerke hat aber auch stark mit der technischen Weiterentwicklung der Handys zum Smartphone zu tun hat.

Gibt es einen Unterschied zwischen Schweizer Jugendlichen und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der Art und Weise, wie sie sich im Netz bewegen und präsentieren?
Jugendliche mit Migrationshintergrund unterscheiden sich von Schweizern insofern, als dass sie sich von einer grösseren Medienvielfalt inspirieren lassen. Sie konsumieren nicht nur Medien aus dem deutsch- und englischsprachigen Raum, sondern auch Medien aus dem Herkunftsland, haben also mehr mögliche Vorbilder, auch mehr Körperbilder. Das sagt jetzt aber noch nichts darüber aus, ob das in die Selbstdarstellung mit einfliesst.

Jugendliche müssen heute in verschiedenen sozialen Netzwerken vertreten sein, sonst gehören sie nicht dazu. Stimmt das?
Diese Frage stellt sich bei den meisten Jugendlichen gar nicht. Es gibt bei ihnen kaum ein Bewusstsein dafür, dass das Netz etwas ist, was man kritisch behandeln müsste. Das Kommunizieren über soziale Netzwerke gehört einfach dazu. 

Also machen sich Jugendliche nicht zu Sklaven der sozialen Netzwerke?
Ich würde nicht bestreiten, dass es eine gewisse Abhängigkeit gibt. Aber ich glaube nicht, dass das für die Jugendlichen ein Problem sein muss. Soziale Netzwerke sind ein normaler Bestandteil ihres Alltags. Viel Aufregung ist der Verunsicherung der Erwachsenen geschuldet, die solche Phänomene aus ihrer eigenen Jugend nicht kennen und sich durch die neuen Medien selbst ein Stück weit unter Druck gesetzt fühlen.

Wie stark hängt denn die Art und Weise, wie sich Jugendliche in sozialen Netzwerken präsentieren, mit ihrem echten Leben zusammen? Sind sie wirklich so cool, wie sie sich geben?
Auch hier ist jeder Jugendliche wieder anders. Grundsätzlich kann man aber hier sagen: Jemand, der auf der Strasse unsicher und uncool ist, dem wird es auch im Netz nicht überzeugend gelingen, eine andere Rolle einzunehmen.
Die Frage stellt sich vielmehr, ob jemand, der im Netz cool posiert und an der Bushaltestelle den tollen Typen spielt, wirklich so cool ist, wie er sich gibt.
 
Haben Jugendliche aufgrund ihrer Aktivität im Netz eine bessere Medienkompetenz?
Die Medienkompetenz der Teenager driftet an einem Punkt stark auseinander. Sie sind zwar ausgesprochen gut auf einer technischen Ebene, sie wissen genau, wie man Bilder macht, sie bearbeitet. Aber sie haben oft keine Vorstellung darüber, dass jemand ausserhalb ihrer Community Fotos anders bewerten oder verstehen könnte. So kam es schon vor, dass sich eine Schülerin mit einem Bild, das sie relativ leicht bekleidet und stark geschminkt zeigte, für eine Lehrstelle beworben hat. Natürlich erfolglos. Die junge Frau dachte, sie sehe darauf besonders gut aus, schliesslich war das Bild im Netz bei ihren Freunden gut angekommen. Sie wollte sich zeigen, wie sie ist, und Authentizität geht bei Jugendlichen oft mit Körperlichkeit einher.

Wie verhalten sich Eltern am besten, wenn sie sehen, wie sich ihre Kinder im Netz inszenieren? Wann sollen sie eingreifen?
Das kommt auf die jeweilige Situation und die involvierten Personen an. Ich glaube darum nicht, dass man hier eine für alle sinnvolle Empfehlung geben kann.
Man sollte aber sicher dann einschreiten, wenn die Integrität des Jugendlichen sichtbar gefährdet ist. Natürlich haben Jugendliche und Erwachsene unterschiedliche Einschätzungen dazu, gerade was das Thema Körperlichkeit angeht. Am besten spricht man mit den Jugendlichen darüber. Oft ist es ihnen effektiv nicht bewusst, dass ihre Bilder auch ausserhalb ihres gleichaltrigen Freundeskreises sichtbar sein können. Man kann sich die Bilder gemeinsam mit dem Nachwuchs anschauen und nachfragen, was der Jugendliche eigentlich aussagen möchte. Manchmal geht das auch einfacher über Fotos von anderen.

Welches sind die positiven Aspekte der Selbstinszenierung?
Der in meinen Augen positivste Punkt ist die Möglichkeit, unverbindlich verschiedene Teilidentitäten auszuprobieren, sich auf verschiedene Arten zu inszenieren, mal hier, mal da mitzumachen und so herauszufinden, wer man ist und was zu einem passt. Das ist eine grosse Chance der neuen Medien, die für Erwachsene nicht immer so ganz nachvollziehbar ist.

MEHR INFORMATIONEN ÜBER CHRISTIAN RITTER:
Christian Ritter ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Theorie der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Er war Leiter des Forschungsprojektes «Migration Design – Codes, Identitäten, Integrationen». Die Ergebnisse hat er als Mitherausgeber und -autor im Buch «Magische Ambivalenz. Visualität und Identität im transkulturellen Raum» veröffentlicht. Aktuell arbeitet er an einem Forschungsprojekt zur Repräsentation jugendlicher Alltagswelten in Handyfilmen.






DAS BUCH:

«Magische Ambivalenz. Visualität und Identität im transkulturellen Raum», Christian Ritter, Gabriela Muri, Basil Rogger (Hrsg.), Diaphanes Verlag, ca. 39 Franken.

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