Zwischen Rüeblirüsten und Gurkenschälen schreibt Laura eine SMS an Emma. «Wie isches gsi mit em Luca?», will sie von ihrer besten Freundin wissen. Es ist nicht die erste Kurznachricht, die Laura während des Kochens ins Handy tippt. Doch sie wird mitten aus dem Satz gerissen: «Laura, es reicht!», meint ihre Mutter energisch. «Sonst wird aus unserem Essen nie was.»
Kaum ist das Abendessen vorbei, hüpft die 14-jährige Schülerin in ihr Zimmer, schaltet den PC ein und loggt sich per Mausklick in eine Welt, in der sie schon selber für Kinder sorgt und über ein grosses Anwesen mit Garten, Swimmingpool und zwölf Zimmern wacht. «Ich hatte zwei Kisten voller Barbies», sagt Laura. «Dann kam das Handy, der PC und mit ihm die Sims. Meine virtuelle Familie, für die ich sorge.» Die Sims ist ein Computerspiel, bei dem man eine eigene Familie erschafft, Häuser baut und Freundschaften schliesst.
Noch wichtiger aber sind Lauras Facebook-Freunde. Mit ihnen kann sie tratschen, sich fürs Wochenende verabreden, über die neue Frisur von Justin Bieber scherzen – und manchmal kommen sich die Jungs und Mädels in den E-Mails auch näher. Denn die gängige Meinung, dass Facebook-Freundschaften bloss oberflächlich seien, ist ein Vorurteil.
Keine Berührungsängste mit der Technik
Was die Kids via Handy und Internet wirklich suchen, sind Kontakte, die tiefer gehen. «Die Sehnsucht nach Beziehungen ist bei Jugendlichen unglaublich gross», sagt der Kinder- und Jugendpsychologe Leo Gehrig aus Neftenbach ZH. «Und natürlich suchen sie diese auch übers Handy und im Netz. Denn hier machen sie viel schneller als in der realen Welt die Erfahrung, dass sie cool und toll sind.»
Und genau diese positiven Erfahrungen, die Jugendliche in den Communities, den Netzgemeinschaften, sammeln, machen einen grossen Teil ihrer Faszination für die neuen Medien aus. Darum haben Teenager einen Teil ihres Beziehungslebens ins Netz verlagert: Weil sie dort schnell in Kontakt mit Gleichaltrigen kommen. Und weil diese Räume frei von Erwachsenen sind. Das ist reizvoll. «Ich staune immer wieder, wie rasch, gut und clever Jugendliche per E-Mail Kontakt aufnehmen», sagt Leo Gehrig. «Aber wenn es darum geht, Nähe und Distanz zu regulieren, dann sind sie recht hilflos. Da können sie noch viel lernen.»
Über 2,5 Millionen Menschen in der Schweiz waren bis Ende März 2011 auf Facebook registriert. Und am beliebtesten ist das Portal bei den Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren. Sie alle gehören zu den Digital Natives – zu den Einheimischen des digitalen Zeitalters. Das heisst: Sie sind mit Handy und PC aufgewachsen, schwärmen in der Regel schon mit neun von Youtube, haben keine Berührungsängste mit der Technik und spielen lieber mit interaktiven Kommunikationsmitteln als mit ihren Kens und Barbies. Warum? Weil das spannender ist!
Und dieses Interesse für alles, was am Bildschirm glitzert und flimmert, beginnt immer früher. Schon Drei- bis Vierjährige wagen sich spielerisch leicht ans iPad und fühlen sich vom Touchscreen magischer angezogen als von ihren Legos. Doch tut das den Kleinen auch gut? «Die neuen Medien verändern die Kindheit kolossal», beobachtet Leo Gehrig. «Noch bevor sie richtig laufen und sprechen können, erproben Zweijährige ihre Fingerfertigkeit an den Handys der Mütter, um sich die neuesten Fotos anzuschauen», wundert sich Gehrig. «Die ersten Fähigkeiten, die wir lernten, waren, sich anzuziehen und sich die Schuhe zu binden.» Doch ein Handy?
«Kinder wollen einfache Erlebnisse», ist der erfahrene Kinder- und Jugendpsychologe überzeugt. «Und das müssen wir wieder forcieren, indem wir mit ihnen Hütten bauen, Ritterli spielen und Pfeil und Bogen basteln, statt vor dem Fernseher zu hocken oder mit dem Handy zu spielen.» (Siehe auch Interview links)
Was aber, wenn das Handy vor dem Playmobil die spielerische Neugier weckt? Ist es nicht verständlich, dass sich die Kids dann schon mit fünf ein eigenes Handy wünschen und ins Facebook möchten –weil Mama und Papa auch dort sind?
Fakt ist: Spätestens im Alter von 12 sind Jugendliche in der Schweiz online. Dies zeigt eine Studie, die erstmals repräsentative Zahlen zum Medienverhalten unserer Teenager liefert. Was die Forscher von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, der Uni Genf und der Uni im Tessin zusammengetragen haben, bestätigt, was viele befürchtet haben: Ohne Handy und PC geht nichts mehr. Tatsächlich war das mediale Angebot in unseren Stuben noch nie so gross und verlockend wie heute. 99 Prozent aller Schweizer Haushalte sind mit einem Computer ausgerüstet, 95 Prozent verfügen
über einen Internetzugang, 93 Prozent haben ein Fernsehen und 70 Prozent eine feste Spielkonsole installiert.
Aber das ist nicht alles, was die James-Studie offenlegt: Sagenhafte 98 Prozent aller Schweizer Jugendlichen besitzen ein eigenes Handy. Und nahezu alle Jungs und Mädels in diesem Alter surfen täglich zwei Stunden im Internet, sind auf Facebook oder My Space registriert und kennen die Kniffs, die es braucht, um Software aus dem Netz zu laden. «Es ist erstaunlich, wie experimentierfreudig Teenager sind. Sie probieren alles aus, gehen munter drauflos und sammeln ungeheuer viel Erfahrungen im Netz», sagt Isabel Willemse, Medienpsychologin und Mitautorin der James-Studie.
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