Falls Sie nächstens eine Reise in die USA planen, achten Sie einmal auf den Zustand der Infrastruktur. Bei einer Fahrt über Long Island, New York, im Herbst diesen Jahres, stach mir der Kabelsalat der Stromversorgung kreuz und quer über die Strassen ins Auge. Er erinnerte eher an ein Entwicklungsland als an eine der privilegiertesten Wohngegenden in den USA. Ein gewöhnlicher Herbststurm setzt dort ganze Quartiere per Stromausfall ausser Gefecht. Ich wunderte mich auch über den teilweise bedauernswerten Zustand der mit Holzwerk verzierten viktorianischen Häuser. Es sei kaum möglich, einen zuverlässigen Handwerker zu finden, der die dringenden Reparaturen mit dem nötigen Geschick ausführe, erhielt ich als Erklärung.
Die USA kennen (wie die meisten Länder) kein der Schweiz vergleichbares System qualifizierter Berufsbildung, wo nicht nur eine solide Wissensbasis vermittelt, sondern auch einschlägige Praxis erworben und Berufsstolz aufgebaut werden. Bildung findet in den USA primär akademisch statt: Wer etwas werden will, geht ans College. Doch schlägt sich die hohe Akademikerquote in Ländern ohne Berufsbildung wie den USA, Frankreich, aber auch dem regelmässigen Pisa-Sieger Finnland nicht in besseren Zukunftsperspektiven für ihre Kinder nieder – im Gegenteil: Weil sie ihren Nachwuchs nicht frühzeitig und praxisbezogen in die Arbeitswelt integrieren, weisen sie eine massiv höhere Jugendarbeitslosigkeit auf als die Schweiz und schlagen sich mit dem Phänomen «Generation Praktikum» und Jugendlichen auf der Strasse herum.
Ex-Preisüberwacher und Nationalrat Rudolf Strahm hat nachgewiesen, dass die Berufsbildung bei uns massgeblich zur tiefen Jugendarbeitslosigkeit beiträgt. Erfolgreich ist sie nicht nur mit Blick auf das Arbeitsleben. Sie integriert junge Menschen in die Gesellschaft, vermittelt eben nicht nur Fachliches. Allgemein bildende Inhalte finden ebenso Platz wie die viel zitierten Sozial- und Selbstkompetenzen. Wo liessen sich gerade diese besser fördern als im täglichen Umgang mit Mitarbeitenden, Vorgesetzten, Kunden und in der Herausforderung realer Problemstellungen? In den Universitäten wohl eher nicht. So gilt für viele, was mein inzwischen erwachsener Sohn rückblickend sagt: Die Berufslehre war vor allem auch eine Schule fürs Leben.
Ich staune immer wieder, wie Jugendliche in der Lehre sozusagen über Nacht erwachsen werden, ihre Schulmüdigkeit ablegen und Verantwortung übernehmen, mit Stolz in eine neue Identität wachsen. Erstmals haben ihre Handlungen unmittelbare Konsequenzen und eine praktische Bedeutung. Der Sinn des Lernens wird eins zu eins erkennbar, Fortschritte bringen sichtbare Erfolge, stärken das Selbstbewusstsein – und das im Schnitt rund ein Jahrzehnt früher als nach einer akademischen Ausbildung.
Vielfältige Karrierewege
Trotzdem nimmt der Druck auch in der Schweiz zu, die eigenen Kinder ans Gymnasium zu schicken. Dabei spielt die zunehmende Titelgläubigkeit ebenso eine Rolle wie die längst überholte Sichtweise akademisch gleich wertvoller, schulisch gleich besser. Dabei ist anders als früher der Entscheid für eine Berufslehre heute nicht mehr der Entscheid gegen eine akademische Laufbahn, sondern ein erster Schritt, der vielfältige Karriere- und Entwicklungswege eröffnet. Wer sich nach Lehrabschluss eine breitere Wissensbasis aneignen will, der kann das ohne Weiteres: Die Berufsmatura führt an die Fachhochschulen, die neu geschaffenen Passerellenlehrgänge öffnen die Türen zu Universitäten und ETH.
Auch die Höhere Berufsbildung selbst hat Hochwertiges zu bieten: Eidgenössische Fachausweise und Diplome sind ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Unternehmen. Sie schaffen hoch qualifizierte und gefragte Fach- und Führungskräfte und ermöglichen Laufbahnen bis hinauf in Spitzenpositionen der Wirtschaft. Bei internationa2010len Bildungsvergleichen werden diese Abschlüsse aber schlichtweg nicht mitgezählt, da sie im Ausland unbekannt sind. Dabei braucht die Höhere Berufsbildung den Vergleich mit akademischen Abschlüssen nicht zu scheuen. Sie vermittelt nicht nur Wissen, sondern Können. «Schweizer Qualität» beruht nicht allein auf Spitzenleistungen einer akademischen Elite, sondern ebenso auf den Fähigkeiten hoch qualifizierter Praktiker. Ländern wie den USA fehlt genau dieser berufliche Mittelstand. Deshalb beneiden uns Experten aus dem Ausland zunehmend um unsere Berufsbildung und pilgern in die Schweiz, um von ihr zu lernen.
Swissness vom Feinsten
Gleichzeitig gerät die Höhere Berufsbildung im Zuge der Globalisierung ins Hintertreffen. Ihre Einzigartigkeit wird ihr zum Verhängnis: Wie soll ein amerikanischer Manager verstehen, dass ein eidg. dipl. Experte in Rechnungslegung und Controlling über einen Abschluss auf Meister-, sprich Master-Niveau verfügt, der problemlos mit einem akademischen Master mithalten kann? Das führt für Schweizer Berufsleute nicht nur zu Benachteiligungen im Ausland, sondern auch auf dem heimischen Arbeitsmarkt: Gerade international dominierte Unternehmen senden die Botschaft aus: ohne Bachelor keine Karriere.
Die Entwicklung hin zu höheren Abschlüssen ist so unaufhaltsam wie wirtschaftlich notwendig und gesellschaftlich erfreulich. Das Rezept «Bachelor statt Praktiker» greift dabei aber zu kurz. Dem viel zitierten Fachkräftemangel liesse sich am wirksamsten durch die Förderung der Höheren Berufsbildung begegnen. Dafür hat die Bildungspolitik dringliche Hausaufgaben zu lösen – mutig, rasch und unbürokratisch: Die Schweizer Berufsabschlüsse brauchen international verständliche Titel. Und für die höhere Berufsbildung müssen endlich gleich lange Spiesse gelten wie für die Hochschulen: Heute erhält sie nur gerade Krümel vom Kuchen der öffentlichen Bildungsfinanzen. Deshalb kosten ihre Abschlüsse den Einzelnen rasch einmal Zehntausende Franken, während die Hochschulen weitgehend staatlich finanziert und somit für die Absolventen fast kostenlos sind.
Ausschlaggebend für die Fortsetzung der «Erfolgsgeschichte Berufsbildung» ist aber vor allem der Einsatz von Lehrbetrieben und Berufsbildnern, die sich im Alltag engagiert um ihren Nachwuchs kümmern; von Eltern, Lehrern und Berufsberatern, die den Wert des berufsbildenden Wegs erkennen und die Jugendlichen hierzu ermutigen, damit die Berufslehre endlich gesellschaftlich genauso anerkannt wird wie die akademische Bildung. Ich freue mich, dass nun auch mein jüngster Sohn eine Lehre anpeilt, und ich werde mich weiterhin für diese Bildungsperle einsetzen. Sie ist Swissness vom Feinsten, auch und gerade in einer globalisierten Welt. Die Schweiz darf ihre Meister, sprich: Master, mit Stolz vorzeigen. Die Alternative dazu können Sie heute schon besichtigen. Zum Beispiel in Long Island, New York.
Was meinen Sie? Halten Sie das Handwerk für genau so wichtig wie die akademische Bildung? Würden Sie Ihren Kindern leichten Herzens zu einer Lehre raten? Diskutieren Sie mit in unserem Kommentarfeld am Ende dieses Artikels!





































