So ein schöner Tag!», höre ich die Stimme meiner Mutter, klagend, anklagend: «Wie könnt ihr nur so einen schönen Tag verschlafen?» Es hilft, sich zu erinnern. Es ist vielleicht das Einzige, was wirklich hilft. Wenn einem plötzlich ein Fremder am Tisch gegenübersitzt, wo gestern noch das eigene Kind sass, zutraulich und vertraut. Sein Platz wurde von einem Fremden eingenommen, eine Kapuze tief über den Kopf gezogen, die Ohren zugestöpselt, nur noch Grunzlaute von sich gebend. Er steht auf, der Stuhl fällt hinter ihm um, auf dem Weg zur Tür stösst er mit seinen viel zur grossen Füssen an, er dreht sich um, sein Blick ist schwarz.
Oft sitzt er aber gar nicht am Tisch, dieser Fremde, sondern hat sich im Bett verkrochen, die Decke über den Kopf gezogen, während draussen der Tag vorübergeht, der schöne Tag, wie kann man nur so einen schönen Tag verschlafen? Es hilft, sich zu erinnern: wie ich mich noch einmal umgedreht, die Decke über den Kopf gezogen, die Welt ausgesperrt habe. Die Stimme der Mutter.
Eine französische Journalistin hat mir einmal erklärt, dass junge Mädchen nur deshalb so viel schlafen, weil sie sich auf das anstrengende Leben als erwachsene Frau, speziell als Mutter, vorbereiten. Sie holen den Schlaf vor, den sie später nie mehr bekommen werden. Das leuchtete mir ein. Dann bekam ich Söhne. Heute denke ich, es ist nicht das Leben der Erwachsenen, das so anstrengend ist, es ist die Pubertät selber. Die Pubertät ist eine Übergangsphase. Und Übergangsphasen sind nie angenehm. Vor allem nicht für den, der sie durchmacht.
Die Hormone. Die körperlichen Veränderungen. Die Stimmungsschwankungen. Diesen Veränderungen ausgeliefert sein. Da muss man sich doch einfach wieder hinlegen! Einer meiner Söhne hat die ersten vier Jahre seines Lebens keine Nacht durchgeschlafen. Damals dachte ich – sofern ich überhaupt noch klar denken konnte: Spätestens wenn er vierzehn ist, wird sich das ändern. Wenn er erst in die Pubertät kommt, wird er halbe Tage im Bett verbringen, und ich – ich kann dann auch endlich ausschlafen. So ist es aber nicht. Wenn die Kinder in der Pubertät sind, schläft die Mutter weniger denn je.
Vor allem nicht, wenn sie an Dr. Remo Largo denkt, der sagt, Teenager könne man nicht mehr erziehen, jetzt müsse man einfach auf die Arbeit der ersten zwölf oder dreizehn Jahre vertrauen, darauf, dass man seine Aufgabe erfüllt habe. Gibt es wirklich Mütter, die das können? Die wissen, dass sie alles richtig gemacht haben? Die keine Zweifel haben? Das Schweigen am Tisch, das Grunzen, die verdächtige Stille hinter der verschlossenen Tür sind quälender als jedes Babygeschrei in der Nacht. «Ist alles in Ordnung mit dir?» – «Bö.» – «Du weisst, dass du mit mir reden kannst, gell?» Ein tiefschwarzer Blick: Was verstehst du schon!
Es hilft, sich zu erinnern. Es hilft auch, keine Vorzeigekinder zu haben. Am härtesten trifft die Veränderung der Pubertät bestimmt die Eltern, die ihre Kinder nach ihren Vorstellungen modellieren, kontrollieren wollten. Das ist vermutlich der einzige Erziehungsfehler, den ich nie begangen habe. Eltern von Teenagern müssen sich kritisieren, in Frage stellen, entthronen lassen. Das ist jetzt ihre Aufgabe, so wie es das Wechseln von Windeln früher war. Gleichzeitig verlangen Teenager viel Aufmerksamkeit, eine klare Haltung und diskrete Präsenz. Wie die Betreuer eines Radrennens stehen wir Eltern mit angehaltenem Atem am Strassenrand, sehen der waghalsigen Berg-und-Tal-Fahrt zu, die die Pubertät ist, und halten für den Notfall Wasserflaschen und Schnellverband bereit.
Das Leben mit Teenagern ist frustrierend und inspirierend. Sie fordern heraus, zwingen zur Auseinandersetzung, mit ihnen, mit der Welt, mich sich selbst. Es ist grossartig. Und so anstrengend! Da muss ich mich gleich noch mal hinlegen.
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