Was wollt ihr zum Mittagessen», fragt Sandra Reinhard ihre Buben Jason, 4, und Dean, 2. Diese übertreffen sich mit absurden Ideen und kugeln sich vor Lachen; «Redbull», ruft der eine, «Nutella», der andere, «Fernsehen», der Ältere wieder. Sandra kichert mit. Sandra Reinhard ist 22, lebt in einer geräumigen Viereinhalb-Zimmer-Wohnung in einem Mehrfamilienhaus im luzernischen Wolhusen. Sie ist geschieden, Jason und Dean wohnen bei ihr. Vor kurzem ist ihr derzeitiger Freund hier eingezogen. Jason und Dean sind jedes zweite Wochenende bei Vater Marcel Troxler. Die drei Erwachsenen kommen gut miteinander aus.
Sandra war eine Teenager-Mutter. Mit 17 wurde sie schwanger, Marcel war 18. Beide in der Lehre, beide wohnten zu Hause. Knall auf Fall verliebt, stundenlang telefoniert, die erste Begegnung ein Freudentaumel. «Nach zwei Monaten war Fasnacht », erzählt Sandra Reinhard, «wir haben etwas getrunken und dachten: einmal ohne Verhütung, da passiert schon nichts. Aber zägg, ist es passiert.»
Die Zürcher Filmemacherin Anka Schmid hat die Geburt des Sohnes Jason gefilmt. Sandra, ein Mädchen mit hellem langem Haar und einem Kindergesicht damals; Marcel, der sie liebevoll umsorgt, ein grosser Bub, festen Willens, seine Verantwortung zu übernehmen. Sandra ist eine von drei Teenager-Müttern, die Anka Schmid in ihrem Dokumentarfilm «Mit dem Bauch durch die Wand» vier Jahre lang begleitet hat. Die Filmerin hat auch heute, über ein Jahr nach Drehende, noch Kontakt mit ihren Protagonistinnen. Sandra Reinhards Söhne nennen die 50-jährige Filmemacherin «Oma».
Wenn sich Sandra Reinhard in diesem Film als Schwangere sieht, schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen: «Ich war so naiv. Es kommt mir vor, als hätte ich in einer anderen Zeit gelebt.»
Immer weniger Teenager-Mütter
Sandra Reinhard gehörte als 17-jährige Schwangere nicht, wie oft vermutet, zu einer rasant wachsenden Zahl von Müttern unter 20. Im Gegenteil: In der Schweiz ist die Anzahl von Frauen, die zwischen 15 und 19 ein Kind geboren haben, in den letzten 40 Jahren von 3474 auf 677 pro Jahr gesunken.
Die Schweiz ist damit im internationalen Vergleich auf einem der letzten Plätze. Verglichen mit Drittweltländern ist die Aufklärung hierzulande gut. Und es gibt hier auch weniger Arbeitslosen- und Armenquartiere mit ungebildeten Jugendlichen als in den USA und Grossbritannien: Aus Mangel an Zukunftsaussichten, aus Langeweile und in der Hoffnung auf einen Ernährer wollen dort viele junge Frauen wenigstens etwas zustande bringen – ein Kind.
«Als ich von meiner Schwangerschaft erfuhr», erinnert sich Sandra Reinhard, «war ich schockiert. Super, dachte ich, ich bin 17, und das Leben ist aus und vorbei.» Doch ihr Freund Marcel redete ihr gut zu, riet von einer Abtreibung ab, und auch die Eltern der beiden sagten Unterstützung zu. «Hätte mich Marcel verlassen, hätte ich wohl abtreiben müssen. Denn wäre ich als Lehrling allein mit einem Kind da gestanden, hätte ich keine Zukunft gesehen.» Und so packten sie es gemeinsam an. Bald freute sie sich auf das Kind. Viele ihrer Freunde hatten sich abgewandt, «zu dumm, um zu verhüten», sagten sie, doch Sandra liess sich nicht beirren, sondern war stolz auf ihren Bauch.
Sie hatte keine Ahnung, was auf sie zukommen würde. Sie hielt sich nicht mit Sorgen über Stillen oder postnatale Beschwerden auf. Sie besuchte einen einzigen Kurs, um zu lernen, wie man einen Säugling wickelt. Vorher hatte sie noch nie ein Baby von nahem gesehen und wunderte sich nach der Geburt, dass Jason keine Zähne hatte. Mit dem Kind wohnte sie noch eine Zeit lang bei ihrer Mutter. Unter der Woche, wenn sie als Lehrtochter von fünf Uhr morgens bis sieben Uhr abends in einer Bäckerei arbeitete, hütete ihre Schwiegermutter das Baby. Dass Marcels Mutter Zeit dafür hatte, war ein Glück, bescherte Sandra aber auch schlaflose Nächte, weil sie Jason fünf Tage lang nicht sah und sich als Rabenmutter fühlte. Einige Monate später zogen die jugendlichen Eltern mit ein paar selbst zusammen gezimmerten Möbeln in eine eigene, billige Wohnung. Sie beanspruchten nie Fürsorgegeld, die Lehrlingslöhne reichten knapp für den Lebensunterhalt der kleinen Familie.
Sandra durfte Jason mit in die Berufsschule nehmen: Im Lehrerzimmer wurde für ihn gesorgt. Beide Elternteile bestanden ihre Abschlussprüfung. Sandra als Bäckereiverkäuferin, Marcel als Zimmermann. Eine, die zaudert, hadert und grübelt, ist Sandra Reinhard nicht. Auf sicheren Füssen geht sie durchs Leben, nimmts, wies kommt, und hat die Gewissheit, dass ohnehin alles gut kommen wird. Und bis jetzt ist sie mit dieser Lebenseinstellung bestens gefahren. Sie trauerte nie verpassten Partys nach, betreute auf unkomplizierte Art ihre Kinder und freute sich über die verbliebenen Freunde, die hin und wieder zu einem DVD-Abend oder zum Grillen vorbeischauten.
Zwei Jahre nach Jason kam Dean, ein Wunschkind, auf die Welt. Während der Schwangerschaft heirateten Sandra und Marcel. Nach Deans Geburt liess sich Sandra die Anfangsbuchstaben ihrer Kinder mit Engelsflügeln auf den Rücken tätowieren.
Selbständig und selbstbewusst
Sandra und Marcel waren ein zusammengeschweisstes Team, das alle Hindernisse geschafft hatte und ein ganz normales Leben vorweisen konnte: zwei gefreute Kinder, Lehrabschluss, Arbeit, Heirat, keine Schulden. «Es war eine Beziehung, die immer etwas brauchte, was es zu meistern galt. Und plötzlich war alles da, keine Hürden mehr, nichts, wofür wir kämpfen mussten», sagt Sandra Reinhard. Die Leere zog ein, die Unterschiedlichkeiten der Persönlichkeiten traten zutage. Im guten Einvernehmen trennten sich Sandra und Marcel.
Vor dem Fenster fliesst die Kleine Emme vorbei, von den nahen Hügeln bimmeln Schafe und Rinder. Einträchtig sitzt die Mutter mit den beiden Kindern auf dem Stubensofa, das fast so gross wie eine Spielwiese ist. In der Ecke ein Gestell, gefüllt mit DVDs, im Zentrum ein riesiger Plasmafernseher, an den Wänden Poster von Walen und Landschaftsbilder. Es ist Sandras Reich, sie hat es wie ihr Leben nach ihren Vorstellungen gestaltet. Sandra ist sich sicher, dass sie dank der frühen Geburt schnell selbständig und selbstbewusst geworden ist. Aber sie «spinne» immer noch, lacht sie: Gerade gestern habe ihr eine Freundin eine neue Frisur verpasst – einen Fastkahlschnitt auf der linken Seite. In letzter Zeit geht sie auch ab und zu wieder aus. Lange hatte sie ein schlechtes Gewissen, etwas für sich selber zu tun.
Sie arbeitet tageweise in zwei Läden für Süssigkeiten und ausgeflippte Accessoires in Luzern, «das passt zu mir», sagt sie. Sandra möchte unbedingt mehr arbeiten, wenn die Kinder zur Schule gehen. Und vielleicht einmal eine Zusatzausbildung machen. Irgendetwas Kreatives schwebt ihr vor. Aber noch ist sie, wie sie sagt, «Voll-Mami», und das gerne. Ein drittes Kind in zwei, drei Jahren schliesst sie nicht aus: «Als junge Mutter hat man noch gute Nerven und flippt nicht so rasch aus.» Dass sie von manchen Passanten auf der Strasse als ältere Schwester
von zwei kleinen Brüdern angesehen wird, kümmert sie keinen Deut. Auf die Frage, ob sie glücklich sei, antwortet Sandra Reinhard: «Absolut. Mehr geht fast nicht.»
Teenager-Mütter - mit 17 mein erstes Kind
Vier Jahre lang hat eine Dokumentarfilmerin drei Teenager-Mütter begleitet. Sandra Reinhard ist eine von ihnen.






































