Muss dir nun auch etwas geben, weil du so artig bist», krächzt die Hexe, «nur Geduld, will dir ein Süppchen einbrocken, an das du ein Leben lang denken wirst!» Sie pfeift, und zum Erstaunen von Jakob huschen aufrecht gehende Eichhörnchen in die Küche und reichen der Zauberin die benötigten Utensilien. Und schon dampft und raucht es so wunderlich aus dem Topf, dass dem armen Knaben der Kopf schwirrt.
«Danke, das reicht!», ruft Regisseurin Corinna von Rad, und die kleine Truppe auf der Probebühne des Zürcher Schauspielhauses hält inne. Pascal Goffin, der ab November im Stück «Zwerg Nase» den Jakob spielen wird, fragt: «Wird die Szene den Kindern nicht etwas zu schnell gehen?» Es entbrennt eine heftige Diskussion.
Überall laufen derzeit die Proben für Kinderaufführungen auf Hochtouren. Von «Pinocchio» über «Heidi» bis zu «Hans im Glück»: kaum ein Theater, das vor Weihnachten nicht ein Stück für junge Zuschauer aufführen will. Dennoch: Theater ist nur noch ein Angebot von vielen. Lassen sich die Kinder in Zeiten des 3D-Kinos noch begeistern? Es sieht so aus: Gegen 25 000 Besucher verzeichnet allein die Zürcher Märchenbühne pro Saison.
«Theaterstücke für Kinder sind nach wie vor beliebt», sagt auch Caroline Ringeisen, Theaterpädagogin am Jungen Schauspielhaus Zürich. «Und gerade in heutigen Zeiten enorm wichtig für die kindliche Entwicklung.» Viele Inszenierungen wollen heute mehr als nur unterhalten: Man achtet beispielsweise darauf, Raum für eigene Bilder zu lassen. «Im Unterschied etwa zu gängigen Kinderfilmen sollen die Geschichten eben nicht 1:1 umgesetzt werden. Im Gegenteil: Je reduzierter das Bühnenbild und die Kostüme, desto mehr wird die Vorstellungskraft der Kinder angeregt», erklärt die Theaterpädagogin.
Aber nicht nur die Form des Theaters hat sich verändert, sondern auch der Inhalt. Am Jungen Schauspielhaus etwa möchte man thematisieren, was Kinder und Jugendliche beschäftigt: So können Scheidung, Krieg oder Mobbing Elemente von heutigen Stücken sein. Ist das nicht zu schwere Kost? «Erwachsene neigen dazu, die kindliche Welt zu verklären. Klar, ist Spass wichtig, sind Kinder von farbenfrohen Fantasiewelten beeindruckt, aber man nimmt sie zu wenig ernst, wenn man ihnen nur solches vorsetzt», sagt Caroline Ringeisen. «Wichtig ist, die Themen so umzusetzen, dass sich die jungen Zuschauer darin wiedererkennen. Sie sollen etwas daraus mitnehmen, was sie zum Denken anregt und länger beschäftigt.»
Das Kindertheater ist erwachsen geworden. Und damit professioneller. Vielerorts stehen erstklassige Schauspieler, Musiker und Regisseure auf der Bühne. Und das ist gut, stellen heutige Stücke doch nicht nur ans Publikum, sondern auch an das Ensemble hohe Ansprüche. Dieses merke rasch, wenn etwas nicht ankommt, meint Caroline Ringeisen. «Kinder zeigen, wenn sie etwas nicht verstehen oder sich langweilen.» Durch die Livesituation können die Schauspieler unmittelbar auf das Publikum reagieren. So wird das Theater einmalig: Keine Aufführung ist wie die andere.
Gerade Theater für Vorschulkinder spiele mit dieser Situation: «Längst ist die sogenannte vierte Wand durchbrochen», sagt Gabriela Bosshard, Theaterpädagogin und Mitglied des Theaters Schüttelfrosch. «Viele Stücke beziehen die Kinder ein und regen sie zum Mitmachen an. So leben sie stärker mit der Geschichte mit.» Die Zeiten sind vorbei, in denen die Kinder still auf ihren Stühlchen sitzen mussten: Heute sind auch lebhafte Buben und Mädchen im Theater willkommen.
Es gibt viele Wege in die Welt des Theaters. Das Programm wird deshalb oft durch Zusatzangebote ergänzt. «Das Junge Schauspielhaus möchte die Welt hinter der Bühne zugänglich zu machen», sagt Caroline Ringeisen. Nebst Führungen und Theaterkursen organisiert sie etwa Diskussionen zu Vorstellungen oder Werkstätten, in denen von Kindern verfasste Stücke von professionellen Schauspielern umgesetzt werden.
Zwar wird das Schauspielhaus mit «Zwerg Nase», wie schon letzten Advent, ein Märchen aufführen. Corinna von Rad inszeniert die Geschichte als fröhliches Spektakel mit viel Akrobatik, Tanz und Jonglage. Aber auch dieses Stück habe eine zweite Ebene, wie Caroline Ringeisen betont: «Die Ablehnung, welche Jakob in der hässlichen Gestalt von Zwerg Nase verspürt, ist ein ernstes Thema, das gut in die Realität der heutigen Zeit transportiert werden kann.» Dennoch wolle das Kindertheater nicht zur Therapieform verkommen. «Es darf und soll auch immer noch geträumt, gestaunt und gelacht werden!» Schliesslich ist bald Weihnachten.
SO FINDEN SIE DAS RICHTIGE THEATERSTÜCK FÜR IHRE KLEINEN
Hier geben Caroline Ringeisen und Gabriela Bosshard Tipps für den Theaterbesuch.
UNSER VERANSTALTUNGSKALENDER
Hier erfahren Sie, wann und wo welche Stücke für Kinder gespielt werden.
DIE THEATERPÄDAGOGINNEN
Caroline Ringeisen unterrichtete drei Jahre in Spiez an der Mittelstufe, bevor sie den Studiengang Theaterpädagogik an der Zürcher Hochschule der Künste absolvierte. Seit der Spielzeit 2009/10 ist sie Theaterpädagogin am Jungen Schauspielhaus Zürich.
Gabriela Bosshard ist Theaterpädagogin MAS Till/ZHdK, Gründungsmitglied des Kindertheaters Schüttelfrosch, Leiterin des Kindertheaters Schatülleli Greifensee und Leiterin des Kinderhauses Kidin in Riedikon ZH.



































