Was macht den Menschen zu dem, was er ist? Warum strotzen die einen vor Gesundheit, während andere an Diabetes, Bluthochdruck oder Schizophrenie leiden? Früher suchten die Wissenschafter Antworten auf solche Fragen in den Erbanlagen eines Menschen oder in seinen Lebensbedingungen. In jüngster Zeit hat aber eine weitere Dimension der menschlichen Entwicklung die Aufmerksamkeit der Forscher geweckt: die neun Monate, die der Mensch im Mutterleib verbringt. Mittlerweile beschäftigt sich ein ganzer Forschungszweig mit der prägenden Zeit vor der Geburt, der sogenannten «fötalen Programmierung».
«In den neun Monaten geschieht weit mehr als nur das Abspulen eines starren Entwicklungsablaufs, an dessen Ende das fertige Neugeborene steht», erklärt Ernst Beinder, Leiter der Klinik für Geburtsmedizin der Charité in Berlin. «Im Mutterleib werden die Weichen für die spätere Gesundheit gestellt.» Die Wissenschafter stossen auf immer mehr vorgeburtliche Einflüsse, die das spätere Leben beeinflussen. Was die Mutter isst und trinkt, wie viel Stresshormone sie ausschüttet, welchen Schadstoffen und Keimen sie ausgesetzt ist – all das prägt ihr Kind, seinen Appetit und Stoffwechsel, sein Temperament, seine Intelligenz und seine Anfälligkeit für verschiedene Erkrankungen. Das ist das Fazit der amerikanischen Wissenschaftsjournalistin Anny Murphy Paul. Sie hat den aktuellen Forschungsstand auf dem Gebiet der fötalen Programmierung in einem Buch* zusammengefasst, das gerade in den USA erschienen ist.
Noch bewegen sich viele Erkenntnisse der neuen Forschungsrichtung im Bereich der Vermutung. Auch sagen sie wenig über den konkreten Einzelfall aus, sondern geben nur Wahrscheinlichkeiten an, mit denen besondere Umstände in der Schwangerschaft die eine oder andere Folge haben können. Die Wissenschaft erhofft sich, durch zum Teil recht einfache Massnahmen die Chancen eines Neugeborenen auf ein gesundes Leben erheblich zu steigern.
Zum Beispiel: Schwangerschaftsdiabetes
Lange Zeit nahmen die Mediziner an, der Fötus entwickle sich im Mutterleib völlig abgeschirmt von der Aussenwelt. Das änderte sich erst, als der australische Augenarzt Norman Gregg gleichzeitig mehrere Babys mit angeborenem grauem Star behandelte und sich über die Häufung der Fälle wunderte. Bald entdeckte er, dass
alle dieser Mütter während der Schwangerschaft an der Kinderkrankheit Röteln erkrankt und die Fehlbildungen ihrer Kinder Folge der Virusinfektion waren.
Heute weiss man, dass auch Infektionen mit Windpocken oder Toxoplasmose dem Kind schaden können. Rasch geriet auch der Alkohol ins Visier der Mediziner. Der französische Kinderarzt Paul Lemoine wies 1968 nach, dass Kinder von alkoholabhängigen Müttern zu früh, zu leicht und oft mit Missbildungen zur Welt kamen. Heute weiss man: Bereits ein einziger Vollrausch kann das ungeborene Kind schädigen. Der Alkohol gelangt über die Plazenta in die Blutbahn des Ungeborenen und stört das Wachstum der Zellen. Das kann auch die geistige Entwicklung beeinträchtigen. Ob schon ein gelegentliches Glas Wein in der Schwangerschaft bereits Folgen hat,
ist unklar. «Da wir den Grenzwert nicht kennen, unter dem Alkohol sicher nicht schadet, empfehlen heute die meisten Mediziner, während der Schwangerschaft
ganz darauf verzichten», sagt der Frauenarzt Ernst Beinder, der kürzlich vom Zürcher Universitätsspital an die Charité in Berlin gewechselt ist.
Auch das Rauchen sollte unterlassen werden, da es die Durchblutung der Gebärmutter verringert. Dadurch wachsen die Kinder im Mutterleib langsamer und kommen häufiger krank zur Welt. Rauchende Mütter müssen auch mit mehr Fehlgeburten und Komplikationen bei der Entbindung rechnen.
Ein gut untersuchtes Beispiel aus dem neuen Forschungszweig «fötale Programmierung» sind die Auswirkungen eines Schwangerschaftsdiabetes. Dabei leidet die Mutter aufgrund hormoneller Veränderungen vorübergehend an einem hohen Blutzuckerspiegel. In der Folge hält das Kind im Bauch den Zucker- und Insulinüberschuss für normal; sein Steuerungssystem für Hunger und Sättigung wird falsch geeicht. Ausserdem wird der Zucker zu Fett umgebaut und im Körper gespeichert.
Das Baby kommt zu dick auf die Welt, neigt zeitlebens zu Übergewicht, Herz-Kreislauf-Problemen und erkrankt später oft selbst an Diabetes. «Umso wichtiger ist es deshalb, in der Schwangerschaft den Blutzucker überprüfen zu lassen», sagt Ernst Beinder. «Bei rechtzeitiger Diagnose ist die Erkrankung gut zu behandeln.» Damit können auch die negativen Folgen für das Kind abgewendet werden.
- Seite 1 | 2 | 3
- Nächste Seite ›

































