Grüntee vom Monte Verità

Auf dem Monte Verità hat Peter Oppliger den Platz für seinen Grüntee gefunden. Seither gedeiht im Tessin der einzige Teegarten Europas. Der 71-Jährige führt uns durch die spannende Welt des Tees.

  • Peter Oppligers Grüntee-Plantage auf dem Monte Verità.
  • Peter Oppliger, Grüntee-Spezialist
  • Meditatives Rechen im Zengarten, der zur Teeplantage gehört
  • Peter Oppliger im Teegarten auf dem Monte Verità.
  • Eine traditionelle Teezeremonie mit Teemeisterin Rika-san.
  • Mattchapulver, Pinsel zum Rühren und Löffel aus Bambus gehören zur Teezeremonie.

Der Tee ist grün. Grün, wie das junge Buchenlaub im Frühling, so grün, dass er in der dunklen Schale zu leuchten beginnt, wenn die Sonnenstrahlen durch die Schiebefenster des Teehauses darauf treffen. Rika-san, die Teemeisterin, nimmt einen kleinen Bambusbesen. Mit den anmutigen Bewegungen einer Tänzerin rührt sie den gemahlenen Tee, den Mattcha, bis er schäumt. Mit einer Verneigung stellt sie die Schale genau in die Mitte der Tatami-Matte vor den Gast. Nichts ist zufällig, alles folgt genau vorgeschriebenen Regeln. Eine japanische Teezeremonie ist ein Ritual, ein meditativer Tanz von Teemeisterin und Gast.

Das Teehaus, in dem diese Zeremonie stattfindet, steht nicht in Japan, sondern auf dem Monte Verità im Tessin. Hier hat der ehemalige Drogist und Spezialist für Naturheilkunde, Peter Oppliger, einen japanischen Teegarten mit über 1000 Pflanzen angelegt, deren Blüten sich Anfang Dezember gerade entfalten. Oppligers Teegarten auf dem berühmten Tessiner Berg ist der einzige in Europa. Das subtropische Mikroklima des Lago Maggiore lässt die Camellia sinensis, neben der Camellia assamica die einzige essbare Kamelie unter den weit über 300 Arten, wachsen und blühen. Im Frühling, wenn die ersten zarten Spitzen spriessen, lässt Peter Oppliger Pflückerinnen aus Japan kommen. Denn die Ernte und die fachgerechte Verarbeitung zum Grüntee verlangen grosse Erfahrung.

Wertvolle Inhaltstoffe
Der 71-Jährige steht zwischen den nach japanischem Vorbild in Reihen angelegten Pflanzen. Auf dem Kopf einen Panamahut. Mit seinem akkurat gestutzten Bart gleicht er jenen englischen Plantagenbesitzern, die einst in den britischen Kolonien den beim Inselvolk so beliebten Schwarztee herstellen liessen.

Aber Schwarztee ist nicht Oppligers Sache, obwohl er Verständnis hat für die Briten. Denn wegen der langen Schiffswege war es gar nicht möglich, den Tee noch grün ins Mutterland zu transportieren. So setzte man ihn nach dem Pflücken und Welken einer Oxidation aus. Aus dem grünen wurde schwarzer Tee, der sich ohne Qualitätsverlust verschiffen liess. Doch damit hätten die Engländer dem Tee nichts Gutes getan, meint der Teespezialist. «Durch die Verarbeitung zum Schwarztee gewinnen die Blätter zwar einen anderen Geschmack, sie verlieren jedoch die meisten ihrer wertvollen Inhaltsstoffe.» Oppliger produziert, verkauft und trinkt deshalb grünen Tee. So, wie man ihn in Japan seit 1400 Jahren trinkt.

Eine Lebensform
Japan ist hier. Auf dem Monte Verità, dem Berg der Wahrheit. Wo schon vor mehr als hundert Jahren Künstlerinnen, Philosophen und Psychoanalytiker nach der Quelle der geistigen und körperlichen Gesundheit gesucht haben. Der Monte Verità war ein Versuchsfeld von alternativen Lebensformen, bei denen auch die Ernährung eine grosse Rolle gespielt hatte.

Viele haben hier oben ihre Theorien und Ideen entfalten und leben können, damals schon kam die Idee nach einem Teehaus auf. 1938 bat der damalige Besitzer Eduard von der Heydt an den japanischen Botschafter um Entsendung einer Teemeisterin. Erst 2003 erfüllte sich der Wunsch des Monte Veritaners. Seither können die Besucher im Teehaus nicht nur die verschiedenen Grünteesorten probieren und kaufen und an einer japanischen Teezeremonie teilnehmen.

Mit langsamen Schritten steigt Peter Oppliger den Weg zum Zengarten hinauf. Immer wieder hält er inne und steht still. Fast zärtlich streicht er über die Blätter der Camellia sinensis, dreht die Pflanze, sodass sie ihm ihre weissen Blüten offenbart, und riecht an ihrem feinen Parfüm. Dann nimmt er den Rechen und tritt in den Zengarten. Mit weichen, ausholenden Bewegungen schreitet er voran, hin und zurück und zieht seine Spuren in den Sand. Tee, das wird hier oben auf dem Berg der Wahrheit klar, ist nicht einfach eine Pflanze, es ist eine Lebensform.

DIE TEESORTEN IM ÜBERBLICK
Peter Oppliger gibt Tipps zur Zubereitung und wir stellen sechs wichtige Grüntee-Sorten vor.

MEHR INFORMATIONEN:

  • Kauf und Aufbewahrung: Guter Tee duftet angenehm. Riecht er nach Heu, wurde er falsch aufbewahrt. Grüntee ist luft-, licht- und feuchtigkeitsempfindlich. Kaufen Sie deshalb Tee in vakuumierter Verpackung, und bewahren Sie ihn gut verschlossen, dunkel und trocken auf.
  • Buchtipp: «Grüner Tee», Peter Oppliger, AT Verlag.
  • Tee bestellen: www.casa-del-te.ch
  • Mehr über Peter Oppliger auf www.peter-oppliger.ch

GLOSSAR:

Assam und Darjeeling: Diese Schwarztees tragen die Namen des Anbaugebietes (Ostindien).
Blend ist eine Mischung aus verschiedenen Teesorten.
First flush bezeichnet die erste Ernte der zarten Frühjahrstriebe.
Orange bezieht sich auf das niederländische Königshaus (Oranien) und meint einen königlichen Tee von höchster Qualität.
Pekoe ist der jüngste, oberste Spross einer Teepflanze.
Schwarztee ist komplett oxidierter Grüntee.
Blau-grün Tee (Oolong), ein teilweise oxidierter Tee aus China, Taiwan von warmem bis fruchtigem Geschmack.
Weisser Tee (Pai MuTan) Tee aus den silbrigen ungerollten Blättchen. Die Blätter werden nach dem Pflücken von Hand ohne Dämpfen an der Sonne getrocknet. Je nach Luftfeuchtigkeit ist der Tee leicht fermentiert. Dann gleicht sein fein frisches Aroma dem von Schwarztee. Herkunft China.
Teezeremonie: Eine ritualisierte Zusammenkunft, in der es darum geht, sich Respekt zu erweisen und sich in einem Zustand der Harmonie, Gelassenheit und inneren Einkehr zu üben. Mit genau festgelegten Bewegungsabläufen bereitet die Teemeisterin oder der Teemeister vor Gästen Grüntee (Mattcha) zu und bietet ihn zum Trinken an. Bis eine Schülerin oder ein Schüler die Meisterwürde erlangt, dauert es Jahre. Die Teemeisterschulen wachen darüber, dass auf der ganzen Welt jeder Handgriff und jede Bewegung stimmt und eingehalten wird.

 

 

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