Mit den Weinetiketten ist es ein bisschen wie mit dem Wein selbst: Bei beidem machen sich die Winzer viele Gedanken, doch bei beidem sind es letztlich die Weinliebhaber, die entscheiden, ob ihr Geschmack getroffen wurde. Obschon es heute viele Etiketten mit moderner Kunst oder grafischem Minimalismus gibt, kann sich kaum jemand dem Reiz des Traditionellen entziehen: den klassischen Zeichnungen, auf denen schlicht die Heimat des Weins zu sehen ist, ein Schloss vielleicht oder ein prachtvolles Landgut, Häuser jedenfalls, die nach Geschichte und Geschichten aussehen. Diesen Etiketten gelingt etwas Aussergewöhnliches: Sie wecken nicht nur Lust auf den Wein, sondern auch die Neugierde – und das Fernweh.
Nirgends in der Schweiz ist die Vergangenheit des Weinbaus so gegenwärtig wie im Kanton Waadt, und nirgends prangen mehr historische Gemäuer auf den Flaschen. Seit die Römer die Reben in die Schweiz gebracht haben, wurde an den Ufern des Genfersees Wein gekeltert, von Mönchen, von Adligen, von Bauern, und bis heute ragen die steinernen Zeitzeugen in den Winterhimmel.
«Clos», «Domaines» oder «Châteaux» heissen die historischen Weingüter, in denen seit Hunderten von Jahren gekeltert wird, Bezeichnungen, die den Weinen ihren Namen verleihen. Jeder davon verweist auf die Geschichte: Ein «Clos» wurde oft von Zisterzienser- oder Benediktinermönchen angelegt, das Wort weist auf einen Weinberg hin, der von einer Mauer klar begrenzt wird. Eine «Domaine» meint einen herrschaftlichen, oft bürgerlichen Gutsbetrieb, ein «Château» hingegen war im Besitz von Adligen.
Aber sind die Weingüter noch immer so malerisch, wie es ihre Etiketten versprechen? Wer sich auf die Suche nach den Vorlagen für die Zeichnungen begibt, wird im Waadtland nicht enttäuscht. Das Château de Vufflens wurde gegen 1415 von Henri de Colombier erbaut, und seine Silhouette ist auch heute noch so eindrücklich, dass Vufflens nach dem Château de Chillon das meistfotografierte Gebäude des Kantons ist.
Auch im Clos de Cordelières ist die Geschichte spürbar, die ins Jahr 1471 zurückreicht. Damals erwarben Mönche des Klosters Grandson hier zehn Juchart Reben für 550 Gulden. Und ebenso authentisch steht die Domaine de Sarraux-Dessous mitten in den Reben, ein Weingut so prächtig, dass es kürzlich einem Spielfilm als Kulisse diente. 18 Hektaren Rebfläche gehören zu dieser Domaine, auf der Hälfte davon wächst der Stolz der Region: der Chasselas, die Rebsorte, die hier am Ufer des Genfersees ihren Ursprung hat. Aber die Domaine ist auch bekannt für ihre ausgezeichneten Rotweine.
«All diese historischen Weingüter sind ein kulturelles Erbe unserer Heimat», sagt André Fuchs, während er einen Pinot noir entkorkt, auf dem die Skizze der Domaine Sarraux-Dessous prangt. «Sie erzählen von der Geschichte der Region.»
Weingüter mit Geschichte
Es ist ein kühler Tag im Spätherbst, und im Degustationskeller der Domaine liegt, wie seit Jahrhunderten, der Duft von Traubenmost in der Luft. Am langen Holztisch sitzen drei Männer, die die Vergangenheit hochhalten: André Fuchs, 47, Blaise Hermann, 38, und Eric Barbay, 50, arbeiten alle mit in der Vereinigung «Clos, Domaines & Châteaux», die sich den Weingütern mit Geschichte und ihren authentischen Terroirweinen verschrieben hat.
Fuchs ist der Präsident, Hermann gehört der Marketingkommission an, und Barbay kontrolliert und unterstützt als Mitglied der technischen Kommission die Rebberge der angeschlossenen Weingüter. Diese Betriebe dürfen ihre Weine mit der rot-silbernen Banderole der Vereinigung schmücken. Natürlich sei jedes davon geschichtsträchtig, sagt Fuchs. Aber das reicht noch nicht für die Aufnahme: «Ihre Besitzer verpflichten sich auch, strenge Richtlinien zu Umweltschutz, Mengenlimitation und Qualität zu befolgen.»
André Fuchs gehörte zum Gründungsteam. Bereits in den 1990er-Jahren hatte man die Idee, den architektonischen und önologischen Schatz des Kantons bekannter zu machen. Bis die Vereinigung allerdings 2004 offiziell gegründet wurde, brauchte es viele Gespräche, die «netterweise häufig in einem der Weingüter stattfanden, bei einem guten Tropfen aus dem eigenen Rebberg», wie Fuchs sagt. Zu Beginn waren 8 Schlossgüter mit dabei, heute gehören 21 Weingüter und 4 Weinhändler zu der Vereinigung, darunter auch das oft fotografierte Château de Vufflens und das Clos de Cordelières.
Malerische Domaine
Seit 2009 ist auch die Domaine de Sarraux-Dessous Mitglied, zur grossen Freude von Eric Barbay. Denn der 50-Jährige arbeitet nicht nur in der technischen Kommission mit, er ist auch der Winzer dieser Domaine. Und genau genommen sind die beiden anderen Männer am Holztisch seine Chefs. Denn die Domaine de Sarraux-Dessous ist im Besitz des traditionsreichen Weinhandelshauses Bolle in Morges, dessen Direktor Blaise Hermann ist. Die Firma Bolle wiederum gehört zur Schenk AG in Rolle, und dort heisst der Chef: André Fuchs. Aber das sei gar nicht so wichtig, findet dieser: «Wir kümmern uns zwar sehr stark um Schweizer Weine. Aber die einzelnen Betriebe und auch die einzelnen Weine sind so eigenständig, dass der Name ‹Schenk› auf keiner Etikette vorkommt.»
Der Winzer Eric Barbay wirkt denn auch selbstbestimmt auf seiner Domaine, entscheidet über Erntezeit, Angestellte, Rebsorten, «beinahe so, als ob es mein eigener Weinberg wäre», sagt er. Barbay arbeitet nicht nur seit fast zehn Jahren auf der Domaine, er lebt auch in dem malerischen Gemäuer. Hier sind seine Kinder aufgewachsen und haben jeweils in den Reben mitgeholfen, hier hat seine Frau sich entschieden, ebenfalls in die Kunst des Weinmachens einzusteigen. Sie arbeitet im Keller, in dem es in dieser Jahreszeit viel zu tun gibt.
Von Hierarchie ist an diesem Holztisch nichts zu spüren. Die drei Männer fachsimpeln über die Weine, scherzen, probieren noch eine Flasche. Vielleicht, sagt Blaise Hermann, liege das an der ähnlichen Herkunft. Barbay stammt aus einer Winzerfamilie, schon sein Grossvater und sein Vater bewirtschafteten Reben im nahen Féchy. Hermann ist in Mont-sur-Rolle aufgewachsen, wo sein Grossvater ebenfalls noch Reben besass. Und auch André Fuchs hat in seiner Kindheit viele Trauben gelesen: Er kommt aus Lutry, östlich von Lausanne. Die gemeinsame Geschichte verbindet stärker, als die Titel auf der Visitenkarte trennen.
Nachdem die Weine verkostet sind, stehen die Männer vor der Domaine und blicken über die sanften Rebhänge hinunter Richtung Genfersee. Still ist es geworden, die bunten Blätter sind verwelkt, die Trauben längst eingebracht und gepresst, und nachts legt der Frost seine Kristalle über die langen Reihen der Rebstöcke. Beinahe glaubt man, von hier aus nicht nur das Weinbaugebiet La Côte zu sehen, sondern weiter, bis in die Region Lavaux und ins Chablais, das ans Wallis grenzt.
Auf beinahe 4000 Hektaren wachsen im Waadtland Trauben, doch die Weine, die daraus gekeltert werden, sind sehr unterschiedlich. Und so soll es auch bei «Clos, Domaines et Châteaux» sein – rund 70 verschiedene Weine dürfen die Banderole tragen, doch jeder davon ist ganz anders. «Die Weine sind alle von hoher Qualität, gleichzeitig aber typisch für das Gut», sagt André Fuchs, «Und immer mit Leidenschaft gemacht.»
Und noch etwas verbindet diese Weingüter: An bestimmten Tagen oder auf Voranmeldung können Besucher vorbeikommen und degustieren. Nichts steht also der Neugierde im Wege, die manche Weinetiketten wecken. Im Gegenteil: Man könnte das Verzeichnis von «Clos, Domaines et Châteaux» auch als Reiseführer lesen, als Aufforderung, eines Tages in den Kanton Waadt zu fahren und nachzuschauen, ob ein Gut wirklich so hübsch ist, wie es die Etikette verspricht.




























