Guido Brivio produziert Tessiner Spitzenweine

Vor zwanzig Jahren stiess Guido Brivios eigenwilliger Weisswein «Bianco Rovere» noch auf Ablehnung. Heute werden die Flaschen des Tessiner Winzers in den besten Restaurants in New York und Italien entkorkt.

  • Rebberge im Tessiner Mendrisiotto, dem südlichsten Zipfel der Schweiz.
  • Guido Brivio und seine Frau Alicia geniessen ihren Weisswein Donnay.
  • Die Rebbauern liefern die geernteten Trauben in Plastikkistchen.

Kürzlich hat Guido Brivio einen Brief in seinem Archiv gefunden. Er ist noch mit der Schreibmaschine getippt und stammt von einem Tessiner Wirt, dem Brivio vor  langer Zeit seine ersten Weine zum Degustieren vorbeigebracht hatte. Einer davon, der Bianco Rovere, war für jene Zeit recht eigenwillig: ein Weisswein zwar, aber gekeltert aus roten Merlot-Trauben, ausgebaut in neuen Barrique-Fässern und abgefüllt in ungewohnt hohe Flaschen. Niemals, steht in jenem Brief geschrieben,  niemals würde dieser Bianco Rovere ein Erfolg werden. Mehr noch: Ein solcher Wein schade dem Ansehen aller Tessiner Winzer.

Guido Brivio lacht, während er die Geschichte erzählt. Mehr als zwanzig Jahre alt ist das Schreiben, und seither hat sich Brivio zu einem der erfolgreichsten Winzer
entwickelt und der Bianco Rovere zu seinem meistverkauften Wein. Damals aber haben ihm solche Reaktionen zu schaffen gemacht. Denn als der heute 45-Jährige sein Unternehmen startete, da hatte niemand auf den jungen Winzer mit den neuen Ideen gewartet. Bis heute ist er deshalb dem inzwischen verstorbenen Besitzer des Restaurants Conca Bella dankbar.

Rocco Montereale galt als einer der grössten Weinkenner des Kantons, und Brivio hatte ihm natürlich ebenfalls ein paar seiner Flaschen geschickt. Einige Tage später klingelte das Telefon. Montereale war dran und sagte, er habe die Weine probiert und werde sie auf seine Karte setzen – als einer der ersten Wirte überhaupt. «Wenn  einem jemand wie Rocco Montereale bestätigt, dass man auf dem richtigen Weg ist», sagt Brivio, «dann ist das ein Anruf, den man nie vergisst.»

Selber besitzt er keine Reben. Guido Brivio stammt nicht aus einer Winzerfamilie, und vor zwanzig Jahren musste er seinen Namen aus dem Nichts hinaus in der Weinwelt positionieren. Zwar hatte sein Urgrossvater einst mit Wein gehandelt, aber bekannt war die Familie später geworden, weil sie jahrzehntelang den Artischocken-Aperitif Cynar hergestellt hatte. Brivios Mutter allerdings wünschte sich stets, ihr Sohn würde einst die Tradition der Vorfahren wiederaufleben lassen und in die Weinbranche einsteigen.

Vom Wirtschaftsstudenten zum Winzer
Zunächst aber studierte der junge Guido Wirtschaft in London und spielte daneben Piano in einer Band. Erst danach folgte er dem Wunsch seiner Mutter und tauchte tief in die Welt der Trauben ein: Er absolvierte eine Önologieausbildung mitten in der französischen Bordeaux-Region, in Sauternes. «Das war zu Beginn ein Kulturschock», erinnert er sich, «ich kam ja aus einer Millionenmetropole direkt in ein Dorf, mit gefühlten 28 Einwohnern.» Doch der Tessiner lebte sich rasch ein und infizierte sich mit dem Winzervirus.

In diesem weltberühmten Anbaugebiet habe er zum ersten Mal verstanden, worum es gehe beim Weinmachen, sagt Brivio. «Das Ziel ist nicht, einen möglichst gefälligen Wein zu produzieren. Sondern einen Wein, der alle Facetten seiner Heimat einschliesst, die Tradition, das Land, die Menschen und ihre Emotionen.»

Auch das Tessin ist ein traditionsreiches Anbaugebiet und gliedert sich in zwei Teile: Mendrisio gehört zum «Sottoceneri», der südlichen Gegend «unterhalb des Monte Ceneri», in der das Terroir tendenziell eher kalkhaltig ist. Im nördlicheren «Sopraceneri» rund um Bellinzona und Locarno hingegen prägt eher Granit den Boden.  Gemeinsam aber ist dem ganzen Tessin die wichtigste Rebsorte: der Merlot. Die ersten Merlot-Stöcke wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus dem Bordeaux ins Tessin eingeführt. Heute wächst diese Sorte auf mehr als vier Fünfteln der Rebfläche.

Die Liebe zum Merlot

Guido Brivio liebt den Merlot. Doch seit er 1989 mit Hilfe seiner Familie einen eigenen Keller kaufen konnte, hatte er den Mut, neue Wege zu gehen: So verwendet er auch andere Rebsorten, produziert Assemblagen und baut viele seiner Weine in der Barrique aus. Nicht nur Rotwein, sondern auch Weisswein. Der Donnay etwa, der aus Chardonnay- und Pinot-noir-Trauben gekeltert wird, reift acht Monate im französischen Eichenfass der Perfektion entgegen. Die 225-Liter-Fässer lagern in stillen, dunklen Kellern, die in die steile Flanke des Monte Generoso geschlagen sind, in historischen Grotti, wo einst neben Wein auch Käse und Schinken gelagert
wurde.

Früher waren Grotti klimatisch ideale Vorratsräume. Nach und nach stellten manche Tessiner Steintische vor ihr Grotto, tranken dort nach getaner Arbeit einen Schluck Wein und schnitten Salami auf. Mit der Zeit entwickelten sich daraus einfache Lokale, und schliesslich wurde das Grotto zum Inbegriff der Tessiner  Gastronomie, genau wie der Merlot als Synonym für Tessiner Wein gilt – zumindest bei den Deutschschweizern.

Modern und dynamisch
Über solche Klischees ärgert sich Guido Brivio manchmal. Sosehr er Merlot und Grotti schätzt und Traditionen hochhält: «Das Tessin hat viel mehr zu bieten als Polenta, Coniglio und Merlot im Boccalino», sagt er. «Es ist ein dynamischer, moderner Kanton mit preisgekrönten Restaurants und Weinen, die problemlos neben grossen europäischen Tropfen bestehen können. Mein Wein wird jedenfalls nicht aus dem Boccalino getrunken!»

Guido Brivio versteht sich als Botschafter seines Kantons und des Tessiner Weines. Seine eigenen Flaschen werden inzwischen in den besten Restaurants in New York entkorkt und auch im nahen Italien, wo die Wirte überrascht sind, dass in der Schweiz Wein produziert wird – und erst noch hervorragender. Für einen solchen Erfolg braucht es viel Überzeugungsarbeit und Hartnäckigkeit. Und doch möchte Brivio in keiner anderen Branche tätig sein. «Ich reise und treffe interessante Menschen, ich arbeite mit der Natur und mit hochmodernen Technologien – das ist ein grosses Privileg.»

Seine Frau Alicia, eine amerikanische Fernsehjournalistin, hat Guido Brivio auch dank dem Wein kennengelernt. Allerdings nicht während seiner Ausbildung in Kalifornien – sondern in Zermatt, wo Alicia eine Reportage über Schweizer Weine drehte. Brivio war beruflich vor Ort und lud die Amerikaner kurzerhand ins Tessin ein. Nach zwei Tagen war die Geschichte im Kasten, die Kameraleute reisten ab – und Alicia blieb. Es war Liebe auf den ersten Blick. «Obwohl», sagt Guido Brivio, «ich bin mir nicht sicher, in was sie sich zuerst verliebt hat: ins Tessin, in den Wein oder in den Mann.» Aber so exakt ist das sowieso nicht voneinander zu trennen.

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