Die Zuneigung von Patrick Z’Brun zur Kellerei Vins des Chevaliers beginnt lange bevor er überhaupt Wein trinken darf. Vor beinahe vier Jahrzehnten nämlich war Patrick der «Kellermeister» der Arztfamilie Z’Brun. Seine Aufgabe war es, am Abend jeweils ins Untergeschoss des Elternhauses zu gehen, eine Flasche auszuwählen, die steilen Treppen wieder hinaufzusteigen und dem Vater die Flasche zum Entkorken zu reichen. Oft war es ein traditionsreicher Dôle des Chevaliers, der während vieler Jahre der meistverkaufte Schweizer Rotwein war.
Dem kleinen Patrick aber gefiel vor allem die Etikette, die einen Bubentraum zeigte: einen Kreuzritter auf einem sich aufbäumenden Pferd, Gold auf schwarzem Grund. Niemals hätte der Junge sich träumen lassen, dass er eines Tages Herr sein würde über diese Etiketten, die Vins des Chevaliers und die Rebhänge rund um das Walliser Dorf Salgesch.
Der kleine Ort auf der Sprachgrenze zwischen dem Ober- und dem Unterwallis verdient die Bezeichnung «Weindorf». Rund 1300 Einwohner leben in Salgesch, und fast alle haben sich den Reben verschrieben. Die terrassierten Weingärten erstrecken sich über 203 Hektaren, 25 Kellereien wetteifern um die besten Tropfen, und kein anderes Dorf erhält mehr Auszeichnungen. 1988 führte man hier als erste Weinbauregion der Schweiz Ertragsbeschränkungen ein und kreierte später auch den ersten «Grand Cru» des Landes. Heute darf nur Wein von höchster Qualität mit dem Etikett Salgesch/Salquenen versehen werden. Die Voraussetzungen für den Rebbau sind ideal, denn nirgends in der Schweiz scheint die Sonne mehr Stunden im Jahr.
Am Fuss des Himalaja
Die Geschichte von Patrick Z’Brun und seiner Salgescher Kellerei beginnt 2008 von neuem, wieder mit einem Aufstieg, diesmal bis auf 8848 Meter über Meer. Z’Brun steht an einem Wendepunkt. Er ist Bergführer geworden, hat mit den Touren auf die Walliser Gipfel sein Studium finanziert, Karriere gemacht, eine Firma für Medizinaltechnik aufgebaut und schliesslich wieder verkauft.
2008 ist der Moment für eine Auszeit und die Erfüllung eines Traums. Z’Brun, inzwischen verheiratet und zweifacher Vater, will den Mount Everest besteigen. Als er im Mai 2008 am Fuss des Himalaja-Gebirges ankommt, liegt seine Zukunft vor ihm wie der schneebedeckte Gipfel des Everest. Nach dem Verkauf seiner Firma ist alles möglich, nichts ist festgelegt.
So steigt Z’Brun Richtung Gipfel, langsam, mit wachem Geist und sammelt unterwegs Eindrücke: Die Gespräche mit den Sherpas, über die er in seinem Tagebuch schreibt. Die Begegnung mit dem taubstummen Künstler Temba Sherpa, der Bilder aus dem Gedächtnis malt. Das Treffen mit Lama Geshe, bei dem die Sherpas jeweils den Segen für die Expedition einholen und der Z’Brun ein Bild schenkt: eine Bergspitze, die aus dem Meer ragt, darüber rechts die Sonne, links der Mond. Ein Omen. Als Z’Brun am frühen Morgen des 21. Mai tatsächlich auf dem Gipfel steht, ist es genau das, was er sieht: Die Sonne geht gerade über dem tibetanischen Hochland auf, während sich der Vollmond hinter die Berge senkt. Es sind Erlebnisse, die er nie vergessen wird.
Zurück in der Schweiz, sieht Patrick Z’Brun seine Zukunft klarer. Er will nicht in die Leitung eines Konzerns einsteigen, sondern eine Firma übernehmen und selber darin arbeiten. «Ich wusste», sagt er, «dass ich lieber ein kleiner Herr als ein grosser Knecht bin.» Der Betrieb sollte in der Schweiz sein und ein Produkt herstellen, mit dem Z’Brun sich hundertprozentig identifizieren konnte, am liebsten eine traditionsreiche Marke, die es ein bisschen zu entstauben galt. Und wenn es dabei noch um Natur ginge, wäre es perfekt. An einen Weinbetrieb denkt er nie.
Berühmte Kreuzritter
Z’Brun streut seine Vorstellung bei Bekannten und bekommt das Angebot, die Kellerei Vins des Chevaliers zu übernehmen. «Sie erfüllte einfach alles, was ich gesucht hatte», sagt Z’Brun. «Und für Wein hatte ich schon immer eine Passion, denn Wein ist der schönste Botschafter einer Region.»
Seit Dezember 2008 ist Patrick Z’Brun also Herr über die Rebhänge, die Weine und die berühmten Kreuzritter-Etiketten, die er als Kind so sehr bestaunt hatte. Von seinem Vorgänger konnte er modernste Kelleranlagen und Degustationsräume übernehmen. Und den Önologen Marc-André Devantéry, der zu den begabtesten Weinmachern des Kantons gehört. Devantéry betreut die ganze Palette der Chevaliers-Weine: die edlen Prestige-Tropfen; den Dôle, den Fendant und den Pinot noir aus der Linie «Tradition»; die neu geschaffenen Cuvées Chevalier blanc und Chevalier rouge und natürlich die Walliser Spezialitäten wie Cornalin oder Petite Arvine, die in der Kellerei unter dem Namen «Patrimoine» vertreten sind.
Wie gut die beiden Männer harmonieren, zeigte sich spätestens, als Patrick Z’Brun mit einer aussergewöhnlichen Idee auf seinen Önologen zukommt: Er möchte einen Sherpa-Wein kreieren, als Hommage an die mutigen Menschen am Himalaja. Devantéry ist sofort begeistert und macht sich auf die Suche nach Rebsorten, die in einer Verbindung zur Bergwelt stehen.
Ein Sherpa hilft bei der Auswahl mit: Sherpa Purna, der Koch von Z’Bruns Everest-Expedition. Schliesslich kreiert Devantéry eine Assemblage aus Pinot noir und der alpinen Rebsorte Humagne Rouge, einen ausdrucksvollen Wein mit einer einzigartigen Etikette: Auf den Flaschen prangt eine Gebetsfahne mit Auszügen aus Z’Bruns Expeditionstagebuch. In jeder Ecke der Etikette erinnert ein Bild an Erlebnisse: Der Drache links oben prangte über dem Haus des taubstummen Malers. Der Mond und die Sonne über dem Gipfel im Meer sind Lama Geshe gewidmet. Und der Reiter auf dem Pferd ist kein Tribut an das Kreuzritter-Motiv, sondern das traditionelle Windpferd, das die Gebete der Sherpas zu den Göttern trägt. «Diese Menschen sind die wahren Helden am Berg», sagt Patrick Z’Brun, «und ich möchte ihnen etwas zurückgeben.» Deshalb hat er auch das «Swiss Sherpa-Projekt» gegründet, das Sherpas auf ihrem Weg zu mehr Eigenständigkeit unterstützt. Deshalb ist der Sherpa-Wein mehr als eine originelle Idee: Pro verkaufte Flasche fliessen zwei Franken an das Hilfsprojekt.



























