Susi Wehrli ist eine Sammlerin. Aus allen Ecken der Erde bringt sie etwas nach Hause. Doch es sind keine Gegenstände, die sie in ihrer Heimat im Kanton Aargau hortet, es sind Souvenirs im wörtlichen Sinn: Erinnerungen an Gerüche und Geschmäcke, Erkenntnisse und Emotionen.
Während ihrer Ausbildung war Wehrli in Australien, im Burgund, in Südfrankreich, und überall hat sie Menschen gefunden, von denen sie lernen konnte: Aus Australien hat sie ihr Wissen um die Weine der Neuen Welt mitgebracht, aus dem Burgund den traditionellen Barriqueausbau, aus Südfrankreich die Liebe zum Boden. «Aber es geht nie nur um den Wein», sagt die Jungwinzerin. «Es geht auch um die Nahrungsmittel, den Geruch einer Gegend, die Mentalität der Menschen: Ich will mir eine Landschaft mit allen Sinnen erschliessen.»
Früh legt sich die Dämmerung über das aargauische Dorf Küttigen und seine stillen Hänge. Der Winter gönnt den Winzern eine Ruhepause in den Reben, doch im Keller der Familie Wehrli gibt es viel zu tun. Gerade war Susi Wehrli an einem Workshop, nun bringt ein befreundeter Kollege die Hefe für die Gärung vorbei. Die 27-Jährige ist stets in Bewegung, selbst wenn sie sich hinsetzt, tanzen ihre Hände durch die Luft.
Zehn Jahre ist es her, seit Susis Vater Peter Wehrli, Winzer und Präsident des Branchenverbands Aargauer Wein, in einem Interview gesagt hat: «Ein solcher Betrieb kostet viel Zeit und Kraft. Es erstaunt mich nicht, wenn die Kinder nicht unbedingt in die Fussstapfen ihrer Eltern treten wollen. Aber: Unsere Kinder haben arbeiten gelernt.» Susi Wehrli lacht, als sie den letzten Satz hört.
Das stimme, sagt sie. Während die Kolleginnen jeweils ins nahe Aarau einkaufen gingen, halfen Susi und ihr Zwillingsbruder Rolf in den Reben oder füllten im Keller Wein ab. Sie sei kein modischer Teenager gewesen und sie habe damals auch einige Freundinnen verloren, weil sie wenig Zeit hatte, sagt Susi Wehrli. «Aber rückblickend bereue ich nichts. Ich kann heute wirklich von morgens bis abends durcharbeiten.»
«Ich werde Winzerin!»
Als ihr Vater vor zehn Jahren interviewt wurde, war Susi sechzehn Jahre alt. Sie hatte gerade mit der Lehre als Winzerin begonnen, obwohl sie sich lange nicht hatte vorstellen können, in dieser Branche zu arbeiten. Auch ihre Eltern drängten sie nie, im Gegenteil. Susi absolvierte Schnupperlehren als Landschaftsgärtnerin, als Floristin, doch danach wollte sie doch noch auf ein Weingut.
Eine Woche verbrachte sie auf dem Schloss Salenegg im bündnerischen Maienfeld, und sie erinnert sich noch immer gut an ihre Rückkehr: Es war Frühling, sie hatte eine Woche lang Reben gesetzt, und als sie am Samstag nach Küttigen kam, regnete es in Strömen. Susi ging direkt in den Rebhang, um zu helfen, und dort sagte sie zu ihrem Vater: «Vätsch, ich werde Winzerin!» Natürlich waren ihre Eltern ausser sich vor Freude. Sie habe sich damals in den Beruf verliebt, sagt Wehrli heute, und in die Menschen, die ihn ausüben. Ganz wichtig für ihre Entscheidung sei die Betreuerin auf Salenegg gewesen: «Sie war mir ein Vorbild. Eine Frau, die anpacken kann wie ein Mann und trotzdem sehr weiblich geblieben ist.»
Die Lehre führte Susi Wehrli auf Weingütern am Genfersee, in Spiez und in der Bündner Herrschaft, danach reiste die junge Frau nach Australien, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, arbeitete bei Winzern in Südfrankreich und im Burgund.
Ihr Zwillingsbruder Rolf hingegen konnte sich schon als Kind weniger für die Reben begeistern. Während Susi in die Weinwelt eintauchte, lernte Rolf Polymechaniker, arbeitete in der Entwicklungshilfe, machte eine Weltreise.
Sichtbarer Geschmack
Zehn Hektaren Rebfläche bewirtschaftet die Familie Wehrli, auf ganz unterschiedlichem Terroir. Susi Wehrli präsentiert die Böden des Betriebs wie Ausstellungsstücke: Grosse Gläser sind im Degustationslokal aufgereiht, mit Erde und Steinen gefüllt, ähnlich und doch ganz anders. Die Gegend um Küttigen liegt auf dem Jurasüdfuss, die Böden bestehen aus verschiedenem Material: Der eine hat besonders viel Eisenerz, der andere Muschelkalk, und der dritte ist eine Moräne, die der Gletscher zurückgelassen hat. Auf der Moräne wachsen die Blauburgunderreben, aus denen Wehrli ihren Brestenberger Pinot noir keltert.
Wenn man seinen Geschmack sichtbar machen müsste, dann würde Susi Wehrli mineralische Steine, Johannisbeeren und vielleicht Leder in ein grosses Glas füllen. Bei ihrem weissen Riesling x Sylvaner hingegen käme ein wenig kalkhaltige Erde ins Glas, dazu Blüten und Gras. Wehrli mag Visualisierungen, für Degustationen stellt sie hin und wieder solche Geruchsbilder zusammen. Es sei dasselbe wie beim Reisen, sagt sie: «Man soll Wein nicht nur schmecken, man soll ihn auch sehen und verstehen können.»
Susi Wehrli mag typische, sortenreine Weine. Und sie möchte anwenden, was sie im Ausland gelernt hat. Kein Wunder, waren sich Vater und Tochter nicht immer einig. Die Jungwinzerin wollte zum Beispiel unbedingt die Burgunder Spontanvergärung ausprobieren, bei der der Traubenmost direkt ab Presse in die Barrique kommt und nur dank natürlicher Hefen gärt. Dafür hatte sie die Ernte von den ältesten Stöcken des Betriebs vorgesehen, Riesling x Sylvaner, den ihre Grosseltern vor 60 Jahren gepflanzt hatten. Der Vater hatte Bedenken, kann bei dieser Verarbeitung doch ganz viel schiefgehen.
Doch die Tochter setzte sich durch, und das Ergebnis begeisterte auch die Eltern. Es sei zu Beginn nicht immer einfach gewesen, so eng mit dem Vater zusammenzuarbeiten, sagt Wehrli, denn sie seien beide voller Energie, sprudelnd und eigensinnig. Manchmal wurde es laut im Keller, und man redete aneinander vorbei. «Aber zum Glück kam dann jeweils meine Mutter und fragte nach, bis wir merkten, dass wir eigentlich das Gleiche meinten.»
Familienbetrieb einzusteigen, ist inzwischenNatürlich sind die Eltern extrem stolz auf ihre erfolgreiche Tochter. Und auf ihren erfolgreichen Sohn. Denn Rolf Wehrli, der sich nie vorstellen konnte, in den auch dabei. Vor zwei Jahren führte ihn seine Weltreise auf ein Weingut im australischen Margaret River, und dort in der Ferne entdeckte er doch noch seine Liebe zu den Reben.
Aus Australien rief er seine Schwester an und fragte, ob es für sie in Ordnung wäre, wenn er auch in den Betrieb einsteige. Und Susi Wehrli freute sich enorm, denn bei allen Unterschieden steht ihr der Zwillingsbruder sehr nahe.
Nun sind also Vater, Mutter, Bruder und zeitweilig auch Susi Wehrlis Lebenspartner im Familienbetrieb versammelt, ganz so, wie es die Jungwinzerin mag. Aber nicht so, wie es das Klischee erwarten liesse: Rolf kümmert sich nämlich mehr um den Verkauf und die Logistik des Betriebs, Susi hingegen arbeitet am liebsten körperlich, im Keller und in den Reben.


























