Denkpause
Steinzeitmenschen im Supermarkt
Weil die Nahrungsmittelindustrie eintönige und ungesunde Lebensmittel herstellt, wird der moderne Mensch immer dicker. Nun will die FDP eine Fettsteuer einführen. Das ist das falsche Rezept, sagt unser Autor.
Autor: Philipp Löpfe, 55, ist Wirtschaftsjournalist und hat mehrere Bücher rund um die Ökonomie verfasst. www.philipp-loepfe.ch
Eine der erfolgreichsten TV-Shows in den USA trägt den Titel «Der grösste Verlierer». Natürlich geht es auch dort ums Gewinnen: Es handelt sich um eine Reality Show, und Sieger wird, wer am meisten Gewicht verliert. An Teilnehmern mangelt es nicht. Rund 200 000 Übergewichtige bewerben sich jährlich. Sie bringen in der Regel über 200 Kilogramm auf die Waage. Wer sich Chancen für den Sieg ausrechnen will, muss innert Wochen rund 50 davon verlieren.
Typisch amerikanisch, denkt da der Schweizer und rümpft die Nase. Leider haben wir keinen Grund, hochnäsig zu sein. Die jüngsten Zahlen aus dem Bundesamt für Gesundheit zeigen, dass wir uns sehr schnell auf amerikanische Zustände zubewegen: Jeder zweite Mann und beinahe jede dritte Frau in der Schweiz ist zu dick. Das ist nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern auch ein finanzielles. Jährlich kostet uns das 5,7 Milliarden Franken. Deshalb erstaunt es auch nicht, dass die FDP neuerdings Dicke zur Kasse bitten will und höhere Krankenkassenprämien für Fettleibige fordert. Ist dies eine bösartige Diskriminierung einer Menschengruppe oder ein sinnvoller Appell an die Selbstverantwortung? Die Frage ist falsch gestellt. Im Vordergrund steht ein ganz anderes Problem: Warum werden die Menschen eigentlich immer dicker?
Die Antwort darauf ist keineswegs logisch. Schliesslich macht doch heute jedermann und auch sein Hund eine Diät. Bund und Kantone geben Millionen aus, um uns vor den Gefahren des Bewegungsmangels zu warnen. Ganze Dorfgemeinschaften specken gemeinsam ab, und im Supermarkt scheint alles mit «light» und «ohne Zucker» angeschrieben zu sein. Trotzdem gehen die Menschen in die Breite. Das kann kein Zufall sein. Ist es auch nicht, denn vieles deutet darauf hin, dass wir uns falsch ernähren.
Was Ernährung betrifft, besassen unsere Väter und unsere Grossmütter noch eine Art Grundwissen: Gemüse und Obst war gesund, Zucker schlecht für die Zähne, Fisch gab es am Freitag und Braten am Sonntag. Beim modernen Menschen ist diese gelassene Selbstverständlichkeit durch eine nervöse Verunsicherung ersetzt worden. Was ist mit Margarine, ist sie nun gesund oder nicht? Wem kann man in Sachen Cholesterin noch trauen? Sind die «wissenschaftlich getesteten» Joghurts wirklich gut für die Verdauung oder nur teurer? Ist auch bio drin, wenn bio draufsteht?
Eintönige Lebensmittel-Legosteine
Im Supermarkt werden wir wieder zum Steinzeitmenschen, der mühsam herausfinden muss, was ihm bekommt und was nicht. Das Gottlieb-Duttweiler- Institut, ein von der Migros gesponserter Think-Tank, stellt in einer kürzlich veröffentlichten Studie über unserer Essensgewohnheiten denn auch fest: «In den vergangenen Jahrzehnten wuchs eine Generation von Menschen heran, die den Bezug zu ursprünglichen, unbearbeiteten Grundnahrungsmitteln verlor. Milch ist eine weisse Flüssigkeit im Tetrapack und Fleisch das Braune in der Fertiglasagne. Auch die vielen künstlichen Geschmacksnoten, die sich heute im Essen befinden, sind selbstverständlich geworden.»
Moderne, industriell hergestellte Lebensmittel sind zwar sehr bequem in der Zubereitung. Sie sind aber eintönig in ihrer Zusammensetzung. Auf den Warenregalen finden wir eine scheinbar endlose Auswahl an unterschiedlichen Nahrungsmitteln. Doch tatsächlich herrscht eine immer grösser werdende Monotonie. «Es ist äusserst schwierig geworden, industrielle Lebensmittel zu finden, die nicht aus Mais und Soja hergestellt worden sind», stellt Michael Pollan in seinem Buch «Lebensmittel» fest. Pollan gehört zu den einflussreichsten Ernährungsspezialisten in den USA.
Mais und Soja haben einen sehr hohen Nährwert und sind einfach anzubauen, ideale Pflanzen für eine industrielle Produktion. Sie werden aber nur zu einem kleinen Teil in ihrem natürlichem Zustand verzehrt. Die Lebensmittelingenieure haben inzwischen Verfahren entwickelt, die es möglich machen, diese Pflanzen in ihre Grundbestandteile zu zerlegen und dann wieder neu zusammenzusetzen. Sie werden so zu einer Art Lebensmittel-Legosteine, mit denen sich die unterschiedlichsten Produkte zusammenbauen lassen. Mais wird auch an Gras fressende Tiere verfüttert, um sie schneller schlachtreif zu machen. Selbst wer kein einziges Maiskorn isst, nimmt deshalb sehr viel Mais zu sich: Das Frühstücksmüesli besteht aus Maisflocken, das Fleisch auf dem Mittagsteller stammt von einem Rind, das mit Mais gemästet wurde. Die Limonade wurde mit Mais-Melasse gesüsst etc.
Formel mit fataler Wirkung
Künstliche Geschmacksnoten verwandeln die Monotonie der industriell hergestellten Lebensmittel in eine geschmackliche Vielfalt. Dummerweise bringen die Zusatzstoffe auch das natürliche Verdauungssystem des Menschen durcheinander. Bekannt ist so, dass der Geschmacksverstärkers Glutamat den Leptin-Level senkt. Leptin ist ein Hormon, das dem Gehirn die Vorratslage des Körpers meldet. Sinkt der Leptin-Level, dann weiss das Gehirn: Die Vorräte gehen zu Ende. Wenn nicht, dann weiss das Gehirn: Alles im grünen Bereich, wir müssen nicht zum Kühlschrank. Wenn nun Glutamat den Leptin-Level künstlich senkt, dann hat der Mensch Hunger, obwohl sein Körper gar keine Nahrung braucht.
Die Formel: Billige Grundbestandteile (Mais, Soja) plus Zusatzstoffe, hat eine fatale Wirkung: Der Mensch verliert sein natürliches Sättigungsgefühl und isst zu viel. Volkswirtschaftlich gesehen hat dies eine paradoxe Wirkung: Lebensmittel werden im Verhältnis zum Einkommen der Durchschnittsfamilie immer billiger. Dafür explodieren die Gesundheitskosten. Auch die Menschen leiden. Dicke werden verspottet und ausgegrenzt. Mit Diäten kämpfen die verzweifelten Menschen gegen Übergewicht an - und machen alles noch schlimmer. Diese Diäten setzen in der Regel auf künstliche Zusatzstoffe. «Erstaunlicherweise wurden die Amerikaner erst dann so richtig fett, als sie mit ihren fettlosen Diäten begannen», stellt Pollan deshalb fest.
Der Krankenkassenprämien-Vorschlag der FDP setzt den Hebel am falschen Ort an. Eine solche «Fettsteuer» mag auf den ersten Blick verlockend erscheinen. Wenn Zigaretten, Wein und Schnaps mit Abgaben belastet werden können, warum nicht auch Hamburger, Kebabs und tiefgefrorene Pizzas? Doch sie hat zwei entscheidende Nachteile: Erstens lässt sich eine Fettsteuer praktisch nicht umsetzen. Soll man etwa jeden Bürger in regelmässigen Abständen auf die Waage stellen und nach Überschreiten eines bestimmten Bodymass-Indexes eine Abgabe erheben? Zweitens ändert sie nichts daran, dass immer mehr Menschen sich immer monotoner ernähren. Die Lösung liegt deshalb darin, dass wir unsere Essensgewohnheiten ändern, dass wir den Umgang mit natürlichen Nahrungsmitteln wieder entdecken. Das ist keine Hexerei. Michael Pollans lapidarer Ratschlag lautet: Essen Sie richtige Lebensmittel. Nicht zu viel. Hauptsächlich Pflanzen.
Was meinen Sie?
Ist eine Fettsteuer richtig? Oder müsste eine Steuer auf ungesunde Lebensmittel erhoben werden? Schreiben Sie uns: Redaktion «Schweizer Familie»,Stichwort Denkpause, Werdstrasse 21, 8021 Zürich oder an redaktion@schweizerfamilie.ch
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 10/03 der Schweizer Familie publiziert.
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