Jörg Schneider

«Es muss alles ordeli sein»

Ausserdem

Jörg Schneider

Ein Leben für die Bühne

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Er geht Querelen aus dem Weg, findet Kochen beruhigend und sagt, wieso seine Frau «das mit den Joghurts» im falschen Fach locker nimmt. Schauspieler Jörg Schneider wird 75 und ist kein bisschen müde.

Schweizer Familie:
Herr Schneider, Sie ...

Jörg Schneider:
Entschuldigen Sie, aber ich habe eine Bitte.

Kein Problem. Was haben Sie auf dem Herzen?

Stellen Sie kritische Fragen. Ich werde immer dasselbe gefragt, muss immer dasselbe erzählen. Das langweilt mich.

Sie feiern am 7. Februar Ihren 75. Geburtstag. Würden Sie rückblickend etwas an Ihrem Leben ändern?

Ich glaube nicht. Auf jeden Fall würde ich wieder Schauspieler werden und dieselbe Frau heiraten.

Weil Sie noch immer in Ihre Frau Romy verliebt sind?

Verliebt ist man nur am Anfang. Aber ich habe die richtige Frau gefunden und sie sehr, sehr gerne.

Die wenigsten sind nach 47 Jahren glücklich verheiratet.

Dieses grosse Glück wird niemandem geschenkt. Um dieses Glück kämpften Romy und ich. Dazu gehört auch Streit. Sogar währschaften Krach hatten wir. Aber wir haben eine gute Streitkultur entwickelt.

Worüber streiten Sie?

Kleinigkeiten. Nichts Schlimmes.

Sie streichen jetzt immer das Tischtuch glatt. Warum?

Vielleicht bin ich nervös. Ausserdem ein Perfektionist. Es muss alles ordeli sein.

Das hat Konfliktpotenzial.

Wegen solcher Dinge komme ich mit meiner Frau in Clinch. Sie nimmt alles lockerer. Zum Beispiel das mit den Joghurts.

Jörg Schneider zu Hause in Uster mit seiner Hündin Mara, einem Foxterrier-Mischling.
Jörg Schneider zu Hause in Uster mit seiner Hündin Mara, einem Foxterrier-Mischling.
Foto: Philipp Rohner

Warum lachen Sie?

Weil das ein gutes Beispiel für meinen ausgeprägten Ordnungssinn ist.

Was hat es mit den Joghurts auf sich?

Romy räumt sie falsch ein. Und ich denke jeweils, es habe keine mehr. Romy stellt sie ins unterste Regal des Kühlschranks. Dort gehören keine Joghurts hin. Sie gehören in das zweitunterste. Aber das sind Kleinigkeiten, über die ich im Nachhinein lache.

Dafür verdrängen Sie grosse Probleme.

Was nicht dringend und brennend ist, schiebe ich von mir weg. Ja, ich bin ein grosser Verdränger. Ein negativer Charakterzug.

Mögen Sie sich?

Ich habe mich gerne, Selbstzweifel nagen nicht gross an mir.

Sie haben einmal gesagt, ein guter Schauspieler müsse egoistisch sein.

Bei der Wahl der Stücke bin ich egoistisch: Ich schaue immer zuerst, dass eine gute Rolle für mich drin ist.

Und im Privatleben?

Privat suche ich eher den Frieden. Ich bin ein harmoniebedürftiger Mensch. Ich mag keine Querelen. Vielleicht verdränge ich deshalb vieles. Ich gebe lieber nach. Um des Friedens Willen.

Wollen Sie allen gefallen?

Natürlich will ich beliebt sein. Aber ich schlucke nicht alles, bloss um nicht anzuecken. Ich habe Grenzen.

Wo liegen diese?

Dort, wo Menschen Unrecht widerfährt. Ich habe diese Geschichte im vollen Bus erlebt: Da sassen zwei Burschen und belegten die Sitze neben sich mit ihren Turnsäcken. Eine alte Dame musste stehen. Die Burschen behaupteten, sie würden den Sitz für ihren Freund reservieren. Niemand stieg ein. Auch bei der nächsten Haltestelle nicht. Also packte ich den Turnsack und stellte ihn auf die Strasse. Er solle hier auf seinen Freund warten, sagte ich dem Jugendlichen.

Wie hat er reagiert?

Er stieg aus, griff nach seinem Turnsack. Als der Bus losfuhr, polterte er gegen die Tür.

Hilft Ihnen Ihre Popularität in solchen Situationen nicht?

Die Jugendlichen kennen nur meine Stimme, den Kasperli. Der war ein Riesenerfolg, und darauf bin ich stolz. Aber ich mag es nicht, wenn Eltern auf mich zeigen und ihren Kindern sagen: Schau, das ist der Kasperli. Ich bin ein alter Mann. Ich zaubere keine rote Zipfelmütze aus dem Sack. Ich will als Mensch wie als Schauspieler ernst genommen werden.

Warum brauchen Sie die Bühne?

Da müssten wir eine Psychoanalyse machen.

Und die dürften wir publizieren?

In voller Länge. Nein, im Ernst. Ich teile mich gerne mit, stehe gerne im Mittelpunkt. Vielleicht, weil ich immer klein und rundlich war. Als Kind ist das nicht schlimm. Aber in der Pubertät werden plötzlich alle hübschen Mädchen einen Kopf grösser. Mit meiner Erscheinung konnte ich sie nicht beeindrucken. Ich suchte nach anderen Möglichkeiten.

Und weil Sie die Frauen unterhielten und zum Lachen brachten, sind Ihnen die Herzen zugeflogen.

Ich fristete kein männliches Mauerblümchen-Dasein. Aber «Herzen zufliegen» ist eine grosse Aussage. Sicher nicht so wie Hollywood-Schauspieler Brad Pitt.

Sie wohnen in Uster, und Ihre Adresse steht im Telefonbuch. Wurden Sie schon belästigt?

Überhaupt nicht. Ich bin kein Weltstar. Ich brauche keine Bodyguards, die mich beschützen, und keinen Sprecher, der für mich redet.

Wäre Ihnen das unangenehm?

Ich will ganz normal sein.

Sie haben einen Chauffeur.

Diesen Starstatus erlaube ich mir seit drei Jahren. Spass beiseite: Ich fahre mit unserem Requisiteur.

Gestalten Sie Ihre Seite im Internet selber?

Das macht ein Freund für mich. Ich bin kein Internet-Fan. Und ich lerne nur, was mich interessiert.

Was würden Sie gerne lernen?

Küchentricks. Solche, wie sie die Spitzenköche können.

Zum Beispiel?

Die klare Bouillon wird bei mir nie so klar wie im Restaurant. Oder ich würde gerne eine Gemüseterrine machen können.

Sie blicken verträumt.

Kochen beruhigt.

Ihr Mittel gegen Stress?

Ja. Leider habe ich zu wenig Zeit. Alles ist hektischer geworden. Früher war das Leben ruhiger.

Was hat sich sonst verändert?

Als ich vor über einem halben Jahrhundert mit der Schauspielerei angefangen habe, gingen die Leute mehr ins Theater. Heute können sie Unterhaltung dank des Fernsehens zu Hause konsumieren.

Bedauern Sie das?

Jein. Die Atmosphäre im Theater gefällt mir besser. Ich brauche den direkten Kontakt zum Publikum. Aber Fernsehen und Kino bieten den Schauspielern guten Verdienst und sind die einzige Möglichkeit, populär zu werden.

Die Schweizer Filmproduzenten haben Sie wenig beachtet. Sind Sie darüber traurig?

Traurig nicht. Etwas enttäuscht. Manchmal wurmt es mich. Aber man kann eben nicht alles haben.

Träumen Sie von der grossen Kinorolle?

Ein solches Angebot wäre schön.

Sie warten auf eine grosse Filmrolle. Genauso wie im berühmten Theaterstück, in dem Sie den Vladimir spielten, der auf Godot wartete.

Und Godot kam nie. Vladimir und Estragon warten noch immer. Unter diesem verdorrten Bäumchen. Jänu.

Haben Sie die Chance verpasst, sich in der Filmbranche zu etablieren?

Vielleicht war ich zu wenig ehrgeizig. Ellenbogeneinsatz und Karriereplanung liegen mir nicht. Ausserdem hatte ich immer genug zu tun. Ich habe Erfolg.

Dürfen Ihre Fans auf eine Autobiografie hoffen?

So wichtig bin ich auch wieder nicht. Schon zweimal habe ich solche Angebote abgelehnt.

Trotzdem: Welchen Titel würden Sie über Ihrer Autobiografie schreiben, wenn es denn eine gäbe?

Oha. Ein Titel? Vermutlich müsste das sein: Tratratrallala.

Ausgerechnet?

Ja, ausgerechnet! Obwohl ich nicht der Kasper der Nation sein will, weiss ich: Der Kasperli war mein populärster Erfolg.

Sie arbeiten mit 75 Jahren noch immer. Andere sind froh, wenn sie sich mit 65 pensionieren lassen und das Leben geniessen können.

Ich geniesse mein Leben. Mein Feuer fürs Theater ist noch nicht erloschen. Ich spüre die Begeisterung des Publikums.

Sind Sie süchtig danach?

Ich weiss nicht, wie gross die Entzugserscheinungen sein werden, wenn ich aufhöre.

Fürchten Sie das Leben nach dem Theater?

Noch bin ich fit. Aber mit 100 Jahren von jungen hübschen Mädchen auf die Bühne gestemmt werden - das will ich auf keinen Fall.

Denken Sie manchmal ans Leben nach dem Tod?

Ich glaube nicht an einen Himmel mit Engeln, Harfenspielern und Petrus. Ich glaube, mit dem Tod endet alles. Davor habe ich keine Angst. Aber vor dem Sterben. Vor einem unwürdigen Leben. Ich will nie von Apparaturen abhängig sein. Aber das sind jetzt solche Gedanken, die ich lieber verdränge.

Sind Sie gegen lebenserhaltende Massnahmen?

Werden die Belastung und die Schmerzen grösser als die Lebensfreude, sollte man gehen können. Aber jemanden bewusst sterben lassen ist immer schwierig. Sogar beim Haustier. Ich musste in meinem Leben schon zwei Hunde einschläfern lassen. Der Entscheid fiel mir jedes Mal verdammt schwer.

Sie haben feuchte Augen. Kämpfen Sie wegen der Gedanken an die Hunde mit den Tränen?

Ja, das mit den Hunden war wirklich hart. Fragen Sie etwas anderes. Ich muss bald los. Die Zeit vergeht.

Vergeht sie Ihnen allgemein zu schnell?

Sie vergeht immer rasender. Mit jedem Jahr. Und ich werde langsamer. Früher war ich in zehn Minuten angezogen. Heute brauche ich eine halbe Stunde dafür.

Gibt es in Ihrem Leben etwas, was Sie bereuen?

Ich kann nicht Klavier spielen. Ich habe es versucht. Aber ich war zu faul. Und jetzt ist es zu spät. Ich habe Gicht in den Fingern.

 

«Champions»
Der Eishockeyfilm von Riccardo Signorell u. a. mit Jörg Schneider in einer Hauptrolle
läuft derzeit in den Schweizer Kinos.

 

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 10/05 der Schweizer Familie publiziert.

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