Traumfänger

«Ein Olympiasieg ist das absolut Grösste»

«Den Slalom von Lillehammer 1994 könnte ich heute noch ausstecken»: Ex-Skirennfahrerin Vreni Schneider, 45.

von Bruno Bötschi

Schweizer Familie:
Vreni Schneider, als Kind hat man viele Träume - erinnern Sie sich?

Vreni Schneider:
Krankenschwester war ein Traumberuf. Und eine gute Skifahrerin wollte ich werden.

Träumten Sie bereits von Olympia?

Nein. Dieser Gedanke kam später, ich war bereits im Weltcup. Aber ich war immer auf die Piste. Schulaufgaben hingegen interessierten mich weniger. «Die mache ich, wenn es dunkel ist», sagte ich jeweils zur Mutter.

Fühlten Sie sich vom ersten Tag an wohl auf den Ski?

Erste Versuche machte ich mit vier. Ich stürzte oft, lag schreiend im Schnee. Vater meinte, aus mir würde nie eine gute Skifahrerin werden.

Wann wurde Ihr Talent entdeckt?

Beim ersten Schülerrennen hiess es plötzlich: «Das Meitli hat etwas in den Füssen, was andere nicht haben.» Niemand konnte in den Kurven so stark beschleunigen wie ich.

Am 12. Februar 2010 werden im kanadischen Vancouver die Olympischen Spiele eröffnet. Welche Gefühle löst dieses Ereignis aus?

Wunderbare Gedanken, herrliche Gefühle. Die Spiele sind das Ziel jedes Sportlers - und ein Sieg ist das absolut Grösste. Ich selber durfte dreimal Gold gewinnen - unglaublich schön.

Welche Erinnerung haben Sie an Ihren ersten Olympiasieg 1988 in Calgary?

Das erste Gold gewann ich im Riesenslalom. Ich war Fünfte nach dem ersten Lauf, als im zweiten Umgang die Führende, Blanca Fernández Ochoa aus Spanien, stürzte. Ich konnte nicht jubeln, Blanca war eine Kollegin von mir. Richtig Freude zeigte ich erst, nachdem wir uns im Zielgelände umarmt hatten, beide mit Tränen in den Augen, und Blanca sagte: «Vreni, du hast gewonnen. Du warst heute besser.»

Mir scheint, Sie erinnern sich an jedes Detail Ihrer goldenen Tage in Calgary und 1994 in Lillehammer.

Den Slalom von Lillehammer könnte ich heute noch ausstecken. Auch in Calgary habe ich mir jede Welle eingeprägt - die Anfangstore habe ich noch im Kopf.

Sie errangen 55 Weltcupsiege - verleidet Gewinnen irgendwann?

Mir nicht, aber vielleicht den anderen.

Konnten Sie vor den Rennen gut schlafen?

Ich war immer nervös, brauchte viel Zeit, bis ich Schlaf fand. Verrückt machen liess ich mich deswegen nicht, ich hatte vielmehr das Gefühl, dass ich nach kurzen Nächten noch wacher war am Start.

Verfolgten Sie Stürze bis in die Träume?

Daran erinnern kann ich mich jedenfalls nicht. Aber natürlich vergisst man einen Ausfall nicht so schnell - gerade im Slalom. Trotz meiner vielen Erfolge hatte ich nie das Gefühl, ich sei unschlagbar.

Hatten Sie Alpträume?

Selten. Einer bleibt jedoch unvergessen: Ich stand im Starthaus. Ohne Ski. Mein Servicemann und ich hatten uns missverstanden. Ich dachte, er bringe mir die Ski hoch, dabei hatte er sie bei der Talstation deponiert. Schweissgebadet wachte ich auf.

Ist Ihnen Erfolg wichtig?

Sehr sogar. Allein mit meinem Talent hätte ich vielleicht 15 Weltcuprennen gewonnen, dank Ehrgeiz und Wille wurden es jedoch 55. Trotzdem wusste ich immer: Siegen ist nicht alles. Der frühe Tod meiner Mutter hat mich das gelehrt. Ich war 16, als sie an Krebs starb. Eine Zeit lang wusste ich nicht, wie es weitergehen soll. Dann erinnerte ich mich an Mutters Worte: «Wenn du Skifahrerin werden willst, mach es.»

Fehlt Ihnen heute der Rummel des Skizirkus?

Es war eine einmalige Zeit, die Erinnerungen daran werden mich immer begleiten. Was ich heute habe, ist jedoch noch schöner: Ich bin Mutter von zwei Buben. Florian ist fast sechs, Flavio vier.

Fahren Ihre Söhne auch so vergiftet Ski wie Sie?

Sie sind kaum zu bremsen. Als ich es kürzlich doch versuchte, lachte mein Mann Marcel und sagte: «Warum bremst du sie? Du warst doch genau gleich.»

 

 

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 10/06 der Schweizer Familie publiziert.

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