Die Meldung, die das Leben schrieb

Die Mehrung von Neukirch

Pfarrer Beat Müller verteilte im Oktober 2008 an die Kirchgänger 10-Franken-Noten, mit der Aufforderung, diese grosszügig auszusäen. Und siehe da: Aus den 1690 Franken wurden 7777.

Daniel Röthlisberger

Die Überraschung war perfekt. Am 26. Oktober 2008 trat Pfarrer Beat Müller nach dem Erntedankgottesdienst in der Kirche Neukirch TG vor seine zahlreich erschienenen Besucher und verkündete ihnen Überraschendes. Sie dürften heute kein Geld in den Opferstock legen, sprach der Gottesmann, dafür erhalte jeder am Ausgang zehn Franken. Und der Pfarrer verband mit dieser Ankündigung den Wunsch, jeder und jede möge diesen Betrag auf eigene Weise investieren und bis zum kommenden Frühjahr vermehren.

Ei, gab das zu reden! Zu tuscheln und zu diskutieren. Ungläubiges Staunen schlug dem Pfarrer aus den Kirchenbänken entgegen. Doch Beat Müller machte keinen Scherz, wie einige anfangs vermutet hatten. Er hatte sich die Sache gründlich überlegt. «Ich wollte in der Finanzkrise, wo negative Meldungen sich jagen, ein Zeichen der Hoffnung und des Vertrauens setzen.» Und er baute darauf, «dass das, was wir in Grosszügigkeit liebevoll aussäen, irgendwo und irgendwann zurückkommt. Das ist ein biblisches Prinzip.» Und so kam es, dass an jenem Sonntag der Präsident des Kirchgemeinderates - ein Banker - jedem der verdutzten Kirchgänger eine Zehnernote in die Hand drückte. Frauen, Männern und Kindern. 180 waren gekommen, 169 nahmen die Gabe entgegen. «Einige wollten oder konnten das Geld nicht annehmen», sagt der Pfarrer, «sie waren wohl überfordert.» Kaum waren die Glocken verstummt, setzte im Dorf eine Diskussion über Sinn und Unsinn dieser Aktion ein. Die einen lobten den Pfarrer für seinen Mut und sein Gottvertrauen. Und die anderen zweifelten, dass das Geld jemals wieder zurückkomme, und kritisierten, dass man Steuergelder verschleudere. Dabei seien gar keine Steuergelder verwendet worden, betont der Pfarrer. Das Geld stamme aus einem Hilfsfonds der Kirche für Bedürftige.

Bedürftig waren die meisten zwar nicht, die die zehn Franken entgegennahmen. Doch die Neukircher waren entschlossen, das anvertraute Geld im Sinne des Pfarrers für einen guten Zweck zu vermehren. «Der Ideenreichtum hat mich berührt», sagt der Pfarrer. Ein Bub zum Beispiel kaufte mit den zehn Franken auf dem Hofladen seiner Eltern Lebensmittel, versteigerte diese und nahm so 85 Franken ein. Eine Frau organisierte einen Kinoabend, schenkte Suppe aus und brachte 200 Franken zusammen. Ein junges Ehepaar backte Magenbrot und verkaufte es an einem Theaterabend (150 Franken). Die Frau des Pfarrers stellte Torten her und bot diese zum Verkauf an (90 Franken). Und ein Ehepaar liess dem Pfarrer 1000 Franken zukommen.

So kam es, dass Beat Müller am Sonntag, dem 8. März 2009, nicht schlecht staunte, als er mit dem Präsidenten des Kirchgemeinderates am traditionellen Suppentag das Geld zählte, das die Kirchgänger vermehrt hatten. Aus den 169 verteilten Zehnernoten waren sage und schreibe 7777 Franken geworden! Mehr noch als der erzielte Gewinn zählt für Pfarrer Müller, der den Erlös je zur Hälfte für den Hilfsfonds und für ein Staudammprojekt in Westafrika einsetzen will, die Erkenntnis: «Es lohnt sich, Vertrauen in die Menschen und in Gott zu haben.» Auch wenn nicht alle ihr Geld vermehrt haben. Ein Bub kaufte mit der Zehnernote einen Blumenstrauss für seine Mutter. Und das freute auch den Pfarrer: «Dieses Geld ist gut investiert.»

 

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 09/13 der Schweizer Familie publiziert.

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