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Rebellin gegen den grauen Alltag
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«Pepperminta»
Ode an die Unbeschwertheit
«Pepperminta», der erste Langspielfilm von Pipilotti Rist, ist eine farbenprächtige Ode an die Unbeschwertheit, die Eigenwilligkeit und den Mut, das zu tun, was man sich nicht getraut.
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Von «chchch» bis «pfhhh»: Die Künstlerin Pipilotti Rist kann auf viele Arten lachen, sich auf viele Arten kleiden und auf viele Arten Kunst schaffen. Sie ist weltberühmt. Jetzt bringt sie ihren ersten grossen Film in die Kinos.
von Marianne Fehr
Pipilotti Rist, was würden Sie ändern, wenn Sie Königin der Welt wären?» Sie antwortet: «Den Amerikanern und Engländern ihr eigenes Längenmass Inch verbieten. Weltweit die Gelder umverteilen. Und Autos dürften nur noch wenn wirklich nötig benützt werden.» Dann lacht sie eine Variante aus einer grossen Palette von Pipilotti-Lacharten, diesmal ist es das «chchch».

Ihr Team ist ihr wie eine Familie: Rachele Giudici, Pipilotti Rist, Markus Huber, Tamara Voser, Sandro Peier (v. l.).
Foto: Andrea Rist
Wir sitzen auf einem Sofa in einem grossen Raum ihrer Zürcher Galerie Hauser & Wirth, rundherum wird gebohrt, geschoben, geschraubt für eine Ausstellung, die in drei Tagen eröffnet wird. Pipilotti Rist im blaugrünen Overall, in roten Socken und Gesundheitssandalen, ungeschminkt, zierlich und quirlig, wird nach unserem Gespräch wieder selber Hand anlegen, prüfen, abwägen, verbessern. Sie sei eine «Tüpflischeisserin», sagt sie.
Läuft eine Ausstellung im fernen Ausland, schickt sie einen befreundeten einheimischen Künstler unerkannt vorbei, der ihr Bericht erstattet, falls ein Kabel schludrig gelegt ist. Denn, so ihre Meinung, der Besucher merke, ob ein Werk mit Liebe aufgebaut worden sei, und ihre Genauigkeit habe ebenso zu ihrem Erfolg beigetragen wie ihre Kreativität.
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Ein «stinknormales» Leben
Pipilotti Rist, 47, aufgewachsen im St. Galler Rheintal, ist die international erfolgreichste Schweizer Künstlerin. Die Liste der Ausstellungsorte ihrer Videoinstallationen ist 23 Seiten lang, vom renommierten Museum of Modern Art in New York über Tokio bis zur neuseeländischen Hauptstadt. Der Erfolg ist der «Madonna der Videokunst», wie sie schon genannt wurde, nicht zu Kopf gestiegen. Immer wieder erwähnt sie den Anteil ihrer Mitarbeiter - drei Festangestellte arbeiten in ihrem Atelier im Zürcher Kreis 4 -, viele Temporäre sind es, wenn eine neue Ausstellung eingerichtet wird. «Ich bilde mir nicht viel auf meinen Erfolg ein», sagt sie, und «je mehr Erfolg ich habe, desto stärker streiche ich die Bedeutung meines Teams hervor.» Ein «Blöffsack», eine von ihr verabscheute Menschengattung, ist sie wahrlich nicht. Selbstbewusst zwar, aber auch verletzlich und scheu. Sie sagt: «Kürzlich nannte mich jemand eine Introvertierte, verkleidet als Extrovertierte. Das hat was.»

Videoinstellation «Pour Your Body Out», im Museum of Modern Arts in New York, 2008.
Foto: Andrea Rist
Wie lebt eine Künstlerin von Rang und Namen ihren Alltag? Pipilotti Rist: «stinknormal». Mit ihrem Lebensgefährten Balz Roth und ihrem 7-jährigen Sohn Himalaya, genannt Yuji, wohnt sie in einem mehrfach preisgekrönten modernen Holzhaus am Fusse des Üetlibergs. Gebaut hat das Vierparteienhaus das befreundete Architektenehepaar Fuhrimann Hächler, das ebenfalls dort lebt. Eine offene Hausgemeinschaft, in der man häufig zusammen isst, die Kinder gemeinsam aufwachsen. Die Hausarbeit und die Betreuung des Sohnes, der in die zweite Klasse einer öffentlichen Zürcher Tagesschule geht, teilt sich Pipilotti Rist mit ihrem Lebensgefährten. Kochen sei eher seine Domäne, sagt sie, diese Fähigkeit sei bei ihr nicht sehr ausgeprägt, da sie stets mit kochfreudigen Männern zusammen war. Milchreis ist ihr eigenes Paradegericht oder ein Salat aus Rüebli und Äpfeln, die sie mit einer alten Plastikraffel zerkleinert.
Morgens um neun fährt die Nicht-Autofahrerin mit dem Bus oder dem Velo ins Atelier. Unterwegs verabreicht sie sich die dritte Tasse Kaffee des Tages und kauft ein paar Bananen und Reiscrackers, denn viele Lebensmittel sind für die Künstlerin, die unter Glutenunverträglichkeit leidet, tabu. Im Büro schreibt ihr ihre Assistentin Rachele Giudici - sie nennen sich gegenseitig «Chefin» - mit verschiedenfarbigen Filzstiften auf, was an diesem Tag ansteht. «Ein grosser Teil meiner Arbeit», so Pipilotti Rist, «ist auszubalancieren, was wir machen wollen, was in einer bestimmten Aufbauzeit zeitlich und finanziell machbar ist.» Ihr Team ist ihr wie eine Familie: Mittags kocht einer von ihnen, oder sie essen zusammen im Bistro um die Ecke oder picknicken auf einer nahe gelegenen Wiese.
Begnadete Verwandlungskünstlerin
Arbeit und Privatleben sind bei Pipilotti Rist nahezu eins. Ständiger Austausch mit Mitarbeitern und befreundeten Künstlern ist ihr wichtig, auch wenn sie sich erholt, zum Beispiel in einem umgebauten Hotel auf tausend Metern Höhe im Appenzellischen. Das verlotterte Gebäude hat eine Genossenschaft, deren Mitglied sie ist, gekauft und renoviert: Künstler, Schriftsteller, Filmer, Kunsthistoriker, die hier auch Filme schneiden oder wie die Kinderliederband Schtärneföifi CDs aufnehmen.
«Haben Sie überhaupt noch Kontakt zu sogenannt normalen Menschen?» Pipilotti Rist steckt auf dem Sofa den Kopf zwischen die angezogenen Beine und lacht das «tschrrr»-Lachen: «Darum pflege ich den Kontakt zu meiner grossen Verwandtschaft. Und ich rede mit jedem. Im Zug oder im Tram verwickle ich oft und gerne jemanden in ein Gespräch.»
Sie selber wird auf der Strasse nicht häufig angesprochen. Sie hat da ihre Tricks, um nur dann in der Öffentlichkeit zu stehen, wenn sie es will. Begibt sie sich eine Zeit lang ins Rampenlicht, färbt sie die Haare blond, danach wieder dunkel und wird kaum mehr erkannt. Ohnehin war sie in den letzten zehn Jahren, seit ihrem Rücktritt als künstlerische Leiterin der Expo.01, in der Schweiz öffentlich kaum mehr präsent. Doch jetzt ist sie wieder voll da: Ausstellungen in Werdenberg und Zürich sowie Kinostart ihres Spielfilms «Pepperminta». Danach möchte sie wieder ihre Ruhe haben.
Pipilotti Rist ist eine begnadete Verwandlungskünstlerin. Sie tritt mit blauen Haaren vor Medien, in rosaroten Uniformen oder wallenden orangen Seidengewändern - mal Vamp, mal Bürofräulein, mal Generalin. Ihre Kleidersammlung, auch als Requisiten benutzt, ist so immens, dass sie mit Hilfe eines Mitarbeiters nach Farben und Grössen geordnet werden musste. Pipilotti Rist lagert sämtliche Kleider ihrer Mutter sowie verschiedener Verwandter; auch jedes Stück, das sie selber als Kind trug, ist noch vorhanden. Dazu unzählige Trouvaillen aus Brockenhäusern. Am liebsten hat sie geflickte Kleider. Jede noch so unbedeutende Nylonsocke wird zum Flicken zu zwei Italienerinnen in der Nachbarschaft ihres Ateliers gebracht. «Geflicktes», sagt sie, «vermittelt mir ein Gefühl von Sorgfalt und birgt Erinnerungen - als würde ich ein kleines Museum mit mir herumtragen.»
Ihr Kleiderberg hat vor zehn Jahren allerdings aufgehört zu wachsen. «Jetzt ist Schluss», sagte sich seine Besitzerin und stellt ihre Garderobe seither aus dem Fundus zusammen. Manchmal zum Unwillen ihres Lebensgefährten. Verhudelte Unterwäsche entsorgt er schon mal heimlich im Mülleimer.
Im Pyjama zur Schule
Das Bunte liebte sie schon als Kind, und sie scherte sich schon damals keinen Deut um Konventionen. Sie ging in den Pyjamahosen ihres Vaters zur Schule, schenkte der Mutter ein Gläschen abgezapftes Eigenblut zu Weihnachten und lebte eine Zeit lang im leeren Swimmingpool der Familie. «Sie war eine, die wie keine war, Erwachsene vor den Kopf stiess mit ihrer Fantasie und Lebhaftigkeit, sie war dorfbekannt», schreibt ihre ehemalige Schulkameradin und heutige Kunstkritikerin Daniele Muscionico in einem Porträt. Pipilotti Rist, Taufname Elisabeth Charlotte, sieht es nicht halb so wild: «Ich fand mich nicht viel fantasievoller als andere Kinder.» Für ihre Eigenständigkeit sei jedoch von den Eltern, die ihre fünf Kinder sehr frei erzogen, schon viel Vorarbeit geleistet worden. Die Mutter, aus einer Bauernfamilie stammend, wurde gegen den väterlichen Willen Lehrerin und trug als Erste im Dorf farbige Strümpfe. Auch der Vater, ein Bäckersohn, entfloh seiner Herkunft und studierte Medizin. Zufall oder nicht: Fast alle Rist-Kinder sind heute in einem künstlerischen Bereich tätig.
Die Rheintaler Pippi Langstrumpf hat sich ihre kindliche Gestaltungslust und Freiheit bewahrt. Sie bestimmt selber, was schön und gut, recht und billig ist. Mit ihrem Film «Pepperminta» möchte sie unnötige Ängste, etwa die Furcht, peinlich zu wirken, mit einer farbenfrohen Gegenwelt vertreiben. Gibt es Dinge, die auch Pipilotti Rist peinlich sind? Sie krümmt sich und lacht ein multiples «chchch»-, «tsssss»- und «pfhhhh»-Lachen: «Anderen sind unrasierte Haare in den Achselhöhlen peinlich. Mir nicht. Hingegen lasse ich manchmal ein Taxi ein paar Meter vor dem Zielort anhalten. Es ist mir peinlich, denn die Leute, die ich besuche, könnten mich für einen Snob halten.»
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 09/37 der Schweizer Familie publiziert.
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