Curling

Der Dreh auf dem Eis

Als Kind wurde sie belächelt, weil sie «Bettflaschen auf dem Feld» herumschob. Mirjam Ott weiss die Steine auf dem Eis kreiseln zu lassen und gehört heute zu den Weltbesten im Curling.

von Marianne Fehr

Mit dem rechten Fuss stossen sie vom Startbalken ab, ziehen danach das rechte Bein wie Ballast hinter sich her und gleiten auf dem linken Fuss übers Eis. So sicher wie Fische durchs Wasser. Dann lassen sie den Stein los. Immer wieder, zwei Stunden ohne Pause. Mirjam Ott, Carmen Schäfer, Janine Greiner und Carmen Küng sind das Curling Team Davos und vertreten die Schweiz an den Olympischen Spielen.


Foto: Siggi Bucher

Noch trainieren sie in der Curlinghalle Bern. Häufig steht Mirjam Ott am Ende des Spielfeldes, beim sogenannten Haus, und zeigt mit dem Besen, wo der Stein der Kolleginnen zum Stillstand kommen soll. Sie ist der Skip, also der Captain, und bestimmt die Taktik des Spiels. Sieht sie sich als General, der seine Truppe befehligt? Mirjam Ott schüttelt energisch den Kopf, und ihre bernsteinfarbenen Augen funkeln: «Ein grober Vergleich. Eine patriarchalische Hierarchie würde nicht funktionieren.» Stattdessen diskutiert das Team viel zusammen. «Manchmal übersehe ich etwas, da bin ich froh über den Input der Kolleginnen.» In der Tat stecken sie oft die Köpfe zusammen, als würden sie einen besonders fiesen Zug gegen einen Konkurrenten aushecken, ehe sie auf dem Eis wieder auseinanderdriften. Ohne perfekte Zusammenarbeit funktioniere es nicht, sagt Mirjam Ott. Zu ihren unangenehmsten Aufgaben gehörte es schon, Teamkolleginnen, bei denen diese Voraussetzung nicht mehr gegeben war, die Trennungsbotschaft zu überbringen.

Seit 10 mit dem Virus infiziert

Mirjam Ott, 38, hat als einzige Curlerin der Welt schon zwei Medaillen an Olympischen Spielen gewonnen. Dazu Bronze an der WM 2008 sowie sechs Medaillen an Europameisterschaften. An ihrem ersten internationalen Anlass, der EM 1996, holte sie gleich Gold. Als die Bernerin zehn war, schickte der Vater, selber ein Curlingspieler, die Tochter am Schulsportnachmittag in die Eishalle Bern, und seither ist sie vom Curlingvirus infiziert. Ab 13 nahm sie an Juniorenturnieren teil. Da wurde sie von Gleichaltrigen noch belächelt: «Oh, du schiebst Bettflaschen auf dem Eis herum.» In der Zwischenzeit hat sich diese Sportart verändert. Aus der Freizeitbeschäftigung für Altherren wurde eine Olympiadisziplin, und die Spieler begannen Kraft und Ausdauer zu trainieren. «Wir stehen pro Spiel rund drei Stunden auf dem Eis. Die Wischerinnen legen viele Kilometer zurück. Mit viel Krafteinsatz können sie den Stein beeinflussen», so Mirjam Ott. Noch immer fasziniert sie an dieser Sportart der Facettenreichtum. Präzision und taktisches Geschick sind gefragt. Als Schach auf Eis wird Curling oft bezeichnet, denn auch hier gilt es aus mehreren Möglichkeiten auszuwählen und vorauszudenken. Mirjam Ott spielt nicht Schach. «Ich habe es einmal probiert. Doch Schach ist mir zu wenig lebendig, es fehlt die Bewegung.»

Der Skip des Teams Davos ist ein Bewegungsmensch; länger als drei Tage an einem Strand zu faulenzen wäre ihr ein Graus. In ihrer Freizeit boxt sie, fährt Ski und Wasserski, erklimmt die höchsten Berge und hat vor kurzem mit Golf begonnen. Sie ist gern in der Natur. In einer anderen Disziplin Spitzensport zu betreiben kam für das Multitalent jedoch nie in Frage. «Aber natürlich gibt es finanziell lukrativere Sportarten», sagt sie ohne Bitterkeit. Mit dem Steineschieben ist ausser Meriten nicht viel zu holen. Die Beiträge einiger weniger Sponsoren, von Swiss Olympics und Swiss Curling reichen gerade, um die Kosten für die Wettkämpfe und die Spesen zu finanzieren. Das liegt daran, dass Curling wenig Medienpräsenz hat und als Teamsportart für Sponsoren zu wenig attraktiv ist. «Ich bin zwar bekannt, aber längst nicht so wie der Motorradrennfahrer Tom Lüthi.» Um die Fixkosten zu senken, teilt sie nun ihre Wohnung in Zürich mit einer Mitbewohnerin. Im Olympiawinter hat sie, so wie ihre drei Teamkolleginnen, ihr Arbeitspensum auf null reduziert, damit sie sich ganz dem Curling widmen kann. Mirjam Ott hat Wirtschaft studiert und arbeitet in einem Kleinunternehmen im Finanzbereich. Zugunsten des Sportes hat sie auf eine Berufskarriere verzichtet. Als Teilzeitangestellte springt sie dort ein, wo Not am Mann ist. Fasst sie eine Berufsposition auf Skip-Niveau für die Zeit nach dem Spitzensport ins Auge? Daran mag Mirjam Ott nicht denken. Rücktritt nach Olympia ja oder nein, solche Fragen stellt sie sich im Moment nicht. Ihr Kopf ist nur auf die Spiele eingestellt.

Ihr Freund ist derweil auf Weltreise gegangen. Er sehe sie ja ohnehin nie in diesem Winter. Wenn Mirjam Ott in Vancouver spielt, wird er dort einen Zwischenhalt einlegen. Ob sie danach mit ihm ein paar Wochen um den Erdball ziehen wird: Auch darauf legt sie sich nicht fest. Jetzt zählt nur Olympia und sonst gar nichts.

 

 

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 10/06 der Schweizer Familie publiziert.

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