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Land der rauen Winde

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Patagonien für Reiter, Wanderer und Tierbeobachter

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Land der rauen Winde, Endlose Weiten, bizarre Gletscher, Gaucho-Mythos und viel Herzlichkeit: Patagonien, das Land am Ende der Welt. Erliegen Sie auf der Leserreise der «Schweizer Familie» dem grandiosen Charme des Südzipfels Südamerikas.

von Heinz Storrer

PAMPA-BLUES

Der Wind weht immer in Patagonien. Wohin man sich wendet, der Wind ist schon da. Er zerrt an den Kleidern, trocknet die Haut aus und reisst die Lippen auf. Peitscht den Staub über die Pampa und presst das Gras zu Boden. Wirft sich wütend gegen alles, was sich ihm entgegenstellt. Manchmal aber streicht er auch sanft über das weite Land, zärtlich fast, und dann wird die Steppe zu einem Ozean, der in weichen Wellen zum Horizont hinwogt. Patagonien ist das Land des Windes, hier ist er zu Hause. Und als ich auf der kilometerlangen Rumpelpiste zur Estanzia Rupai Pacha fuhr, hiess er mich mit ungestümen Böen willkommen.

Bizarre Welt in Blau: Die Natur formt die Eisberge des Upsala-Gletschers zum Kunstwerk.
Bizarre Welt in Blau: Die Natur formt die Eisberge des Upsala-Gletschers zum Kunstwerk.
Foto: Heinz Storrer

«Er kann einem schon zu schaffen ma-chen, dieser Wind», sagte Marta Sturzenbaum, die Hausherrin der riesigen Farm, «man gewöhnt sich nie an ihn.» Aber heute sei er friedlich, meinte sie, gestern wäre er noch mit weit über 140 Stundenkilometern übers Land gestürmt - «an solchen Tagen kann man nur noch in Deckung gehen».

Abends, als in der gemütlichen Wohn-küche Arbeitern und Gästen Gemüse-suppe und Gebratenes aufgetischt wurden, hatte er sich gelegt und strich bloss noch unaufgeregt durch die Hecken vor dem Haus. Es sah aus, als würden sie darob wohlig erschauern.

Doch auf der zwischen Calafate und Rio Gallego liegenden Schaffarm findet nicht nur der Wind Auslauf. Auf den mehr als 27 000 Hektaren des sich von den An-denausläufern im Norden bis zur Erd-krümmung im Süden erstreckenden Be-sitzes der Familie Sturzenbaum verlieren sich 10 000 Schafe, auf den Weiden nahe der Häuser weiden Pferde und Lamas, und in den umliegenden Tümpeln und Weiher suchen Flamingos und Graugän-se nach Fressbarem. Eine Idylle. Fast. Idyllen sind auch in den endlosen Weiten am Ende der Welt selten geworden. Neuzeit und Globalisierung haben ihre Spuren hinterlassen. Verlassene und verlotterte Höfe beispielsweise, verfallene Scheunen und eingestürzte Lagerhäuser. Sie stehen in der Steppe wie langsam verhallende Geschichten und raunen vom Einbruch der Wollpreise. Vom Vulkan Hudson, der 1991 Millionen von Tonnen Asche in die Luft spie. Und vom Wind, der die Asche über die gesamte Provinz verteilte. Wasserlöcher wurden verstopft, Weidegründe eingeäschert, die Zähne der Schafe zu Stümpfen geschmirgelt. Santa Cruz versank damals im Pampa-Blues.

Von den mehr als 1000 Estanzias des Departementes sollen heute nur noch 600 existieren. Wie Rupai Pacha. Denn die Sturzenbaums gaben nicht auf, sie setzten auf Qualität, liefern heute erstklassige Wolle für Designerkleider und offerieren Ferien auf dem Land - für Familien, Reiter, Wanderer. Das tun zunehmend auch andere Grossfarmen. Und viele in touristisch besonders interessanten Gebieten gelegene haben gar ganz auf Tourismus umgestellt (siehe Box Seite 57).

GAUCHO-BALLADE

Über dem Niemandsland zwischen Argentinien und Chile ziehen graue Wolken auf. Erste Tropfen klatschen auf die Schotterstrasse. Es riecht nach Staub und Regen.

Seit einigen Minuten liegt die argentinische Grenze hinter mir, bald dürfte der chilenische Grenzposten auftauchen. Dann wird wieder Geduld gefragt sein. Das Einreiseprozedere für Chile geht so zähflüssig vonstatten wie das Ausreisekabarett für Argentinien. Wegen des Miet-Opels. Der wird allerdings kaum beachtet, ebenso wenig wie das Gepäck, wichtig sind bloss die Papiere. Sie werden studiert, geprüft, herumgereicht, abgeschrieben, gestempelt, zurückgegeben und kommentiert. Auf Spanisch. Ausschliesslich. Aber man braucht es nicht zu verstehen, ein scheues Lächeln genügt. Immer nur lächeln, nett bleiben, eventuell eine Prise Unterwürfigkeit zeigen, dann ist man, je nach Andrang, in einer knappen Stunde durch.

Noch ist der Grenzposten nicht in Sicht. Dafür taucht aus dem Nichts ein Reiter auf, gefolgt von einer Hundemeute. Ein Gaucho auf der Flucht vor dem drohenden Unwetter. Tief im Sattel sitzend, die Mütze in die Stirn gedrückt und mit nach vorn geneigtem Oberkörper hält er sein Pferd in scharfem Galopp auf die chilenische Grenze zu, die struppigen Hunde hechelnd hinterher.

Macht hoch zu Ross eine gute Figur: Ein Gaucho führt die Hotelgäste durch den Torres-del-Paine-Nationalpark.
Macht hoch zu Ross eine gute Figur: Ein Gaucho führt die Hotelgäste durch den Torres-del-Paine-Nationalpark.
Foto: Heinz Storrer

Eine Szene wie aus einem Pampa-Western. Man sieht sie oft in Patagonien. Vielleicht, weil am Ende der Welt die Fiktion nicht mehr so scharf von der Wirklichkeit zu trennen ist. Oder weil Patagonien seit je mehr Idee denn Landschaft ist, ein Mythos, den jeder für sich selbst erfindet. Wie der Gaucho. Auch der ist mehr romantischer Mythos denn Mensch. Frei und ungebunden reitet er durch die weite Steppe und geistert als geheimnisvoller Outlaw und Messerheld durch Balladen und Erzählungen. Der Gaucho ist der Mensch gewordene Traum von Freiheit, eine melancholische Hymne an Mut und Tapferkeit und die verzweifelte Hoffnung, dass ewig gelten mag, was einmal war. Der Gaucho ist der Geist der Pionierzeit Patagoniens.

Es regnet. In der Ferne sind einige Ge-bäude auszumachen - Grenzposten, Re-staurant, Souvenirshop. Ein kleiner La-den. Nichts weiter als einige bunte, von Wind und Wetter gezeichnete Holzhüt-ten, aber in der Weite der Pampa so ver-heissungsvoll wie eine weisse Stadt auf einer Palmeninsel im Ozean.

Ich drücke aufs Gaspedal, wirble wacker Dreck auf und winke beim Vorbeifahren dem Gaucho entschuldigend zu. Ross, Reiter und die Hundemeute bleiben zurück im Regen zwischen Argentinien und Chile. Vor mir liegen der blaue Himmel und der Torres-del-Paine-Nationalpark. Und drei Stunden Fahrt über staubige Strassen.

Aber was für eine Fahrt! Stets die ver-schneiten Gipfel des Paine-Massivs vor Augen, geht es vorbei an smaragdblauen Seen und friedlich grasenden Guanako-Herden, dann weiter über die schmale Brücke des Rio Paine und hinauf zum Hotel Las Torres am Fuss der imposanten Granittürme von Paine.

Puerto Natales, bunt und etwas schrill, ist ein Städtchen mit Pionierflair für Hippies und junge Trekker.
Puerto Natales, bunt und etwas schrill, ist ein Städtchen mit Pionierflair für Hippies und junge Trekker.
Foto: Heinz Storrer

WASSERMUSIK

Es war ein gemütlicher Abend. Das Gespräch mit Mauricio Kusanovic, dem rührigen Sales-Manager des Hotels Las Torres und Spross der Besitzerfamilie, war interessant, das Steak zart und der Wein schwer. Auf das Dessert verzichtete ich. Weil Kusanovic an meinen Tisch kam. Aufgeregt. Und mit schlechten Nachrichten. Der Rio Paine würde in Kürze über die Ufer treten, sagte er, zu viel Schmelzwasser, zu viel Regen, spätestens in zwei Stunden würde die Brücke überflutet sein. Falls ich nicht für die nächsten Tage hier oben festsitzen wolle, täte ich gut daran, das Auto sofort über den Fluss zu setzen.

Das war nicht gerade der optimale Nachtisch nach einem üppigen Essen und einer Flasche Wein. Also raus in die Nacht, runter zum Fluss, siebeneinhalb Kilometer Rumpelpiste und eine Sicht wie im dunkelsten Tunnel. Vor mir ein Kleinwagen mit einem englischen Paar, hinter mir ein Geländewagen mit einem deutsch-stämmigen Argentinier, dahinter weitere schwere Autos.

Plötzlich gehts nicht mehr weiter. Die Strasse ist weg und das Wasser schon da. Die Brücke steht noch. Trotzdem: heikel. Keine Ahnung, wie hoch das Wasser steht. Der Engländer will es nicht herausfinden. Ich auch nicht. Der Deutsche hinter uns schon: «Dat geht schon!», meint er und setzt seinen Landrover in Bewegung. Ein Jeep und ein Pick-up folgen. Wasser spritzt auf, und der Engländer vor mir gibt Gas. Ich auch. Ab die Post! Nur den Motor nicht abwürgen! Immer auf dem Gas bleiben! Jede noch trockene Stelle nutzen! Aber wo zum Teufel geht es denn nun lang?!! Bin ich noch auf der Strasse oder schon im Fluss? Nicht denken, einfach weiter, immer weiter. Die Brücke. Hinauf. Durchatmen. Und weiter! Noch ein Tümpel. Hoppla! Schwimmt der Wagen bereits? Egal, auf dem Gaspedal bleiben. Dann, endlich, fester Boden. Die Strasse zu den Häusern der Parkbehörde. Geschafft!

Zurück gings im hochbeinigen Viehtransporter. Der schaffte die Flussstrasse noch spielend. Auch am folgenden Tag noch. Am Tag darauf allerdings nahm ein Schlauchboot den Fährbetrieb auf. Was zwar funktionierte, jedoch auf beiden Seiten der langsam wieder auftauchenden Brücke zu einem mittleren Chaos führte.

Wann die Brücke wieder passierbar wurde, weiss ich nicht. Denn spätestens als ich dem Perito-Moreno-Gletscher beim Kalben zusah und auf dem Lago Argentino zwischen den bizarr geformten, tiefblauen Eisbergen des Upsala-Gletschers kreuzte, war die Wassermusik des Rio Paine verklungen. Im Los-Glaciares-Nationalpark bei El Calafate bittet das Eis zum Konzert. Und das duldet keine Zwischentöne.

LIED DER FREUDE

Bloss noch einige Kilometer Staubpiste, dann wird Roby seinen Van vor Jorge Schmids Restaurant in Puerto Pirámides parkieren. Doch erst deutet er zum Fenster hinaus. «Schau mal», sagt er, «Nandus.» Ein ganzer Clan dieser Straussenvögel stakst die Piste entlang, doch als die Tiere den Wagen bemerken, nehmen sie Tempo auf, sprinten hinaus in die Steppe und werden eins mit dem Buschland. Roby grinst. «Das sind die einzig sich bewegenden Büsche Patagoniens», sagt er.

Roby ist nicht nur ein kundiger Führer, der Argentinier mit deutscher Mutter scheint auch alle und jeden auf der Halb-insel Valdés zu kennen. Etwa Jorge Schmid. Der aus Schaffhausen stam-mende Schmid besitzt das einzige Re-staurant von Puerto Pirámides und führt von Oktober bis April Touristen auf Wal- und Seelöwen-Safaris. Dann nämlich geht es rund: Glattwale stellen sich zum Paarungstanz ein, Seelöwen fechten ihre Rivalenkämpfe, und Orcas werfen sich auf jedes Robbenjunge, das zu nahe ans Wasser kommt. In Puerto Pirámides wird alljährlich das Spiel vom Leben und Sterben aufgeführt.

Als Schmids «Neptuno» an jenem son-nigen Januartag vor der Seelöwenkolonie aufkreuzte, wurde gerade der Akt «Leben» gegeben. Ein Bild des Friedens, auch wenn einige der bis 300 Kilogramm schweren Bullen mit blutigen Schnauzen zum Himmel brüllten. Junge wurden geboren, Möwen balgten sich um die Plazenten, und die Seelöwen brüllten und grochsten, dass es durch Mark und Bein fuhr. Es muss ein Lied der Freude gewesen sein, auch wenn das Gebrüll eher nach wütender Verzweiflung klang.

Nachdem sie die Wolle auf den Lastwagen verladen haben, machen sich die Arbeiter von Rupai Pacha auf den Weg zurück zum Hof.
Nachdem sie die Wolle auf den Lastwagen verladen haben, machen sich die Arbeiter von Rupai Pacha auf den Weg zurück zum Hof.
Foto: Heinz Storrer

Weit weniger aufgeregt geht es einige Kilometer nördlich zu und her. Dort, unter den Klippen des Leuchtturms, liegen See-Elefanten in der Sonne und vermeiden alles, was Energie kosten könnte. An der Nordspitze der Halbinsel hingegen, an der Küste der Estanzia San Lorenzo, ist wieder mehr los. Hier steht hinter jedem Busch ein kleiner Wicht, der einen so unverschämt mustert, dass man beinahe versucht ist, ihn nach der Weggebühr zu fragen. Doch nähert man sich, watschelt er gemächlich davon. Es sind Magellan-Pinguine, die einzigen Pinguine, die sich in der Hitze wohlfühlen und unter Büschen und in Erdlöchern nisten. Und es ist ein Bild für Götter, wie sie wie stolze Einfamilienhaus-Besitzer vor ihren Nistplätzen stehen, etwas herumlästern oder still vor sich hin stinken. Mögen uns andernorts die Wale und Robben mit dem Drama vom Leben und Sterben erschüttern, so geben die Pinguine eine menschliche Komödie zum Besten, die berührt und erheitert. Vielleicht, weil wir dabei über uns selbst schmunzeln können.

 

 

Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 09/32 der Schweizer Familie publiziert.

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