Laos
Mutter aller Wasser
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Mekong-Flusskreuzfahrt – von Nordthailand nach Laos
Die Flusskreuzfahrt der „Schweizer Familie“ führt Sie auf dem stilvollen Boutique-Schiff Mekong Sun...Artikel lesen
Auf den Wassern des Mekong durch Laos: Kommen Sie mit auf unsere Leserreise. Entdecken Sie das Land der Mönche, wo die Moderne noch nicht gesiegt hat und Tradition mehr ist als ein Schauspiel für Touristen.
von Christina Völkin
Er ist unberechenbar. Heimtückisch und gefährlich. Seine Strudel sind riesige schluckende Mäuler. Bei starkem Regen steigt er in wenigen Minuten um mehrere Meter an. Lässt Sandbänke von einem Augenblick zum nächsten verschwinden und tonnenschwere Baumstämme pfeilschnell stromabwärts schiessen. Der Mekong. Mit einer Länge von über 4500 Kilometer ist er ein Gigant unter den Flüssen dieser Erde. Im Moment aber döst er friedlich in der Morgensonne, als hätte er sich heute freigenommen.

Foto: Philipp Rohner
Kein Kräuseln, kein Wirbeln, keine Stromschnellen weit und breit. Träge schiebt sich das gelbbraune Wasser an unserem Schiff vorbei wie schmelzendes Caramel. Wir sitzen an Deck der «Mekong Sun» und trinken Jasmintee. Der zweistöckige Katamaran ist im Kolonialstil gebaut, aus robustem Teakholz und feinstem, von vorne bis hinten auf Hochglanz poliertem Mahagoni. Orchideen, Bougainvillea und Frangipani verbreiten eine zusätzliche Exotik an Bord. Hier lässt es sich für einige Tage fürstlich leben und dabei Laos in aller Ruhe entdecken.
Die Reise führt vom goldenen Dreieck im Nordwesten 820 Kilometer in den Süden bis zur Hauptstadt Vientiane. Leise tuckert das Schiff durch den Urwaldkorridor. Auf beiden Seiten des Ufers präsentiert sich ein grünes Meer von tropischen Bäumen: Palisander, Entenfuss, Sandelholz, Kapo, Maulbeer und viel Bambus. Die Hälfte des Landes ist mit Regenwald bedeckt. Davon wurden in den letzten 60 Jahren 30 Prozent abgeholzt und als Sekundärwälder zum Teil wieder aufgeforstet. An Nebenflüssen, inmitten des Dschungels, durch den noch Leoparden und Tiger streifen, liegen Dörfer versteckt. Sie sind nur mit kleinen Booten erreichbar. Die meisten der knapp sieben Millionen Laoten leben von der Landwirtschaft, auch in diesen Dörfern. Man baut Reis, Gemüse und Baumwolle an. Die Frauen weben bunte Stoffe. Die Häuser sind auf Stelzen gebaut, oft ohne Strom und ohne fliessendes Wasser.

Foto: Philipp Rohner
Dornröschen im Dschungel
«Sabai Dii» - «Guten Tag», begrüsst uns der Dorfchef von Ban Hoay Khalam mit einem Lächeln. Eine Schar Kinder tobt am Flussufer umher. Hühner gackern, und Schweine suhlen sich im Schlamm. Die Frauen tragen lange Wickelröcke, ihr pechschwarzes Haar zu Zöpfen geflochten. Ein paar Männer flicken Fischernetze und rauchen selbst gedrehte Zigaretten. Der Dorfchef führt uns zur Schule, die aus einem einzigen grossen Zimmer besteht. Sie existiert nur dank Spenden. «Weit über 30 Prozent der Laoten sind Analphabeten», sagt Mister Oth. Er ist unser Bordmanager und Reiseführer und spricht fliessend Deutsch, seit er in der früheren DDR studiert hat.
Mit der Machtübernahme 1975 durch die kommunistisch inspirierte Pathet-Lao-Partei verschwand das Land hinter dem Bambusvorhang - der fernöstlichen Variante des Eisernen Vorhangs - bis Anfang der Neunzigerjahre. Zwar herrscht noch immer ein sozialistisches Einparteiensystem, aber vor ein paar Jahren hat sich Laos ausländischen Investoren geöffnet, auch wenn seine Banken kaum international verflochten sind. Im Vergleich zu seinen Nachbarn verharrt Laos immer noch im Dornröschenschlaf. Die Chinesen im Norden bauen Staumauern in ihren Abschnitt des Mekong und möchten, dass Laos dasselbe tut, um den Fluss besser schiffbar zu machen. Die Vietnamesen im Osten drängen auf ein länderübergreifendes Strassennetz. Und die Thais im Westen dominieren mit ihren Waren die Märkte und mit ihren Soaps die TV-Kanäle.

Foto: Philipp Rohner
Wir sitzen an Deck und trinken ein Glas gekühlten Chardonnay. Der Fahrtwind vertreibt die feuchte Hitze des Tages. Wasserbüffel grasen am Ufer, ein Elefant bricht ein paar Äste voller saftiger Blätter ab. «Land der Millionen Elefanten» - Lane Xang, hiess Laos früher. Heute gibt es vielleicht noch 2000 Dickhäuter hier. Langsam verglüht die Sonne am Horizont.
Wie jeden Abend legt die «Mekong Sun» an einer Sandbank an. Die beiden Matrosen rammen Eisenstangen in den Boden und zurren Taue daran fest, um das Schiff zu verankern. Kaum bricht die Dämmerung herein, erwacht der Dschungel. Grillen zirpen, und Zikaden singen, als lägen sie im Wettstreit miteinander. Ein Barbecue wird auf der Sandbank aufgetischt. Dazu ein guter Tropfen Rotwein. Die Männer der Crew spielen verträumte Melodien auf Bambusflöten, und ein paar befeuerte Papierballons steigen in den sternenübersäten Himmel. Eine märchenhafte Nacht hebt an.

Foto: Philipp Rohner
Geröstete Zikaden zum Frühstück
Die Schlafkabine liegt am Ende des Flurs, wo sich auch eine Türe für Landgänge befindet. Jemand muss sie vergessen haben zu schliessen. Dutzende von Zikaden, vom Licht angezogen, schwirren verstört herein. Sie quietschen, gellen und wirken geradezu bedrohlich. Doch Hilfe naht in Gestalt von Mister Dee, unserem Koch. Geschickt fängt er die Viecher ein, steckt sie in eine leere Flasche und verkündet lächelnd: «Zum Frühstück schmecken sie am besten.»
Am nächsten Morgen liegen ein paar frittierte Zikaden vor mir auf dem Teller. Die Beine sind zusammengezogen. Der Panzer schimmert goldbraun. Die schwarzen Augen stehen wie Stecknadelköpfe hervor und schauen mich vorwurfsvoll an. Kalt läuft es mir den Rücken hinunter, doch tapfer stecke ich mir eine in den Mund. Es knackt zwischen den Zähnen, dann entfaltet sich das Aroma. Die Zikade schmeckt nach frisch gerösteten Erdnüssen. Sie ist von zarter Konsistenz - wäre da nur nicht dieser Panzer, der sich zwischen meine Zähne schiebt, oder ist es doch ein Bein?
Auf dem Markt in Pak Beng wird noch ganz anderes geboten: Schlangen, Kröten, Käferlarven, Entenfüsse. Und was ist das? Eine Art Schildkröte mit gepanzertem Schwanz. Niemand von uns hat je etwas dergleichen gesehen, nicht mal Mister Oth. Der Händler bemerkt unsere Neugierde, es wird ihm unangenehm, und er verschwindet mit dem «prähistorischen» Tier. Laut «WWF Report» wurden in den letzten Jahren Hunderte von neuen Tier- und Pflanzenarten entdeckt. Darunter ein Frosch mit Fangzähnen, der Vögel frisst, oder die laotische Felsratte, die angeblich vor 11 Millionen Jahren ausgestorben sein soll.
Wir sitzen an Deck und essen ein raffiniert gewürztes Curry mit Reis. Gut 400 Kilometer haben wir mit dem Schiff zurückgelegt, und schon bald werden die goldenen Tempeldächer der alten Königsstadt Luang Prabang zu sehen sein. Wir halten noch kurz und schauen uns die Pak-Ou-Höhlen an, die im Sandsteingebirge direkt am Mekong gelegen sind. Seit dem 16. Jahrhundert brachten Könige, Adlige und einfaches Volk bei ihren Wallfahrten Buddhafiguren hierher. Die einen klein wie ein Finger, andere gross wie Puppen, aus Bronze, Ton und Sandelholz. Und strahlt das Sonnenlicht in die Höhle, verleiht es den Tausenden von Buddhas eine mystische Anmut aus längst vergangener Zeit.
Unzerstörbare Tradition
Die Höhlen wurden aber auch für sehr irdische Zwecke gebraucht. Vielen Laoten boten sie Zuflucht im Krieg. Zwischen 1964 und 1973 warfen die Amerikaner zwei Millionen Tonnen Bomben auf das Land - mehr als die alliierten Luftflotten im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland. Heute dienen alte Granatenhülsen mancherorts als Blumenkisten und Schirmständer oder sogar als Stützpfeiler für Gebäude. Die abgelegenen Gebiete im Osten des Landes sind heute noch übersät mit Blindgängern. Unicef und die «Schweizer Familie» haben letztes Jahr mit der Aktion «Sternenwoche» eine halbe Million Franken für die Entschärfung der tödlichen Gefahr gesammelt.
Vor uns liegt Luang Prabang, Ort der Mystik, Stadt der Mönche. «Wäre nicht die sengende tropische Sonne, dann wäre dies ein kleines Paradies», schrieb 1861 der französische Naturforscher Henri Mouhot in sein Tagebuch, der wohl als erster Europäer Luang Prabang erreichte. Kurz darauf notierte er: «Ich habe Fieber.» Zehn Tage später schrieb er ein letztes Mal mit zitternder Hand: «Mein Gott, hab Erbarmen mit mir ?» Er starb am 10. November 1861 mit 35 Jahren, wahrscheinlich an Malaria. Ein steinerner Grabhügel in der Nähe der Stadt erinnert heute noch an ihn. Vom 328 Stufen hohen Berg Phu Si aus hat man einen fantastischen Blick über die 50 000-Einwohner-Stadt Luang Prabang. Golden glänzen die geschwungenen Spitzen der tief nach unten gezogenen Tempeldächer. Französische Kolonialbauten sind von tropischen Gärten umschlungen, und im Hintergrund thront der Königspalast mit seiner Allee aus Zuckerpalmen. Die Stadt steht unter Denkmalschutz und gehört seit 1995 zum Unesco-Weltkulturerbe.
Aber die Moderne hält auch in Luang Prabang Einzug. Der Flughafen wird ausgebaut, das Strassennetz erweitert, und ein Golfplatz ist geplant. Feine Hotels, schicke Restaurants und Boutiquen säumen die belebten Strassen. Und ganz nah ertönt der Gong der Klosters Wat Xieng Thong, des ältesten und schönsten Tempels der Stadt. Jeden Morgen um sechs ziehen die Mönche in orangefarbenen Gewänder durch die Strassen. In ihren Händen halten sie die Essschalen, die von den Bewohnern mit Reis, Gemüse und Früchten gefüllt werden. Der Dank für jede Gabe geht direkt auf das Karma-Konto des Spenders.
Wir sitzen an Deck und trinken Kaffee. Das Wasser kraust sich stark an der Oberfläche. Riesige Wirbel drehen sich, vor uns liegen gewaltige Stromschnellen, die es zu umschiffen gilt. In kurzen Hosen stehen Kapitän Kampfhet und sein Navigator hinter dem Steuer und besprechen sich. Keine Karte, kein Instrument, das sie zur Hilfe nehmen, um die Untiefen auszumachen. Mit viel Erfahrung und Feingefühl lotsen die beiden das Schiff durch die Gefahrenzone. Plötzlich kurbelt der drahtige Mann das Steuerrad rasant nach links, dann nach rechts, im Zickzackkurs fahren wir an den Wellenbergen vorbei, die sich vor Basaltblöcken auftürmen. «Zehn Jahre braucht es, bis ein Schiffer diese Strecke befahren kann», übersetzt uns Mister Oth die Worte des Kapitäns.
Das Wissen wird von einer zur nächsten Generation weitergegeben. Ebenso die Legende vom Monster, das sich unter Wasser hält: die Ngouk, die Wasserschlange, die sich dann und wann ein Opfer holt. Als einziges Binnenland in Südostasien ist für Laos der Mekong heilige Lebensader. «Die Mutter aller Wasser», wie sie ihn liebevoll nennen, gehört zu den artenreichsten Flüssen der Welt.
Und trotz der Armut, der Kriege und des Drucks seiner Nachbarn haben die Laoten ihren alten Lebensrhythmus nicht verloren. Sie strahlen ruhige Heiterkeit aus. «Noch braucht man Laos nur zu betreten, um zu spüren, dass etwas Einzigartiges und Poetisches in der Luft liegt», schreibt 1994 der Schriftsteller und Asienkorrespondent des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel», Tiziano Terzani, in seinem Buch «Fliegen ohne Flügel». Das hat sich bis heute zu einem grossen Teil bewahrt. Wir sitzen an Deck, trinken unser letztes Glas gekühlten Chardonnay und schauen dem vergoldeten Mekong zu, wie er unermüdlich seine Schlaufen zieht.
Dieser Artikel wurde in der Ausgabe 10/02 der Schweizer Familie publiziert.
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