Wer den Stammbaum seiner Familie 500 Jahre zurückverfolgen kann, kann sich schon glücklich schätzen. Verglichen mit dem Ginkgobaum ist das jedoch ein Klacks. Dessen Familiengeschichte reicht 250 Millionen Jahre zurück. In eine Zeit, in der es weder Vögel noch Dinosaurier, geschweige denn Menschen gab.
Bis vor gar nicht so langer Zeit nahm man an, der Ginkgo (Ginkgo biloba) sei eine fremdländische Pflanze mit Wurzeln in China und Japan. Erst im 20. Jahrhundert zog die Fachwelt in Betracht, dass er vor rund 250 Millionen Jahren auf der ganzen Erde gewachsen sein könnte. Gesichert durch fossile Blattfunde ist jedenfalls, dass es auf der Nordhalbkugel wie auf der Südhemisphäre vor 150 Millionen Jahren etliche Gattungen und Arten von Ginkgogewächsen gab; sie gehörten zur Gehölzflora Europas, wo sie in Laubmischwäldern wuchsen. Somit ist der Ginkgo ein einheimisches Gewächs. Sozusagen ein heimgekehrter Auswanderer.
Warum aber diese Wanderung? In den Eiszeiten starben viele an wärmere Temperaturen angepasste Pflanzen Mitteleuropas aus. Einige aber, wie der Ginkgo – und übrigens auch die Magnolie – zogen sich nach Ostasien zurück. Der Ginkgo wäre wohl für immer verschwunden, hätte er nicht in einem kleinen Gebiet im Südosten Chinas überlebt. Dort und später in Japan spielte er eine wichtige Rolle als Tempelbaum, galt als heilig und war Symbol für Energie und Lebenskraft. Erst 1750 kam er durch den deutschen Arzt Engelbrecht Kaempfer aus Japan über Holland zurück nach Europa. Noch heute steht im Garten der niederländischen Universität Utrecht ein damals gepflanztes 260 Jahre altes Exemplar.
Um 1815 verliebte sich Goethe in den Wunderbaum, pflanzte ihn in Weimars Gärten und verfasste sein berühmtes Ginkgogedicht: «Dieses Baums berühmte
Blatt, der von Osten/Meinem Garten anvertraut/Gibt geheimen Sinn zu kosten/Wie’s den Wissenden erbaut.»
Baum des Jahres
Was den «Wissenden erbaut»: Der Ginkgo, auch lebendes Fossil genannt, gilt als Wunderbaum, nicht bloss, weil er seit Millionen Jahren unsere Erde besiedelt; ein einzelnes Exemplar kann 1000 Jahre und älter werden und eine Höhe bis zu 50 Meter erreichen. Auch sonst ist dieser sommergrüne Baum ein Phänomen. Ein alter Riese kann Feuer überstehen wie der «Atombomben-Ginkgo» von Hiroshima, der nach der Atombombenexplosion 1945 in Flammen aufging, im selben Jahr aber wieder austrieb und weiterlebte. Dazu kommen seine Anspruchslosigkeit und Resistenz gegen Krankheiten und Schädlinge, Autoabgase und Streusalze. Deshalb wird der Ginkgo inzwischen weltweit als Stadt- und Alleebaum gepflanzt. Und deshalb erklärte das deutsche «Kuratorium Baum des Jahres» den Ginkgo biloba zum Baum des 21. Jahrtausends, als Mahnmal für Umweltschutz und Frieden.
Weitere Sonderheiten sind ihm eigen: Der Ginkgo ist mit keiner heute noch lebenden Pflanze verwandt. Er gehört weder zu den Nadel- noch zu den Laubbäumen, sondern bildet eine eigene Gruppe. Obwohl er einem Laubbaum gleicht, gehört er entwicklungsgeschichtlich zu den Nadelgehölzen und ist mit ihnen näher verwandt als mit Laubgehölzen. Ginkgobäume sind zweihäusig; um Früchte zu bilden, braucht es mindestens eine weibliche und eine männliche Pflanze. Männliche Blütenkätzchen erscheinen erst nach etwa 20 Jahren im April / Mai, die weiblichen Blüten sind unscheinbar.
Die mirabellenähnlichen, gelben Früchte der weiblichen Exemplare riechen unangenehm nach Buttersäure, der Samenkern ist jedoch essbar und gilt in China als Delikatesse. Seine einzigartigen, deutlich geäderten, fächerförmigen Blätter, die sich im Herbst goldgelb färben, sind in der Mitte mehr oder weniger tief eingekerbt.
In China und Japan wird er seit Urzeiten kultiviert und für Heilzwecke eingesetzt, seit Ende des Zweiten Weltkriegs auch in Europa. Der Ginkgo gehört zu den besterforschten Heilpflanzen und soll gegen Durchblutungsstörungen, Konzentrationsschwäche, Schwindel, Tinnitus, Kopfschmerzen, Arteriosklerose, Schlafstörungen, Venenschwäche und Hämorrhoiden helfen.
Ginkgo oder Ginko
Warum aber schreibt sich der Wunderbaum so seltsam? Mit kgo? Das geht auf den Schreibfehler seines Neu-Entdeckers für Europa, des Arztes Kaempfer, zurück, der aus dem y des japanischen Ginkyos ein g machte. Diese Bezeichnung wurde vom Botaniker Carl von Linné übernommen und durch den Zusatz biloba erweitert, was auf die Zweilappigkeit des Blattes hinweist. Neuerdings darf man ihn laut Duden einfach Ginko schreiben. Ausserdem trägt er viele deutsche Namen: Tempelbaum, Fächerblattbaum, Goethebaum, Elefantenohrbaum, Entenfussbaum, Frauenhaarbaum, Goldfruchtbaum, Japanbaum, Silberaprikose, Tausend Taler.
Welchen Namen man ihm auch geben möge: Er ist wunderschön, und kein anderer Baum kennt eine so alte Geschichte. Man kann ihn sich auch in den Garten holen; inzwischen gibt es verschiedene Sorten, die relativ klein bleiben.
PFLEGETIPPS:
Der Ginkgo im Garten
- An den Boden stellt er keine besonderen Ansprüche. Er verträgt Halbschatten, sogar Schatten, bevorzugt aber einen sonnigen Standort. Er ist hitze- und krankheitsresistent und unempfindlich gegen Luftverschmutzung.
- Die weiblichen Exemplare riechen unangenehm. Daher empfiehlt es sich, männliche Ginkgos zu kaufen.
- Jungpflanzen giesst und düngt man ab und zu und schützt sie im Winter mit Fichten- oder Tannenreisig.
- Ginkgos wachsen langsam, etwa um 30 cm jährlich, besonders in den ersten 5 Jahren. Man braucht sie nicht zu schneiden, höchstens gelegentlich zum Verjüngen auszulichten.
- Erhältlich sind sie meist in Stammhöhen von 1,50 bis 2 Meter in Gärtnereien, Gartencentern und Baumschulen. Für kleine Gärten oder für Pflanzung im Kübel gibt es veredelte Kugel- oder Zwergginkgos, wie Ginkgo biloba «Mariken», 2,5 bis 3,5 Meter, oder Ginkgo biloba «Umbrella», 3 bis 4 Meter hoch werdend.



























