Man erkennt es in wenigen Minuten: Der Garten ist der einer Künstlerin, ist Gemälde und Musik in einem. Eine Harmonie in Dur und Moll. Je nach Tageszeit und Lichteinfall hell und klar oder dunkel und weich. Enge, schattige Weglein führen hinab in verträumte Nischen, besonnte Stufen durch Rosenbögen hinauf zum Licht. Und wie in einem komponierten Labyrinth öffnen sich immer neue Ausblicke.
Marlis Wechsler-Toscani bestätigt: «Ja, ich habe den Garten bewusst komponiert, inspiriert von Musik und Malerei. Trotzdem sollte er natürlich aussehen. Und ich habe darauf geachtet, dass man immer den Durchblick behält.» Hätten wir Menschen doch unsere Augen zum Schauen und sollten unsere Blicke in die Nähe, die Ferne und auch nach oben zum Himmel richten können. Ihr Garten in Luzern, an einem abschüssigen Hang gelegen, bot dazu reichliche Gestaltungsmöglichkeiten. Doch diese Möglichkeiten musste Marlis Wechsler-Toscani erst kennenlernen. Wohl hilft ihr Mann Othmar bei schwereren Arbeiten, doch den Garten aufgebaut und gestaltet hat seine Frau.
Der Garten macht glücklich
Die 76-Jährige führt durch die Rosenbögen – «die sind für mich ein Traum» – vorbei am Teich, an weissen Yuccablüten, an Königskerzen. Schlank und behände wie ein junges Mädchen und mit dem Temperament und der Spontanität ihres italienischen Vaters steigt sie hinab in Schattenreiche, hinauf auf Sonnenseiten und erklärt, der Garten mache sie glücklich, er sei wie Medizin.
Auch glaube sie, alle grossen Menschen seien sich des Wertes der Natur bewusst. Sie selbst aber habe diesen Wert erst entdeckt, als sie im Garten zu arbeiten begonnen habe. «Das war ein so schöner Prozess. Man wächst innerlich, wenn man sieht, wie sich die Natur entwickelt.»
Der «schöne Prozess» aber war anfänglich eine Plackerei. Die Vorgänger hatten das Grundstück, «einen Garten konnte man das nicht nennen», vor 37 Jahren tot und kahl hinterlassen. Alle Pflanzen bis auf wenige alte Sträucher hatten sie ausgerissen. «Da dachte ich», erinnert sich Marlis Wechsler-Toscani, «das kann ich niemals, das wird ein Krampf; ich traute es mir einfach nicht zu.»
Doch weil sie Blumen und alles Schöne liebt, bekam sie, obwohl in Gartenarbeit unerfahren, bald Freude am Gärtnern. «Mit den Jahren, mit der Zeit entwickelte sich meine Fantasie, das ist wieder so ein schöner Prozess.» Während des sukzessiven Aufbaus lernte sie die Vorlieben von Pflanzen kennen, ihre Bedürfnisse an Standort und Boden. «Denn ich muss alles selber ausprobieren und lasse mir höchst ungern Ratschläge erteilen.»
Gefürchtetes Unkraut
Abgesehen von seltenen Ausnahmen. Traurig hält sie vor einem Stück kahlen Boden inne. Hier stand, erzählt sie, eine ihr unbekannte weiss blühende Staude, ein Geschenk ihrer Tochter. Die Pflanze wuchs toll und immer toller und breitete sich bald überall aus.
Marlis Wechsler-Toscani musste einen Gärtner konsultieren, der den Wucherer als japanischen Staudenknöterich identifizierte. Er erklärte, dagegen müsse man sofort etwas unternehmen, er gehöre zu den invasiven Neophyten, stünde auf der schwarzen Liste der gebietsfremden Pflanzenarten und sei ein gefürchtetes Unkraut, das sich durch sein Rhizomgeflecht rasend schnell ausbreite.
Der Gärtner spritzte ein aggressives Unkrautvernichtungsmittel, das in die Wurzeln dringt. Dennoch, so Marlis Wechsler-Toscani, kämen immer wieder neue Triebe aus der Erde, die sie, meist erfolglos, tiefgründig auszugraben versuche. «Ich muss wohl», meint sie im Weitergehen, «mal den Stadtgärtner anfragen. Aber lassen wir das, wenden wir uns Schönerem zu.»
Der Gärtner als Dirigent
Das Schönere ist ein mediterran anmutendes Gartenstück mit Blick auf den Bürgenstock. Die Palme, vor 30 Jahren aus dem Tessin heimgebracht, gedeiht hier ebenso prächtig wie kleine Rosen und der Blutweiderich, der sich so weitflächig versamt hat wie die stolzen Malven.
«Was von der Natur kommt, lasse ich stehen. Denn die Natur geht dorthin, wo es ihr passt. Man darf nicht zu viel bäschele. Natürlichkeit ist am schönsten.» Und, fügt sie an, natürliche, altmodische Gärten, habe sie am liebsten, so moderne aus Steinen oder Holz, finde sie unnatürlich. «Ich war mal im Monet-Garten in Giverny bei Paris. Der ist so grossartig und hat mich sehr inspiriert.»
Inspiriert hat sie auch die Musik. Sie liebt Bach, Mozart, Brahms und Romantiker wie Schumann und Mendelssohn. Ausgebildet im Klavierspiel am Zürcher Konservatorium, gab sie Blockflötenunterricht an der Musikschule Luzern. Nach zehn Jahren meinte sie, das reiche. Sie wollte den Garten in Aquarellen auf Seide festhalten. Um die Technik zu lernen, besuchte sie mehrere Kurse in Seidenmalerei, malte 15 Jahre lang über 550 Seidenbilder und bestritt damit 10 Ausstellungen.
Heute hat sie die Seidenmalerei aufgegeben. Musik und Kunst jedoch gehören nach wie vor zu ihrem Leben, «ebenso wie der Garten, der mich immer inspiriert hat. Ist doch ein Gärtner wie ein Dirigent oder Regisseur, der fördert, was wachsen will.»
Marlis Wechsler-Toscani schaut auf die Uhr, zieht sich für den Fotografen noch schnell ein blaues Blumenkleid über und sagt: «Dann aber muss ich los. Ich fahre nach Zürich zur h-Moll-Messe von Bach in der Tonhalle.»
Marlis Wechsler-Toscanis Gartentipps
Viele Rosen ziehe ich selber aus Stecklingen. Ich schneide bei einem Rosenstock ein etwa 30 Zentimeter langes, starkes Ästchen ab, das mindestens zwei Augen hat. Die Blätter kann man dran lassen, aber die Blüte muss weg. Dann stecke ich den Zweig im Juli oder August ziemlich tief in die Erde. Ein Auge kann auch in die Erde kommen. Dann halte ich den Steckling immer schön feucht, und sie kommen alle.
Die Rosen dünge ich nur einmal im Jahr; im Frühling vor der Blüte mit Rosen-Langzeitdünger. Der hat eine sehr hohe und lang anhaltende Wirkung.
Was von alleine kommt, lasse ich erst mal wachsen. Wenn etwas kommt, gefällt der Pflanze der Platz.
Ich schneide nicht zu viel. Das mache ich im Herbst. Sonst schneide ich nur, wenn eine Pflanze eine andere zu verdrängen droht. Auch wenn etwas krumm kommt, schneide ich es ein wenig zurecht. Das Bild muss stimmen.
Wenn etwas partout nicht kommen will, versuche ich es nicht immer wieder. Mag ich die Pflanze noch so lieben. Dann passt ihr eben der Boden oder der Standort nicht, und ich probiere an dieser Stelle etwas anderes aus.
Den japanischen Staudenknöterich soll man sich auf keinen Fall in den Garten holen. Er ist ein gefürchtetes, wucherndes fremdländisches Unkraut, dessen man kaum mehr Herr wird. Auf keinen Fall darf man die vernichteten Pflanzen auf den Kompost geben oder in die Grüngutabfuhr. Sie gehören zur Verbrennung in die Kehrichtabfuhr.
Rosa Hortensien und kleine rosa Rosen harmonieren in Farbe und Form wunderschön. Doch im Garten geht das nicht, weil Rosen viel und Hortensien wenig Sonne brauchen. So mache ich eben damit schöne Sträusse.
































