Acht fette Schweine, vier fette Ochsen, zwölf fette Schafe, vierundzwanzig Tonnen Weizen, achtundvierzig Tonnen Roggen, zwei Fässer Wein, vier Fässer Bier, zweitausend Kilo Butter, fünfhundert Kilo Käse, ein Bett samt Matratze und Bezug, ein silberner Trinkbecher. So viel konnte eine einzige Tulpenzwiebel in den Niederlanden einst wert sein. Für eine besonders wertvolle war eine Summe hinzulegen, die eine mehrköpfige Familie ein halbes Leben versorgt hätte. Heute, 370 Jahre später, ist eine Packung mit zehn Tulpenzwiebeln zum Preis von einem Kilo Brot oder zwei Espressi zu haben.
So kniet sich der Hausgärtner im Herbst nieder, setzt die Zwiebeln zu Dutzenden in die Erde und trällert bei der Mühsal vielleicht den Schlager «Tulpen aus Amsterdam». Doch die Tulpe stammt nicht aus Amsterdam. Sie stammt aus Tausendundeiner Nacht, aus den Hochebenen Zentralasiens. Die Perser hielten Tulpen bereits vor 1000 Jahren in ihren Gärten, im 15. Jahrhundert übernahmen die Türken die Kultivierung.
Ihre weltweite Erfolgsgeschichte aber begann 1593, als die Niederländer Tulpenzwiebeln aus Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, importierten und mit der Zucht neuer Sorten begannen. Da die Zwiebeln nur in geringen Mengen und zu hohen Preisen erhältlich waren, wurde das Liliengewächs Status- und Machtsymbol an europäischen Höfen. Der kleine Mann konnte sich die Kostbarkeiten nicht leisten. Um trotzdem in den Besitz von Tulpen zu kommen, liess er sich diese von Künstlern malen; das konnte er bezahlen.
Mit dem Aufkommen immer neuer Sorten in spektakulären Farben und Formen brach um 1630 das legendäre Tulpenfieber aus, Tulpenzwiebeln wurden zum Spekulationsobjekt, die Preise stiegen ins Unermessliche. Anfang 1637 kam es zum Tulpencrash, zur ersten dokumentierten Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte. Der Wert der Zwiebeln sank um mehr als 95 Prozent, der gesamte Tulpenmarkt der Niederlande brach ein. Die Folgen: Pleiten und Bankrotte, die Spekulanten verloren Haus und Hof.

Auch der Name «Tulpe» hat seine Geschichte. In Konstantinopel in vielen Varietäten gezüchtet, wurde sie ihrer turbanartigen Form wegen «tülbent», Turbanblume, genannt. Die Italiener bezeichnen einen Turban als «tulipano», und wir machten aus dem «Tulipan» die Tulpe.
Die Züchtungen finden kein Ende. Manche verschwinden von den Listen, neue kommen hinzu. Man kennt über 4000 registrierte Sorten, im Handel erhältlich sind immerhin um die 100. Riesen von 70 Zentimetern und Zwerge von 10 Zentimetern. In allen Farben und Formen. Einfach. Gefüllt. Mehrblütig. Mehrfarbig.
Gezackt. Gefranst. Alle stammen sie von wenigen Arten ab, deren Ursprung heute kaum mehr bekannt ist. Ihre Sortennamen dokumentieren ein Stück Kulturgeschichte. Hiessen sie einst «Semper Augustus» oder «Duc van Tol», nennen sie sich heute «Laptop» oder «Hot Shot».
Vielfältige Frühlingsblume
80 Prozent des Tulpenanbaus liegen in den Niederlanden. Bruno Jenny, Gärtnermeister und Inhaber des Luzerner Gartens in Ebikon, erklärt, warum. «Der Boden in Holland ist sandig lehmig und sehr wasserdurchlässig. Unser Boden ist ein eher schwerer Tonboden, in dem die Zwiebeln schlecht reifen.» Was auch der Grund sei, weshalb Tulpenzwiebeln, die den Winter über im Boden bleiben, nach einigen Jahren nicht mehr zur Blüte kommen.
Tulpen können über Samen vermehrt werden, was aber bis zur blühfähigen Pflanze sieben bis zehn Jahre dauert. Die Vermehrung durch Zwiebeln geht schneller. Die Tulpenzwiebel enthält, wie die Küchenzwiebel, alle Pflanzenteile wie Blätter, Stängel, Knospen, Blüten. Sobald sie in die Erde kommt, entwickelt sie Wurzeln, die Wasser und Nährsalze aufnehmen. Nach der Blüte wachsen im Sommer an den Mutterzwiebeln Tochterzwiebeln heran, die im Oktober von der Mutterzwiebel getrennt und neu gesetzt werden können.
«Die Tulpe ist die vielfältigste aller Frühlingsblumen», schwärmt Bruno Jenny, eher bekannt als Orchideen- und Farnspezialist. Doch die Tulpe ist ebenso seine Spezialität. Den Winter über zieht er die Zwiebeln aus den Niederlanden in Kühlhäusern auf, im März / April liefert er die Jungpflanzen an Gärtnereien und den Engroshandel und verkauft sie in Töpfen und täglich frisch geschnitten in seiner Gärtnerei. Und vom 26. März bis 29. Mai zeigt er in Ebikon bei Luzern seine dritte Tulpenschau (siehe Hinweis unten). Auf eineinhalb Hektaren, rund um seine Gewächshäuser, blühen um die 330 000 Tulpen in über 300 Sorten. Von den frühen über die mittleren bis zu den späten sowie botanische Tulpen. «Sicher, die Holländer haben die grösseren und spektakuläreren Tulpenschauen, aber Berge haben sie keine», sagt Jenny, und seine Tulpenschau sei in dieser Vielfalt wohl die grösste der Schweiz.

TULPEN ZUM BEWUNDERN
- Luzerner Garten, Bruno Jenny, Adligenswilerstr. 113, Ebikon. www.luzerner-garten.ch
- Tulpenschau Luzern: 26. März bis 29. Mai. Mo bis Fr 8 – 18.30 Uhr, Sa 8 – 16 Uhr, So 11 – 16 Uhr. www.tulpenschau.ch
- Tulpenschau Morges: 9. April bis 15. Mai., www.morges-tourisme.ch/de/tulipe






























