Eine Steintreppe führt zur Kapelle hoch. Neben dem Tor hängt ein zartrosa-silbernes Négligé an einem Kleiderbügel, aufgepeppt mit einer weinroten Federboa. Hier muss er sein, der Weiberkleidertausch, zu dem eine Gruppe von Freundinnen rund um Anouk Holthuizen zum sechsten Mal einlädt.
Tatsächlich, im Innern der Badener Sebastianskapelle öffnet sich eine bunte Welt voll üppig behangener Kleiderständer und sorgfältig präsentierter Pullover, mit Wühlkörben, einer Schuhkollektion, Schmuck auf dem Konzertflügel und einem Meer von Hosen auf dem Altarabsatz.
Und Dutzenden von Frauen vom Teenager bis zur Seniorin, die das Kleiderparadies durchstöbern wie Jägerinnen auf der Pirsch nach kostbaren Beutestücken.
Aus den Lautsprechern umspielen Latino-, Tango- und Poprhythmen die Ohren. Und im Saal herrscht die Atmosphäre eines angeregten Markttreibens. Ähnlich demjenigen an den Ständen in der nahe gelegenen Marktgasse der Altstadt Badens. Mit dem Unterschied, dass am Weiberkleidertausch jedes ergatterte Stück gratis ist. Einzig fünf Franken Eintritt bezahlen die Besucherinnen für den Aufwand des Organisationsteams, das grosse Spiegel herangeschafft hat, Kleiderständer montiert und eine Kaffeeecke eingerichtet.
Fast wie Weihnachten
Damit ist die Grundlage gelegt für die Party, die viele Frauen glücklich macht. Jede bringt die Kleidungsstücke aus ihrem Schrank mit, die sie schon lange mal aussortieren wollte. Weil sie auch nach Jahren noch nicht passen oder nicht mehr, weil sie euphorisch gekauft, dann doch ungeliebt im Schrank hingen. Frauen kennen das. Und trotzdem: Irgendwie hängt man daran, sodass man sie lieber weiterschenkt als via Kleidersack entsorgt. Und aus dem Kleiderschatz, der so zusammenkommt, pflückt sich jede Besucherin wiederum genau diejenigen Teile heraus, die ihr Herz erobern; Deuxpièces, Wintermantel, Bluse oder Kleid.
«Das Schöne ist, dass man hier den Weibchentrieb voll ausleben kann», sagt Regina Cotteli aus dem Organisationsteam. «Frau kann sich vor dem Spiegel lustvoll in Szene setzen und merken, doch, ich bin sexy und schön.» Was im Berufs- und Familienalltag oft allzu kurz komme. Und Besucherin Silvia Mancini Gasparini findet: «Mit Kleidern spielen und sich schmücken ist für mich eine urweibliche Angelegenheit. Ein Fest mit Frauen. Einfach wundervoll!» Entsprechend fröhlich und beschwingt ist die Stimmung im Saal.
«Das ist ja wie Weihnachten!», strahlt eine Besucherin ihre Freundin an, als sie eine schicke Bluse aus dem Kleiderständer angelt. Passend zur fröhlichen Veranstaltung schaut vom goldgerahmten Ölbild an der Wand ein gut gelauntes Jesuskind auf das bunte Treiben zu seinen Füssen, derweil die Heiligen Drei Könige ihm Myrrhe, Gold und Weihrauch darreichen. «Dass wir hier die Kapelle der katholischen Kirchgemeinde als Veranstaltungsort gratis benutzen dürfen, ist ein Glücksfall», freut sich Anouk Holthuizen, die den Kleidertausch vor drei Jahren erstmals mit einer Freundin zusammen auf die Beine stellte.
Gegen den Konsumwahn
Auf die Idee kam sie, weil sie ab und zu Kleider mit Freundinnen austauschte. «Warum nicht mal im grösseren Rahmen», dachte sich die Journalistin und Mutter zweier Töchter, «Zudem nervte es mich, wie in Kleiderläden alle paar Wochen in Massen neue Kleider hängen. Dieser Ressourcenverschleiss nur, um Geld zu machen und Bedürfnisse zu schaffen; dieser gewaltige Konsumwahn im Glauben, noch mehr neue Kleider brächten ein besseres Lebensgefühl!»
Die Kleidertauschparty sieht sie als ihren bescheidenen Beitrag im Kampf gegen diese Auswüchse. Und als Wertschätzung der Kleider und der Arbeit, die darin steckt. Schöner Nebeneffekt der Gratistauschbörse: Freundinnen sehen sich wieder, es wird vor den Spiegeln umgezogen und fachkundig kommentiert, ob das Kleidungsstück sitzt oder nicht, Frauen lernen sich kennen. Und: «Es macht enorm Spass!», strahlt Anouk Holthuizen. Wer selber reinschaut, riskiert, wiederzukommen.
Zahlen rund um Kleider
- Durchschnittlich 14 Kilogramm Kleidung werden in der Schweiz pro Person und Jahr gekauft.
- 95 Prozent der Kleider werden in Zulieferbetrieben in Osteuropa und der Dritten Welt produziert – mehrheitlich von Frauen, zu Hungerlöhnen und oft unter schlechten Bedingungen.
- Die Produktion eines T-Shirts benötigt 2000 Liter und die einer Jeans 11 000 Liter Wasser.
- Pro Jahr sammeln Hilfswerke in der Schweiz gut 45 000 Tonnen Kleider. Damit werden 50 Prozent der Textilien wiederverwertet.
Quellen: Amt für Umwelt und Energie des Kantons Basel, Jugendprojekt Energiedetektive, Erklärung von Bern, Terres des femmes, Texaid
Lust auf Kleidertausch?
- In Städten wie Zürich, Basel, Bern und Luzern fasst der Kleidertausch langsam Fuss. Oft finden die Anlässe einmalig statt, anders als der Weiberkleidertausch in Baden, der im Frühling 2012 erneut erfolgen wird. Informationen zu Kleidertauschaktionen findet man am besten im Internet mit den Suchbegriffen «Kleidertauschbörse» oder «Kleidertauschparty».
- Eine Kleidertauschparty mit Freundinnen lässt sich auch gut zu Hause durchführen: Jede Freundin darf so viele Kleider aussuchen, wie sie selber mitgebracht hat. Die restlichen Kleider werden für einen guten Zweck gespendet


























