Arganöl, das Gold der Berber

Nur in Marokko, zwischen Atlantik und Wüste, gedeiht der Arganbaum. Seine ölhaltigen Nüsse sind begehrt und gelten als Lebenselixier, das die Schönheit bewahrt. Ein Jungbrunnen für Haut und Haar.

  • Die Nüsse werden von Hand gesammelt und mit Esel und Wagen in die Kooperative gebracht.
  • Arganöl pflegt die Marokkanerinnen schon seit hunderten Jahren .
  • Die Nüsse werden mit Steinen geknackt.
  • Labiad (vorne) und ihre Kolleginnen öffnen die Nüsse.
  • Bouchra bereitet die Nüsse in der Kooperative zum Knacken vor.
  • Die junge Argannuss reift während sechs Monaten am Baum.
  • Mit der Steinmühle werden die Nüsse zu einer Paste zermalmt.
  • Im Dutzend knabbern gefrässige Ziegen an den Trieben des Arganbaums.

Schon wieder tippelt ein Esel mit einem Mann die Strasse entlang. Und wie alle marokkanischen Männer sitzt er im Damensitz auf dem mittelalterlichen  Fortbewegungsmittel, schnalzt mit der Zunge, um das Schritttempo zu halten, und hilft, wenn es bergauf geht, mit einem kleinen Hirsestöcklein nach, um den Lastenträger vorwärtszutreiben.

In den zwei grossen, geflochtenen Körben, die er auf seinem wackeren Esel transportiert, befindet sich ein kostbares Gut, von dem die ganze Region zwischen Essaouira und Agadir und weiter südlich bis fast zur Sahara lebt: die heiss begehrte Argannuss. Das Gold der Berber. Ein überaus seltenes Geschenk der Natur, das seit kurzem europäische Kosmetikfirmen wie Nivea als auch Delikatessen-Anbieter für ihre Gourmets entdeckt haben.
Denn nach einer solchen Nuss suchte man in unseren nördlichen Hemisphären bisher vergebens.

Der Geist der Argannuss
Nur in diesem 820 000 Hektaren  grossen Landscha sgürtel – etwa so gross wie die Fläche von Kreta – wächst der Arganbaum. Wild und widerspenstig. Dornig, aber ungemein fruchtbar. Alle Versuche, diesen Urzeitbaum, der sich seit 80 Millionen Jahren hier vermehrt, in anderen Regionen Afrikas, Europas oder Asiens anzusiedeln, scheiterten. Die Arganie lässt sich nicht verpflanzen. Sie braucht diese rot gefärbte und magnesiumreiche Erde und dieses  besondere Klima zwischen Atlantik und Wüste mit dem eigenartigen Nebel und Tau, aus dem sie sich speist – nur so kann sie gedeihen und bis zu 300 Jahre alt werden.

Und Jahr für Jahr ölhaltige Nüsse tragen, denen nachgesagt wird, dass sie ein wahres Lebenselixier seien. Ein Jungbrunnen für Haut und Haar. Und als  «Amlou» verspiesen – eine süssklebrige Mischung aus Arganöl und Honig – sogar gut für das Herz seien, wie Chirife sagt, der Mann mit dem Esel.
Diese besonderen Eigenschaften machen das Arganöl auch für uns höchst interessant – sei es als Speiseöl oder zur Körperpflege.

Manche Schweizer Köche schwören geradezu auf das goldgelbe, dickflüssige Öl und möchten diesen Schatz der Berber, der den Speisen eine exotische Note verleiht, nicht mehr missen. Dass es zudem über 80 Prozent essenzielle Fettsäuren enthält und den Blutzuckerspiegel senkt, macht es für jeden, der gesundheitsbewusst ist, zum Star unter den Speiseölen.

Auch das kosmetisch veredelte Arganöl, das in vielen marokkanischen Kooperativen noch heute von Hand mühevoll mit Steinmühlen gepresst wird, schmeichelt dem Geruchssinn auf angenehme Weise: Ob mit Jasmin, Rose, Orangenblüte, Arnika oder Eukalyptus versehen – sobald das Arganöl die Haut berührt, verbreitet es einen Duft von erdig-sinnlicher Wärme, aber auch von wildem Ungestümsein. «Das ist der Argangeist», sagt Labiad Khadija. Die 48-jährige Berberin hat mit ihren beiden Töchtern Souad, 21, und Malika, 19, im Bauerndorf El Hanchane, 50 Kilometer östlich von Essaouira, vor einem Jahr eine Argan-Kooperative gegründet.

«Wer sich einmal auf diesen Geist eingelassen hat, kann ohne ihn nicht mehr sein. Er pflegt, nährt, und er beschützt auch», sagt Labiad. Aha, so ist das also mit diesem Öl – das ist das tiefere Geheimnis. Und wer in Labiads rabenschwarze Augen schaut, die so jugendlich wirken und schelmenhaft, so verschmitzt und voller Lebensbejahung, bekommt gleich Lust, sich von Kopf bis Fuss mit dem magischen Arganöl einzureiben. So wie es die Marokkanerinnen seit jeher beim Hammambesuch tun.

Doch zuerst muss man den «Ölgeist», die Essenz, aus seiner uneinnehmbaren Festung, einer Nuss, befreien. Und das gelingt nur Könnern. Denn mit einem
simplen «Sesam, öffne dich» oder einem «Abrakadabra» tut sich rein gar nichts!

Unter Schutz
Beherzt schlägt Labiad mit einem keilförmigen Stein auf die harte Nuss – ein gezielter Schlag, und sie springt entzwei. In ihrem Innern liegen drei kleine Mandeln, weiss wie Schnee, die  ugs in einem Korb landen. Zwei Kilo pro Tag kommen auf diese Weise zusammen. Das macht für Labiad, ihre beiden Töchter  und die anderen zwölf Frauen, die in der Kooperative in El Hanchane Argannüsse schälen und knacken, 24 Kilo Arganmandeln pro Tag. Eine harte Arbeit,  wenn man bedenkt, dass es für einen Liter reines Arganöl 80 Kilo Mandeln braucht. Und der Bestand der Bäume, von dem die ganze Region inzwischen auch  exportmässig lebt, nicht zu maximieren ist.

Und so erstaunt es kaum, dass der Arganbaum, gerade weil er so wertvoll ist, auch Beschützer braucht.  1990 hat die Unesco die marokkanischen Arganwälder zum Biosphären-Reservat erklärt. Seither ist das Fällen der Bäume strikt untersagt. Eine spezielle  Polizeieinheit, die «Argan-Truppe», die in den Wäldern patrouilliert, schreckt mit ihrer Präsenz vor solchen Vorhaben ab. Wichtig sind die Arganwälder auch für das Klima: Sie bieten einen Schutzwall gegen das Vordringen der Sahara. Und in ihrem Schatten lässt sich selbst in den Trockengebieten rund um Agadir Pflanzenbau betreiben: Mais, Tomaten und Karotten für den Hausgebrauch. Alles öko.

Gleich nach dem Morgengebet setzt sich Abdellwahab Sami, Truckfahrer bei der grössten Ölmanufaktur Marokkos, der Marogania, in seinen Pick-up. Sein  Weg führt ihn von Agadir zu den Kooperativen und zu den abgelegenen Berberdörfern der Provinz Essaouira, um die geschälten Mandeln einzusammeln. Sie sollen frisch sein, wenn er abends, zur Zeit des Abendgebets, wieder zurückkehrt mit 250 Kilo Mandeln auf seinem Laster. Seine Tagesreise führt ihn mitten  in das Gebiet der Arganwälder. Dorthin, wo liebevoll eingerichtete Argan-Boutiquen mit allerlei Schönheits- und P egeprodukten für Haut und Haar die  Strassen säumen, neben Metzgern, die ihr Fleisch mit Köpfen und Hufen feilbieten, und Steinmetzen, die ihre selbst gefertigten Steinmühlen – jeder hat hier eine solche zu Hause, um das eigene Arganöl herzustellen – zum Verkauf anpreisen.

Die Gegend  floriert. Die Schulen sind renoviert, die Brunnen sauber, die Fassaden geputzt, und es gibt Institute, die Ausbildungsplätze für Erwachsene anbieten. Das ist auch dem sozialen Engagement der Arganmanufaktur Marogania zu verdanken, die einen Teil ihres Gewinnes, den sie durch den Arganöl- Verkauf an Nivea und andere Kosmetikfirmen erzielt – das sind jährlich 300 Tonnen Öl –, ins eigene Land investiert. Ein Fair Trade, der allen zugutekommt.  Und der ermöglicht, dass der Arganwald erhalten bleibt. Wären da nicht diese gefrässigen Ziegen! Den lieben langen Tag hängen sie in den Arganbäumen  rum, knabbern an den jungen Trieben und wagen sich sogar, listig, wie sie sind, auf das Geäst. Zwölf Ziegen zählen wir auf einem einzigen Baum. «Sie sind  eine Plage», sagt der Pick-up-Fahrer Abdellwahab. «Sie fressen uns alles weg.» Doch wer die Ziegen sieht, schliesst diese Akrobaten gleich in sein Herz. Wie die ganze bezaubernde Gegend hier mit ihren abenteuerlichen Souks und den lebensfrohen Menschen.

ARGANÖL IN DER KOSMETIK
Lesen Sie hier, welche Kosmetikprodukte Arganöl enthalten und warum.

NIVEA
Diese Reportage entstand in einer Zusammenarbeit mit Nivea.


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